Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 32 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- Seite 500 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 500. Nr. 32. -> I t f 4 zu schmeicheln verstehen. . . . An welchen Abgrund sind große Massen unseres Volkes bereits geführt, daß sie einem Manne zujauchzen, der dem Juden Manche als Agent gegen Provision für Orden und Titeljäger .diente, der eirst vor einem christlich-jüdischen Konsortium, welches ihn aus der finanziellen Klemine reißen wollte, den heiligen schwur ablegte, daß er allezeit den Antisemitismus als eine schmachvolle Bestrebung verdammen werde, der wiederholt nachweislich sein Ehrenwort gebrochen hat, der bei dem sozialdemokratischen Inden Singer Pnmpversuche gemacht, der wiederholt Gefängnisstrafen verbüßt und noch zu verbüßen hat, der vor den Augen von ganz Europa im Reichstage als ein berufsmäßiger Verleumder in seiner ganzen Blöße entlarvt worden ist! Ein solcher. Kerl wagt es unter dem frenetischen Beifallsgehcul von Leuten, die sich Antisemiten nennen, einen Liebermann von Sonnenberg einen Jndenkn-.cht, einen Verräter zu nennen. Und von einem solchen Lump glaubt man, daß er sich noch häuten und ein anständiger Mann werden kann?! Gegen jüdische Korruption will Ahlwardt kämpfen und doch ist er, seitdem ihm die Larve vom Gesicht gerissen worden ist, verächtlicher, als irgend eine Giftpflanze, die je auf dem Beete dieser Korruption emporgeschossen ist." Aber solche „Nadelstiche" werden den Doppelgewühlten knnm tangieren und ebensowenig die Massen hindern, ihm zuzujubUn. Wer jedoch glaubt, daß nur die „unanständigen" Antisemiten von ihren Genossen abgethan würden, der tauscht sich gar sehr. Theodor Fritsch, der Verleger des oben genannten Liebermanuffcheu Organes, zählt sich selber allezeit den ..Anständigen" zu, dennoch ergeht es ihm nicht besser, als deni Herrn Ahlwardt. Das Blatt, das ihn niedermacht, ist die „Westfälische Reform." „Die kluge Geschäftlichkeit gewisser Leipziger Zeitnngsmacher und Broschürenhändler, schreibt die Reform, ist allgemein bekannte wir selbst haben noch kürzlich eine entscheidende Piobe ans dem pseudo-antisemitischen Geschäfte der Firma „Jtzig Frech, Frey (unter dem Pseudonym Thomas Frey hat Fritsch den berüchtigten „Antij.-Katechismns" he ansgegeben!!) u. Comp." unter die Lupe genommen und dem Publikum mit den zugehörigen Erläuterungen vorgezeigt. Jetzt versucht das Konsortium ein neues Zugmittelchen, um seine verlegene Ware an den Mann zu bringen. Einer unserer Leser stellt uns ein Exemplar der deutsch-sozialen Blätter, alias Antisemitische Korrespondenz zur Verfügung, welches ihm, begleitet von einem ledruckten gelben Zettelchen, zngegangen ist, in welch letzterem er angeblich durch einen „Freund seines Volkes und Vaterlandes und Leser der „D.-S. Bl." um ein Abonnement auf letzteres Blatt und um Abnahme eines „Autisemiten-Katechismus" angebettelt wird, der die „wichtigste und vollständigste Zusammenstellung zum Verständnis der Jnd nfrage" enthalten soll. Man muß nun das erwähnte, ans allem möglichen, größtenteils wertlosen Kram zusammengestoppelte Machwerk einmal durchblättert haben, uni die ungeheure Dreistigkeit und Komik dieser Anpreisung in vollem Umfange würdigen zu können. — Mit dem vorgeblichen „Freunde seines Volkes und Vaterlandes" ist es natürlich eitel Wind und Flunkerei. Übrigens ist aber diese Art Mache bereits zu plump und durchsichtig, um besonderen Schaden anzurichten. Jeder auch nur einigermaßen mit händlerischen Praktiken Vertrante merkt ohnehin sofort heraus, daß er es mit nichts weiter als mit einem judenhaften, (!!) auf den Kundenfang berechneten und nicht einmal mehr originellen Geschäftskniff zu thun hat." Es ist wirklich köstlich, wie ein Geschäftsantisemit den andern abznthun sucht!