Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 32 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- Seite 506 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 506 Nr. 32. 3 t f rfj u r u n. r<r Halbfesttagen nicht angelegt werden, und daß selbst unter den Besuchern der vierten Synagoge in dieser Rücksicht keine gleiche Praxis herrsche. Entschiedener verwirft er die Einführung des spanischen Ritus. Da nach der Kabbala jeder Stamm in Israel sein Fenster im Himmel hat, durch welches seine Gebete emporsteigen, so findet er es von dem Görzer Neuerer inkonsequent, daß derselbe in der Phylakterienfrage den Kabbalisten folgend, den regelmäßigen Zug der Gebete in die himmlischen Höhen zu stören wagt. An diese Rabbinen schlossen sich noch au: Raphael di Lonsano ebendaselbst, Abraham Siari in Casale, Gabriel Pontremole in Allessandria, Nethanel Ha-Levi in Pefaro und das Rabbinat in Livorno, indem sie sich einstimmig für die Erhaltung des Bestehenden erklärten. In einer eigentümlichen Lage befanden sich in diesem Streite die dem spanischen Ritus angehörenden Rabbinen. Sie brachen über , die von ihnen selbst beobachteten Gebräuche den Stab. Sie verwarfen in Görz das als irreligiös, was sie zum Bei- : spiele in Livorno als gottgefällig betrachteten und übten. Die Erhaltung des Bestehenden galt ihnen mehr, als die Propaganda für ihren eigenen Ritus. Und doch waren sie eingestandener Maßen zu mancher ihrer liturgischen Eigentümlichkeiten, namentlich zu der Dispensation von den Phylakterien, auf rein reformatorische, und zwar kabbalistischreformatorische Wege gelangt! Die naheliegende Vermutung, daß es bei der Bewegung, welche das reformatorische Drängen der Kabbalisten erzeugte, auch an innern Kämpfen in den Geistern nicht gefehlt habe, wird durch vorliegenden Bericht vollkommen bestätigt. ,,Gott ist mein Zeuge," schreibt Piamete, „daß ich den Görzer Neuerungen nicht aus Animosität gegen die Kabbala entgegentrete. Ich habe mich selbst mit dieser Wissenschaft beschäftigt, unb manche Einsicht in deren Inhalt erlangt; aber ich habe mich deshalb zu keiner Neuerung verleiten lassen, wiewohl mir mancher Brauch meiner Gemeinde fremdartig erschien und meinem Gaumen bitter schmeckte/ Trotz diesen warmnden Stimmen kommt es in Ungarn bis auf den heutigen Tag vor, daß Gemeinden, die sich zum Chassidismus bekehren, den sefardischen Ritus einführen und an Halbfeiertagen keine Phylakterien gebrauchen. Ja, einer der gefeiertsten Chassidäer R. Nachman, versicherte, daß er sich vorzüglich durch den Gebrauch deutscher Gebete zu einer so hohen Stufe kabbalistischer Erkenntnis emporgeschwungen habe. So sehr streifen Chassidismus und Reform aneinander! Katheder und Kanzel. Der Dreiklang der Erziehung. Bon T. Mansbach. Daß die Bibel, dieses großartig angelegte Erziehungswerk fürs ganze Menschengeschlecht, eine unzählige Menge von Andeutungen, Fingerzeigen und direkten Erziehungsvorschriften für jeden Menschen enrhält, ist selbstredend und bedarf keiner weitern Zitate. Fast jedes Blatt der Bibel bietet solche, ganz besonders die Proverben, Psalmen re. Das rabbinische Judentum ist darin auch nicht zurückgeblieben. Es darf stolz ans seine Erziehnngsvorschriften sein. Gleich zu anfang der Sprüche der Väter befindet sich eine pädagogische Vorschrift, die es verdient, in goldenen Lettern über jedem Familienzimmer zu prangen, aus daß sich Vater und Mutter beim jedesmaligen Betreten dieses Heiligtums ihrer großen Aufgabe gegen die Kleinen sich bewußt werden und in ihrer Lösung ihre Lebensaufgabe suchen und finden. Simon der Gerechte sagt im 1. Abschnitt der Spr. d. Väter: „Auf 3 Dingen besteht die Welt: al ha-Thora, weal ha-Awoda weal Gemiluth chassadim. 