Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 32 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- Seite 502 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nc. 32. Seite 502. -^Jeschurun. r<- Daß Smolensky die jüdisch-nationale Bewegung in Wien angeregt habe, ist mir vollständig neu. So lange ich ihn kannte, das war bis zum Jahre 1881, also bis kurz vor seinem Tode, war von einer jüdisch-nationalen Bewegung besonders unter Studenten nie die Rede gewesen. Smolensky selbst dachte damals noch als Russe. Ich kann mich wenigstens erinnern, daß er, als ihm ein Sohn geboren wurde, sagte: „Der soll einst Präsident der russischen Republik werden." Später mag Smolensky vielleicht anderer Meinung'geworden sein, aber das war durchaus nicht eine geschäftliche Spekulation eines verkrachten Jobbers, wie der „Jeschnrun" es bärgest, llt, sondern eine Konsequenz geschichtlicher Verhältnisse. Der russische Despot hatte den Öhron bestiegen und war er als Kronprinz schon wegen seiner Hinneigung zum Panslavismus und zur Reaktion bekannt, so wuchs das Mißtrauen der russischen Juden noch mehr durch das aller Zivilisation Hohn sprechende Verfahren der Behörden während der Judenverfolgungen des Jahres 1882, deren Hauptschauplatz Elizabethgrad war. Den Russen schlossen sich die rumänischen Juden an, die von ihrer Regierung auf's schmählichste betrogen worden waren. Rumänien war auf dem Berliner Kongresse zur Erteilung der Gleichberechtigung an die Juden gezwungen worden, hatte sich aber diesem Vertrage durch allerlei Anslegungskünste zu entziehen gewußt. Das war Grund genug für die gebildete rumänische Jugend, die sich mit allem Eifer natioralisiert hatte, jede Hoffnung ans Anerkennung ihrer Bürgerrechte in der Heimat aufzugeben. Sv ließen sie sich von der Rassentheorie fortreißen. Als ein weiteres Moment kam dazu, daß die deutsch-nationale Bewegung in Österreich immer mehr in's antisemitische Fahrwasser geriet lind weitere Scharen der intelligenten jüdischen Jugend dem Nationalismus in die Arme trieb. Man darf auch nicht vergessen, daß der Kultus, welchen diese jungen Leute als Ausdruck des religiösen Bewußtseins vor sich sahen, vor 60 Jahren als schwächlicher Kompromiß zwischen dem Zeitbewußtsein und der Tradition entstanden war. So war in den jungen Leuten naturgemäß der Gebaute erwachsen, daß sie vom religiösen Gesichtspunkt aus nicht als Juden zu betrachten seien; auf der anderen Seite erfuhren sie im Hörsaale, in den studentischen Vereinen, bei Bewerbungen um eine Stelle, sowie bei der Teilnahme am politischen Leben, daß sie Juden seien. Dasselbe sagte ihnen auch ihr Gefühl. Wie sollten sie nun ihr Judentum definieren? Da kam ihnen der durch die materialistische Zeitrichtung auf die Spitze getriebene nationale Rassengedanke zu Hilfe. Soweit waren sie Juden. Ob Sniolensky für diesen Gedanken Propaganda gemacht hat, weiß ich nicht; jedenfalls ist es lächerlich, diese mächtige Bewegung auf ihn allein zurückzuführen und es hieße dem verdienten Litteraren schweres Unrecht thun, wollte man behaupten, daß sein Anteil an dieser Bewegung — immer vorausgesetzt, daß ein solcher wirklich bestanden hat — bloß geschäftliche Spekulation gewesen sei. Was meine persönliche Stellung zu dieser Natioualidee betrifft, so kann ich sie ganz kurz und bündig als eine Verirrung bezeichnen, die nur aus der materialistischen Weltanschauung zu erklären ist. Wenn Leben nicht anderes ist als ein Zustand der Materie, und Seele nichts anderes als ein chemischer Prozeß, so ist ja auch der Mensch nichts anderes als