Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 32 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- Seite 503 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 32. Seite 503. -»i * r dj gar nicht Setzer, sondern Korrektor in einer hebräischen Drnckerei. Als armer Litterat nach Wien gekommen, erweckte er die Aufmerksamkeit des Rabbiners Lazar Horowitz, eines der edelsten Vertreter der schlichten alten Orthodoxie, und dieser verschaffte ihm die Stelle eines Korrektors in der Schloßberg'schen Druckerei, wo damals gerade eine neue Ausgabe des Talmud hergestellt wurde Später trat er in die Druckerei von Georg Brveg ein, wo er der Leiter des hebräischen Teils wurde und dabei den „Haschachar" herausgab, was ihn aber nur so kümmerlich ernährte, daß er später, als ihn ein Halsleiden auf's Krankenlager warf, von mildthätigen Gaben leben mußte, bis er in Meran, wo er vergeblich Heilung gesucht hatte, seinem Leiden erlag. Dieses tragische Ende kann aber ans Smolensky keinen Schatten werfen, es ist nur ein trauriger Beweis für die Abnahme an idealen Interessen innerhalb des Judentums. Nachbemerkung. Dieser warmtönige Aufsatz zur Ehrenrettung des entschlafenen Smolensky ist uns Veranlassung, nachdrücklich auf die Tendenz des „Jeschurun" hinzuweisen. Diese besteht in der absoluten Unparteilichkeit, deren konsequente Durchführung es mit sich bringt, daß in diesem Blatte häufig Meinungen zum Ausdruck gelangen, die den unsrigen in keiner Weise entsprechen. So ist das Urteil des pseudonymen, aber nichtsdestoweniger geschätzten Herrn Lemberger auch uns hart erschienen; allein wir durften nicht aus der freigewählten, oft recht schweren Rolle der Unparteilichkeit fallen und mußten den Mund, recte die Feder halten. Umso willkommener ist uns der vorstehende Aufsatz, den wir nach der „Deborah" wiedergebcn, obwohl seine Spitze gegen uns gerichtet ist. _Red, des „Jeschurun." Wlffensltzllst und Meratur. „Israels Leiden." Bon S N. Margulies. Unermeßlich wie das Meer ist das Leid, das das jüdische Volk seit zwei Jahrtausenden in Ost und West, Süd und Nord still erduldet. In der griechischen Sage wird Prometheus zu den gräßlichen Qualen verdammt, weil er die Menschen durch Spendung des Feuers zu höherer Kultur und Gesittung erhebt. Ein gleiches Schicksal scheint den jüdischen Stamm zu treffen. Von ihm strahlte den abendländischen Völkern das Licht des Glaubens aus und er wurde zur ewigen Qual angeschmiedet und der Geier des Fanatismus frißt an seiner Leber grausam und unaufhörlich. In jedem Jahrhundert nehmen seine Marter eine andere Gestalt an, bald ist es der Religionswahn, bald der Rassenhaß, bald die gemeinste Habgier, die über ihn herfallen, und in unserer Zeit ist es gar die Hydra des Antisemitismus, die alle diese guten Sachen in sich vereinigt, das jüngste Ungeheuer der Hölle, welches seine Zähne nach ihm fletscht. Alle Dinte und alles Papier der Welt würden nicht ansreichen, wollte man es versuchen, all die Leiden Israels wiederzugeben, die ihm die Vergangenheit gebracht und die Gegenwart noch immer bereitet. Und doch liegt vor uns ein kleines, kaum hundert Seiten stärkes Büchlein*) *) „Israels Leiden." Bon Leopold Landau. Phorzheim, Selbstverlag. ~ Verfasser, ein reichbegüterter Kaufmann, giebt das Büchlein an Rabbiner, Lehrer rc. behufs Veräußerung zu wohlthätigem Zwecke gratis ab. Die Red. u r u n. gar niedlich anzuschauen in