1. auf die Bildung des Geistes, 2. auf die des Körpers und 3. auf die des Herzens. Daß unter Bildung des Geistes nicht allein die durch das Gesetzstudium bewirkte gemeint sei, sondern auch die durch profaues Wissen in sich schließt, haben unsere Weisen durch ihren eigenen Bildungsgang bewiesen; denn anerkannte Talmudweise waren nicht nur bewundernswert groß in der Thoraknnde, sondern gar oft nicht niinder groß im profanen Wissen. Freilich nahm die Geistesthätigkeit im Gesetzstudium beit ersten Rang ein und spielte die auf profanem Gebiete nur eine untergeordnete, gleichsam nur die Ergänzungsrolle ihrer Hauptstud en. Es würde ganz gewiß dem Judentum nicht zum Nachteil gereichen, wenn es jetzt noch so wäre. Denn unsere Weisen betrachteten das profane Wissen nur als die Säulen, die das Gesetzstudium trugen, weil sie ganz richtig von dem Grundsätze ausgingen: „Drehe und wende sie um und um, du findest alles darin." Und schon um diesem Grundsätze unserer Weisen nachzukommen, mußten sie das ganze Gebiet des Menschengeistes zu erforschen suchen. Sie betrachteten das profare Wissen gar oft als die Thür, die zum Gesetzheiligtum führt, sanktionierten aber nie dieselbe als Heiligtum, wie das jetzt so oft geschieht. Der 2. Punkt, worauf die Erziehung ihr Augenmerk zu richten hat, ist nach unserer Mischnah „die Arbeit," nach dem Dekalog: „Sechs Tage sollst Du arbeiten." Die Arbeit, d. h. die Anwendung resp. Ausnutzung unserer Körperkräfte, behufs späterer Ernährung, wurde von unfern Weisen sehr hoch geachtet, so hoch, daß dieselben gleichsam stolz darauf waren, den Psalmspruch „nährst du dich von deiner Hände Arbeit, heil dir, es geht dir wohl!" buchstäblich zu beherzigen und zu bethätigen. Unsere Weisen hielten cs unter ihrer Würde, den Geist zur Küchenmagd des Körpers herabzuwürdigen; wir finden daher uusere Talmudweisen alF Vertreter jedes Handwerkes, ein Umstand, der das Hand; werk und sie selbst zur Hochachtung seitens der Welt brachte. Wenn wir auch leider diesem Grundsatz unserer Weisen im zivilisierten Europa nicht mehr Nachkommen können (?) so ist es uns doch unbenommen, uns in Anfertigung von Kunstgegenständen und selbstverständlich mittels des Handwerks hervorzuthun und die Freizeit, statt im Cafe, in Bier- und Weinhäusern, im Hause dem Gesetzstudium zu widmen. Der wichtigste Teil, worauf eine jede, ganz besonders aber die jüdische Erziehung ihr Augenmerk zu richten hat, ist Gemiluth Chassadim, „Herzensbildung." Sie steht in unserer Mischnah nur darum zuletzt, weil nach einem Grundsatz unserer Weisen „das Beste zuletzt kommt." Die Herzensd. h. Gemüts- und Gefühlsbildung ist der Gipfelpunkt der ganzen Erziehung, gleichsam die Krone des ganten Bildungs- Werkes, nach dem Spruche des Rabbi Eleasar ben Ärach, der das „gute Herz" über alles stellt und welcher Ansicht sein Lehrer Rabbi Jochanan ben Sakkai beistimmt, indem er es als die Quelle aller edlen Handlungen und die Wurzel aller Ideale bezeichnet. Das Leben bestätigt diese Wahrheit täglich. Entschuldigt nicht der streng-ernste Vater, geschweige denn die zur Milde geneigte Mutter, manchen schmerzlichen Leichtsinn des Kindes, wenn es im ganzen ein gutes Herz