ein chemisches Produkt des Zeugungsaktes, dann ist natürlich Judentum nichts anderes als die Abstammung von jüdischen Eltern. Diese Anschauung erweist sich als falsch vom wissenschaftlichen Gesichtspunkt, denn der Mensch erhält das Beste, was er besitzt, von den Einflüssen zeitlicher und örtlicher Umgebung. Aus dem Sohne eines reichen Privatiers, der, um doch etwas zu sein, sich den Titel eines kaiserlichen Rats kauft, wird noch lange kein Goethe, aus dem Sohne eines korsischen Landedelmannes wird nicht mit Naturnotwendigkeit ein Napoleon. Unsere Zeit ist durchaus nicht über die Philosophie Hivb's hinansgekomnien: „Ja, eine Seele ist im Menschen und der Geist des Allmächtigen macht sie verständig." (32, 8.) Keine Wissenschaft hat bis zum heutigen Tage die talmudische Theorie widerlegt, daß „drei Teilhaber am Menschen sind: Vater, Mutter und Gott." Ebenso wie philosophisch ist diese Ansicht auch theologisch falsch. Das Judentum besteht nicht aus den Nachkommen von Juden, sondern ans Bekennern der israelitischen Religion. Wie wäre uns sonst verständlich, daß in unserem Gebete der überzeugnngstreuen Proselyten in Verbindung mit den Frommen, den Gerechten, den Ältesten unb den Gelehrten gedacht wird? Dieses Gebet n^ön) wurde nach der glaubwürdigen Angabe des Talmud unter Leitung R. Gamliel U. also im Anfänge des 2. Jh. d. b. Z zu einer Zeit, wo das Judentum durch das Anwachsen des Christentums am bedenklichsten gegen Proselyten geworden war, verfaßt. Damals also hatte man noch das volle Bewußtsein von dem Grundgedanken des prophetischen Judentums, daß alle Völker der Erde sich einst versammeln sollten um den Berg des Herrn, um zu lernen die Wege Jakobs (Jes. 2, 3), daß Egypten genannt werden solle „mein Volk" und Assur „mein Händewerk" (Jes. 19, 25). Von demselben Geiste zeugen zahlreiche talmudische Aussprüche, wie. Gott hat Israel nur deswegen unter die Völker zerstreut, damit sich ihnen Proselyten anschließen (Pesachim 86, b), während die wenigen Sprühe, die'eine gegenteilige Anschauung verraten, z. B.: Proselyten sind für Israel, was der Aussatz für den Körper (Jebamoth 109, b) nur auf das Bedenkliche der Proselytenmacherei aufmerksam machen sollen. Fragen wir uns aber, woher diese Idee gekommen, da der Antisemitismus nicht ihr Erzeuger, sondern nur der Anlaß zu ihrem Hervortreten gewesen sein kann, so müssen wir auf den Messiasglauben verfallen. Der religiöse Glaube an die Wiederherstellung des davidischen Königreiches, den zuerst die Rationalisten als praktisch unausführbar, dann die Kritiker als wissenschaftlich unbegründet dargethan haben, war im Grunde nichts anderes als der Glaube der heutigen Zivnsschwärmer, mit dem Unterschiede, daß diese durch natürliche Mittel herbeizuführen gedenken, was jene dem übernatürlichen Eingreifen Gottes überlassen wollten. Warum sollte also Smolensky — immer vorausgesetzt, daß er ein so eifriger Verfechter dieser Idee gewesen — mehr Tadel verdienen als Rabbiner, welche in den Jahren 1819 und 3 842 den Hamburger Tempel , wegen Streichung der Messias- Hoffnung aus dem Gebetbucye verdammten, oder als Zacharias Frankel, der, obwohl auf einem milderen Standpunkte stehend, dennoch auf dem Messiasglauben beharren zu müssen erklärt? Schließlich noch eins über den „Setzer" Smolensky. Es ist ja wahr, Smolensky hat keine Hochschule besucht, aber wer hat dem Herrn von Goethe eine Dichterlicenz gegeben, oder wer hat Herrn von Bismark aus .deutscher Einigungölehre geprüft? Das Genie braucht eben keinen Befähigungsnachweis. Soviel ich aber weiß, war Smolensky