seiner Ausstattung und mit seinen zierlichen Versen, worin uns der Verfasser auf den Schwingen der Poesie gar viele der schrecklichen Bilder unserer Leidensgeschichte vorführt und vor unseren Angen entrollt. Als wir das schmucke Büchlein zur Hand nahmen, blickten wir etwas achselzuckend auf den kleinen Umfang desselben — ach, Israels Leiden sind wohl etwas größer! lächelten wir gar wehinütig vor uns hin. — In der That sind es auch nur wenige Momente, die hier berührt werden; was aber hier geschildert wird, ist oft packend und ergreifend, und bringt uns, indem es alte Wunden anfreißt, noch viel, sehr viel des Grausigen in Erinnerung, was hier nicht ausgeführt wird. Das Büchlein ist nach Form und Inhalt augenscheinlich nur eine Romanze und handelt, wie die meisten Ritterballaden, von einem schwergeprüften irrenden Ritter, Lothar, und einer holden Maid, Graziella, dessen Tochter, die, vom christlichen Vater früh getrennt und der maurischen Mutter durch den Tod beraubt, unter der Obhut eines treuen jüdischen Wärters, Ibrahim, im schönen Kastilien heranwnchs. Ein jüdischer Rabbi erfüllt das Vermächtnis des sterbenden Vaters und nimmt die Waise, vielen Mühsalen und Gefahren trotzend, unter seinen Schutz und der große edle jüdische Arzt, Salomon, rettet ihr das Leben. Wir hören Harfenrausch und Lautenschlag und wehmütigen Liebessang und dazwischen ritterlichen Wettkampf und Lanzenbrechen uud den Jubel und Trubel eines Volksfestes in Granada, und sehen Bürger- und Rittertum, und Halbmond und Kreuz um die Herrschaft ringen. Aber von allen diesen Bildern heben sich ehrwürdige, jüdische Gestalten ab, groß in ihrem Dulden, erhaben in Opferwilligkeit und glänzend durch ihren Edelmut, ihr Entsagen, ihre höhere Gesinnung und ihr überlegenes Wissen. An die etwas locker znsammengefügten Figuren und Begebenheiten schließen sich ergreifende Schilderungen der ausbrechenden schwarzen Pest an, die vom fanatischen Pöbel natürlich den Juden zur Last gelegt wird und die dafür zu Tausenden unschuldig hingemordet werden. Läßt sich vom Standpunkt der Dichtkunst gegen die Komposition und das künstlerische Gefüge des Ganzen auch manches einwenden, so weht doch durch die ganze Schrift ein dichterischer Hauch und man fühlt sich durch die Glaubenswärme und Glaubenstreue, die überall zum Ausdruck kommt, angenehm berührt. Nur manche Betrachtungen sind dunkel und wären am besten weggeblieben, wie auch manche Ausschmückung, die zu sehr nach christlicher Romauzenschablone gebraucht ist, neben der jüdischen Lehre aber nicht ganz rechl am Platze steht. Der R«um dieser Besprechung gestattet cs nicht, auf diese Einzelheiten einzngehen, oder auf sprachliche Mißtöne hinzuweisen, von denen das Merkchen nicht frei ist und die dem sonst schwungvollen Poem Eintrag thun. Das Werkchen enthält aber genügend., schöne Lichtpunkte und manches zu beherzigende Wort, das wir gern unterschreiben, besonders da, wo der Verfasser gegen die Verderbnis unserer Zeit, das Haschen vieler Juden nach Glanz und Gold und Goldesschimmer, eifert und diesem Gehaben die Anspruchlosigkeit und das edlere Streben unserer Glaubensgenossen im Mittelalter als Spiegel entgegenkält. So in folgenden Strophen: .... denn nutzlos ist die Bürd', Das eitle Erz bringt Weh und Herzeleid. Und das Besitztum hat den Haß geschürt — Den Haß der andern schürt Besitz und Geld, In schwacher Menschenbrnst wird Neid erregt,