Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 32 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9610650-9609441-9609595--237-9609596- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 33. Tilsit, den 11. August. 1893. KM M E M Ms 8 | > | W Ww mW Erscheint an jedem Freitag. Zu beziehen durch die Post, die Expedition und Buchhandlungen des In- und Auslandes. Herausgeber: A. Uevin in Tilsit. Preis vierteljährlich 2 Mark. Anzeigen die viergespaltene Petitzeile 20 Pfg. Beilagengebühr nach Übereinkunft. Anhalt: Wochenübersicht. Tröstet, tröstet mein Volk! II. Von Oberrabb. Dr. Jellinek (Wien) Peter (Perez) Smolensky. Von Prof. Dr. Deutsch (Cincinnati) „Israels beiden". Von S. N. Margulies (Lübeck) Kabbalistisch-liturgische Reformen. III. Von Leop. Löw, weil. Oberrabb. in Szegedin. Der Dreiklang der Erziehung. Von S. Mansbach (Karlsruhe) Naturgemäße Methode. II. Von S. Spatz (Affaltrach) Kleine Chronik. Maimonides. (Schluß) Von Landrabb. Dr. Dessauer (Meiningens Ahlwardts Dank an die Inden. Von M. Scherbel (Gumbinnen) Vereinsbote. — Wochenkalender. — Anzeigen. Wochenübersicht. Die Berliner Universität beging vor einigen Tagen den Geburtstag ihres Stifters, Friedrich Wilhelm III., durch einen Festakt, an dem Vertreter der Staats- und Stadtbehörden, Professoren und Studierende teilnahmeu. Professor Virchow als zeitiger Rektor hielt die Festrede, in der er auch des Antisemitismus gedachte: ,,Roch steht unsere Zeit ratlos vor dem Rätsel des Antisemitismus, von dem niemand weiß, was er eigentlich will, und der trotzdem, vielleicht auch deshalb faszinierend selbst auf die gebildete Jugend wirkt. Bis jetzt hat man noch keine Professur des Antisemitismus gefordert, aber es wird erzählt, daß es schon antisemitische Professoren gebe. Wer die Geschichte der Naturphilosophie in ihren radikalsten Auswüchsen kennt, der wird über solche Erscheinungen nicht erstaunen. Der menschliche Geist ist nur zu sehr geneigt, den mühseligen Weg des ordnungsmäßigen Denken; zu verlassen und sich in träumerisches Sinnen zu versenken. Davor schützt nur der gesunde Menschenverstand, und wer diesen durch eine fehlerhafte Erziehung verloren hat, der kann sich nur retten durch Gewöhnung an strenge empirische Arbeit." — t Die antisemitische Zeitungspresse hat bis heute noch nicht Zeit gehabt, um den Redner seiner Judenfreundlichkeit wegen gebührend abzukanzeln, sie hat mit dem Streit im eigenen Lager, wo die „anständigen" gegen die Radanantisemiten Lärni schlagen, vollauf zu thun. In der Vorderfront der ,,Anständigen" kämpft Liebermann v. Sonnenberg, der in seinen ,Antis. Parteinachrichten" sich wie folgt vernehmen läßt: Von den Radau-Versammlungen in Berlin, in denen der Hofprediger Stöcker von Leuten, die sich leider Antisemiten nennen, in unerhörter Weise angegnffen und beschimpft worden ist, haben wir bisher noch keine Notiz genommen. Es versteht sich von selber, daß wir mit allen amtändigen Leuten in Berlin und im Reiche in der Verurteilung dieser Ausschreitungen übereinslimmen. Solche Vorkommnisse werden teils aus Unwissenheit, teils planmäßig von den Gegnern der gesamten antisemitischen Bewegung zur Last gelegt und schädigen dieselbe auf das empfindlichste. Es ist die höchste Zeit, daß die anständigen, nach vielen Tausenden zählenden, Antisemiten in Berlin sich vereinigen, um die Fraktion „Gesindel- und Skandal- Partei," die unter der Maske des Antisemitismus schon lange ihr Unwesen treibt, in den Haupträdelsführern zu entlarven und unschädlich zu machen. Die schroffen Gegensätze, die zwischen der „Berliner Bewegung" und den Parteigenossen im Lande bestehen, würden mit einem male verschwinden, wenn man in Berlin selbst dafür Sorge tragen wollte, daß nicht fortwährend in den dortigen Versammlungen Leute das große Wort führen, die einige Zeit nachher steckbrieflich verfolgt werden oder ans sonstigen zwingenden Gründen vom politischen Schauplatz verschwinden." Und die gesinnungstüchtigen „Dresd. Nachr." gehen mit dem Vertreter von Arnswalde-Friedeberg nicht minder scharf ins Gericht. Ehedem war das anders. Es war einmal — es ist nicht gar so lange her: am 8. Juli 1892 — in Dresden, da hielt Ahlwardt einen Vortrag und setzte in demselben eine Ovation für die „Dresdener Nachrichten," für ihren Besitzer und Redakteur in Szene. Die „Dresdener Nachrichten" schwammen in Begeisterung und sammelten für Ahlwardt. Freilich, damals war die Reputation des gewaltigen Mannes, wie seine Beinkleider, in den Augen mancher Leute noch ziemlich heil; mittlerweile aber hat der Ahlwardtismns in Nenstettin gesiegt, die Junker und Juden angegriffen, die Konservativen beschimpft, da hat die Situation sich völlig geändert. Dieselben „D esd. Nachr.", denen Ahlwardt zu einer öffentlichen Ovation verholfen, schreiben in ihrem Leitartikel vom 25. v. M.: „Der jüngst zu üppigster Blüte gediehene Tppus des entarteten Antisemitismus ist der Ahlwardtismus, der leider bei der leichtgläubigen, urteilslosen Menge in letzter Zeit so erstakmliche Erfolge erzielt hat. Bei dem Ahlwardtismus und den verwandten Richtungen tritt an die Stelle der reinen Begeisterung für die Idee der schwärmerische Kultus zweifelhafter Persönlichkeiten, die wie Ahlwardt, um des Eigennutzes willen, um einen früheren Schiffbruch wett zu machen, mit der frechen Miene eines Biedermannes und ausgerüstet mit einem reichen Maß demagogischer Kräfte den dunklen Instinkten der Massen