- Einer anderen Tonart begnen wir abermals in einem Teil der judäophoben Presse Rußlands. Der „Graschdanin"stehtnichtmehraUein da, sondern wirdwirksam unterstützt von einem der gehässigsten Blätter Lithauens, dem „Wilenski W.jestnik." Das Blatt beschäftigt sich mit der Lage der Bewohner Grodnos: „Unwillkürlich drängt sich die Frage auf: Womit ernährt sich denn eigentlich die größere Hälfte der Bevölkerung, welche doch jeglicher bestimmter Existenzmittel entbehrt? . Wie bescheiden das Budget ihrer Ausgaben und auf welches niedn r u n. irrigste Maß alle ihre Lebensansprüche herabgedrückt sein mögen, so oder anders müssen sie doch ihr nacktes Dasein fristen und unterhalten können! Und es ist beim besten Willen nicht einznsehen, wie sie dies Kunststück fertig bringen. Ich kenne, schreibt der Korrespondent des gen. Blattes, persönlich einige hundert Familien, deren Monatsverdienst im Durchschnitte vier Rubel beträgt. Um nun diese Zahl in ihrer ganzen verhängnisvollen Bedeutung begreifen zu können, muß man wissen, daß die große Mehrzahl dieser Familien aus je 5 und Köpfen besteht. Ich will aber mit Vorbedacht die kleinere Zahl fürrichtig annehmen und jene Familien aus nur je 4 Personen bestehen lassen. Ich dividiere also 4 durch 4 und erhalte so je einen Rubel pro Kopf und Monat. Wissen Sie, was das besagen will? Nein, Sie wissen es nicht, und Ihre Leser wissen es auch nicht. Aber für anderthalb Pfund schlecht gebackenes schwarzes Brot, womit 4—6 Personen sich täglich ernähren sollen, muß man bei uns l1/* und selbst 2 Kopeken bezahlen, bleiben somit höchstens 40 Kopeken monatlich für Heizung, Beleuchtung, Kleidung, Beschuhnng und alle sonstigen Bedlüf-, nisse übrig. Die Leute haben aber außerdem die Miete zu bezahlen und — Stenern zu entrichten!" Uno die sodann aufgeworfene Frage: Womit ernähren sich die mittel- und erwerblosen Juden in Grodno? beantwortet der Korrespondent: Es giebt darauf nur eiue Autwort, und diese muß doch einmal öffentlich und laut ausgesprochen werden. Die jüdischen Massen unterscheiden sich wesentlich von den russischen Bauernmassen dadurch, daß sie nicht bloß chronisch, sondern beständig hungern. Wer da skeptisch den Kopf schüttelt, der komme nur zu uns nach Grodno" er wird Wunder und Zeichen sehen". - Fürwahr,ein Kulturbild, das namentlich zum Nachdenken über die Ursachen herausfordert, welche dieses namenlose Elend verschulden. Welche sind diese? Die Verständigen haben seit Jahr und Tag nicht aufgehört, auf die gezwungene Zusammenpfercbung der jüdischen Massen in den eben nicht zahlreichen Städten jenes Gebietes als auf die Hauptursache der permanenten Notlage der Gesamtbevölkerung hinzuweisen. Und die besten Judenfeinde müssen es jetzt endlich, selbst zugeben. jettende Artikel. Tröstet, tröstet mein Volk! Von Dr. Ad Jellmek. IJ. Baden bei Wien, 6. August. Die Quellen des Trostes versiegen nicht, sie fließen immer für das israelitische Volk und wir können der Aufforderung des Propheten Nachkommen. Die erste Quelle entspringt dem Boden unserer Vergangenheit. Sie erinnert uns an das graue Altertum, in welchem die Propheten die reinste Gotteserkenntnis, die lauterste Moral, Brüderlichkeit. Friedfertigkeit, Freiheit, die Herrschaft der Gerechtigkeit, den Sieg der Liebe über den Haß verkündeten und in Zion eine Rednerstätte zum Heile aller Nationen errichteten. Sie nennt uns die Namen unserer Dichter, deren Psalmen heute auf der ganzen Erde gesungen werden. Sie rühmt die großen Kriegshelden Israels, besonders die Heldenfamilie, welche durch ihren Kampf gegen den Syrerkönig die Schar in den Thermopttlen durch ihren Opferinut und ihren unvergleichlichen Triumph verdunkelte. Mit freudigem Bewußtsein können wir auf das graue Altertum zurückblicken Mögen Arier die große Bedeutung und den mächtigen historischen Einfluß des Semitismus aus Böswilligkeit oder aus Unwissenheit verkleinern. Wir jüdischen Semiten haben durch die Religion auf die Ent-