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Jeschurun · 1893-08-11 · 32 (11.8.1893) · p. Seite 501

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
32 (11.8.1893)
Date
1893-08-11
Page
Seite 501 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32. Seite 501 -5* | £ f dj u r u n. *«- Wicklung, die Veredlung, die Kultur und den Fortschritt der Menschheit mächtig eingewirkt. Unser Stamm hat die Götzenaltäre umgestürzt, und den Völkern das Hauptgebot vollkommenster Ethik eingeprägt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Es giebt zwei Mächte, welche am meisten zur Vervollkommnung, zur Läuterung und V?.rsittlichung der Menschheit beitragen: Die Religion und die Kunst. Die Wissenschaft klärt auf, reinigt von Aberglauben, erweitert unsere Kenntnis der Natur, schafft auch materiellen Nutzen im sozialen Verkehre, findet aber nicht Eingang in alle Schichten der Bevölkerung, ergreift nicht die Seele, erregt nicht das Gemüt, regelt nicht den Willen. Die Wissenschaft ist kalt, ist sich selbst Zweck, bewegt sich im Reiche des Verstandes, operiert mit Zahlen, Ziffern und Syllogismen, während die Religion und die Kunst ein Feuer ausströmen, das erwärmt die Seelenkräfte in Thätigkeit versetzt und der Phantasie einen Spielraum gewährt. Man kann daher behaupten, daß die Hebräer und die Hellenen, die einen durch die Religion, die anderen durch die Kunst, das Menschentum, dessen Entwicklung und Gestaltung geweckt und genährt, und dadurch Verdienste um die gesamte Menschheit sich erworben haben, deren Fortwirkung nicht unterbrochen und nicht gehemmt werden kann, trotzdem die Macht der Religion in unserer Zeit bekämpft wird und einige die ideale Kunst in den prosaischen Naturalismus verwandeln wollen. Auch das Mittelalter ist keine öde und dürre Wüste, auch auf dessen Boden fließt eine Quelle der Tröstung für das israelitische Volk. Denn es berichtet uns von dem großen Anteil, den die Inden an der Verbreitung der Wissenschaft und an der Verbindung der Völker durch den Handelsverkehr hatten. Als die Araber die Träger und Pfleger der Wissenschaft waren, waren die Juden die Vermittler derselben zwischen Orient und Occident. An fürstlichen Höfen waren sie thätig, um die arabischen Werke zu übersetzen und sie den christlichen Völkern zugänglich zu machen. Sie zeichneten sich nicht blos als Übersetzer aus, sondern auch durch selbständige Arbeiten, als Philosophen, Mathematiker, Astronomen und Ärzte. Ein wohl bald erscheinendes großes Werk Steinschneiders wird Nachweisen, welch' erstaunliche Emsigkeit und Rührigkeit die Juden als Übersetzer entfaltet, und dadurch zur Kultivierung der Völker beigetragen haben. Die Antisemiten durchwühlen das Mittelalter und weisen auf dasselbe hin, um die Juden im mittelalterlichen Geiste zu bedrücken. Wir aber schlagen die Annalen des Mittelalters auf, um zu zeigen, daß die Juden selbst in jener düsteren, von Glaubenshaß umwölkten Epoche durch ihre wissenschaftlichen und kommerziellen Leistungen um ihre Mitmenschen sich verdient gemacht haben, und diese wegzuläugnenden geschichtlichen Thatsachen sind für uns eine Quelle des Trostes und der Erhebung. Wir sind Diener des Einen Gottes und Diener der gesamten Menschheit; wir arbeiten zu deren Besten, wo wir nur können, vertreten das Semitentum in glänzender Weise und verdienen dafür Dank und Anerkennung. Im Reiche der Zukunft erschließt sich eine andere Quelle der Tröstung für die Bekenner des Judentums. Es kommt die Zeit, so hoffen wir, wo das Judentum strahlend und glänzend sich erheben, erkannt und gewürdigt in voller Aufrichtigkeit der Nationen, und das israelitische Volk für die Jahrtausende langen Prüfungen belohnt werden wird. Es wird das Wort der Propheten in Erfüllung gehen, und ein Vorläufer unseres Triumphes oder des Triumphes der Wahrheit, Gerechtigkeit und echten Humanität lind z. B. die Förderer der Friedenskongresse, welche die Lehre verbreiten, daß nicht das Schwert und nicht die rohe Gewalt, sondern Schiedsrichter die Streitigkeiten der Nationen untereinander schlichten sollen. Eine der größten Entdeckungen, die in unserer Zeit auf dem Gebiete der Naturwissenschaft gemacht wurde, ist das Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Nichts geht im Kosmos verloren, jede Kraft wirkt fort und erzeugt wieder durch Metamorphosen neue agierende Erscheinungsformen — und die Erhaltung des Judentums und des israelitischen Volkes wäre ein Zufall, ein bloßes Spiel, ginge allmählich verloren, könnte vernichtet werden, so daß es spurlos aus der Geschichte, diesem geistigen Kosmos, verschwände? Nein! die Fortdauer eines Stammes, wie die des jüdischen als ein selbständiges historisches Gebilde ist beispiellos. Die Geschichte des israelitischen Volkes ist ein großartiges Epos; einige Gesänge desselben sind bereits von dem erhabenen Weltenlenker geschaffen worden. Sie behandeln das graue Altertum, die Zerstreuung Juda's, das Mittelalter,' die moderne Zeit mit ihren wechselvollen Kämpfen. Und die Zukunft wird neue Gesänge bringen, das Epos vollenden, das mit den Worten Tasso's schließen wird: la Grerusalemme liberata, „das befreite Jerusalem"! Peter (Perez) Smolensky. Von Dr. G Deutsch. Cincinnati, O, den 13. Juli. In der letzten Nummer der „Deborah" finde ich an leitender Stelle ein Zitat aus dem „Jeschurun". wo in von dem Manne, dessen Namen an der Spitze dieses Auffatzes steht, in einer höchst ungerechten Weise gesprochen wird. Es ist ein Beweis von absolutem Mangel an Verständnis für die jüdische Litteratur, wenn jemand Smolensky wegwerfend einen „jüdischen Setzer" und den „Haschachar" ein Blättchen nennt. Peter Smolensky war vor allem ein großer Dichter, ein Meister im Charaktergemälde, ein Dichter, der Turgeneff, den er sich zum Muster genou men zu haben scheint, erreicht haben würde, wäre er einer europäischen Sprache mächtig gewesen. Daneben besaß er ein stilistisches Talent ersten Ranges. Er ist, was die Gewandtheit in der Verwendung der hebräischen Sprache betrifft, unseren größten Meistern an die Seite zu setzen, er reiht sich einem Jehuda Halewi, einem Mose Chaim Luzatto, einem David Franco Mendes an; als Dichter ist er ihnen allen überlegen. Wie er als Sriftsteller epochemachend war, so war er es auch als Redakteur. Im „Haschachar" sprach sich ein poetisches Talent aus, welches den „Meassef" und die Bikkure Haittim weit überragte. Dort erschienen unter anderein die unsterblichen Poesien des kürzlich verstorbenen Jehuda Löb Gordon, den man den Heine der hebräischen Poesie nennen könnte, mit der Ausnahme, daß er sein satyrisches Talent nicht zur Zote mißbraucht hat. Außer der Poesie war auch die Wissenschaft im „Haschachar" durch gediegene Aufsätze vertreten. so daß es nicht zuviel gesagt ist, wenn man den „Haschachar" als eine der gediegensten litterarischen Produktionen des Judentums bezeichnet.

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