Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 30 (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- Seite 478 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 478. I e schuru n. <- dir. 30. in seinem Bericht an den Grafen den Fleiß und die Nüchternheit der jüdischen Arbeiter, welche „als anspornendes Beispiel für die christlichen Landarbeiter von nicht zu unterschätzendem Wert seien." Es kann nach dem Gesagten nicht überraschen, daß der Graf nicht nur Auftrag gab, den schon beschäftigten Leuten auch in der für den Landmann ruhigen Zeit des Sommers anderweitig Arbeit zu schaffen, sondern auch mit der Absicht umgeht, auch auf seinen anderen Gütern jüdische Arbeiter einzustellen. * b Ans Konstantinopel wird der Jewish Chronicle gemeldet: Der Sultan Abdul Hamid hat dem Caimacam (locum tenens) des türkischen Oberrabbinats, dem Herrn M. Moise Levy, in Ansehung seiner Anhänglichkeit und Treue gegen das Kaiserliche Haus und seiner Dienste und Berdienste während eines einundzwanzigjährigen Wirkens im Amte, und infolge der von Herrn Levy überreichten Dankadresse an Seine Majestät, die Insignien des Jmtiaz Ordens in Gold und Silber verliehen. Derartige Ehren werden nur den verdienstvollsten Persönlichkeiten des Reiches gewährt, weshalb diese huldvolle Auszeichnung die Herzen der Inden des ganzen türkischen Kaiserreichs mit großer Freude erfüllte. Sultan Abdul Hamid ist einer von den wenigen regierenden Monarchen, welche ihre Neigung und Achtung für die Juden im allgemeinen ltnb die türkischen im besondern öffentlich bekunden. * Herr Herman Markworth schreibt in einer Korrespondenz aus Bremen an den „Volksfreund" in Cincinnati: „Bei meiner Ankunft in Bremen hatte ich einen traurigen Anblick. Eine russische Jüdin, die von. der Emigranten - Kommission in New-Iork zurückgewiesen worden war, mit einem kleinem Kinde auf dem Arme, lief laut schreiend mit bitlern Thränen auf und ab. Sie sagte, sie habe ihr ganzes Geld verloren, etwa 30 Gulden. Welche Zukunft stand nun diesen beiden bedauernswerten Wesen, Mutter und Kind, bevor! Ein neben mir stehender Reisekamerad, ein Jude, rief: „Lassen Sie uns helfen! ich gebe einen Dollar." „Ich auch." rief ein anderer, und in kurzer Zeit war unter den eben gelandeten Passagieren der verlorene Betrag gesammelt und der Frau überliefert worden. Was soll nun aus den armen Menschen werden, die da znrückgewiesen wurden von Amerika? Wohin sollten sie? Jeder verstößt sie; selbst ihre Glaubensgenossen schämen sich ihrer im allgemeinen!" Gemeinde, Synagoge und Schule. * k. Vom Reichs-Versicherungsamt kürzlich erlassene, für jüdische Kreise beachtenswerte Revisionsentscheidungen ergaben: Ein überwiegend mit Unterrichtserteilung und gottesdienstlichen Verrichtungen (Singen und Vorbeten beim Gottesdienste) beschäftigter israelitischer Kultusbeamter in einer pommerschen Stadt ist für nicht versicherungspflichtig angesehen worden. Die Aufseherin in dem einer Synagogengemeinde gehörenden und von dieser im Interesse der durch religiöse Vorschrift zum Baden genötigten weiblichen Gemeindemitglieder gehaltenen Badehause wird als Arbeiterin der Kultnsgemeinde angesehen, folgeweise als versicherungspflichtig gehalten, und es wird ihr die Altersrente zugebilligt. * Eine Anfrage aus dem Leserkreise giebt uns Anlaß, an dieser Stelle auf einen Erlaß der Unterrichtsverwaltung vom 1. Juni 1884 hinzuweisen, welcher besagt, daß jüdische schulpflichtige Kinder der Volksschulen gegen den Willen der Eltern zum Schulbesuch an Sonnabenden und Feiertagen nicht angehalten werden können. Es heißt in dem bedeutsamen Erlaß: „Da die Schulverwaltung die Bestimmung getroffen hat, daß den Anträgen jüdischer Eltern auf Dispensation ihrer Söhne vom Sonnabend-Unterrichte an höheren Lehranstalten entsprochen werde, und dabei keinen Unterschied macht, ob die in Frage kommenden Schüler noch dem schulpflichtigen Alter angehören oder nicht, so fehlt es an einem ausreichenden Grunde, die Anträge jüdischer Eltern der Volksschüler weniger Berechtigung in dieser Beziehung finden zu lassen. Selbstverständlich kann die Schule keinerlei Verantwortung für die aus derartigen Schulversäumnissen für bie betreffenden Schulkinder entstehenden Folgen übernehmen. Die jüdischen Kinder sind daher auf derb Antrag ihrer Eltern oder Stellvertreter derselben nicht nur an den hohen Feiertagen, sondern auch an den Sonnabenden behufs Teilnahme an dem Synagogen-Gottesdienste von dem Schulbesuche zu befreien. Gleichzeitig wird bemerkt, daß diejenigen jüdischen Kinder, welche an Sonnabenden oder Feiertagen die Schule besuchen, während des Unterrichts zu schriftlichen Arbeiten gegen den Willen der Eltern oder deren Stellvertreter überhaupt nicht anzuhalten sind." * Die zweite jährliche Konferenz der Rabbiner der Reichslande fand in Straßburg am 11. und 12. Juni d. I. statt, unter dem Vorsitze des Straßburger Oberrabbiners Weil und in Gegenwart des Metzer und Colmaer Oberrabbiners. Die Versammlung beschäftigte sich u. a. mit der Einführung der Konfirmation, mit der Hülfskaffe für die Witwen und Waisenkinder der Rabbiner, mit der Verwaltung der Gemeinden. Simon Levy, Rabbiner in Schirrhofen, hielt einen Vortrag „über das Leben des Rabbi Simon ben Jochai" und Rabbiner Gugenheim aus Saarunion über „die unreinen Vögel." In bezug auf die Konfirmation, die von dem einen warm verteidigt, von dem andern heftig bekämpft wurde, wurde beschlossen, deren fakultative Einführung jedem einzelnen Rabbiner zu überlassen; auch wurde eine Kommission für die Prüfung und Einführung der Schulbücher und für die Gründung von Schulbibliotheken ernannt. Für die nächstjährige Konferenz sollen u. a. folgende Vorträge gehalten werden: 1. Das Leben Jbn Esra's. 2. Sozialismus im Talmud. * Am 6. Juli starb plötzlich infolge Schlaganfalls der Lehrer, Herr Brock aus Königshütte. Derselbe war erst 32 Jahre alt. Welche Achtung er genoß, zeigte seine Beerdigung; denn von nah und fern eilten Bekannte herbei, sowie auch sämtliche christliche Kollegen ans Königshütte ihm das Geleite zur letzten Ruhestätte gaben. Rabb. Dr. Goldschmidt hielt die Grabrede. * Wir lesen in der „Österr. Ung. Kantoren-Zeitung" folgende Korrespondenz ans Breslau: Am 20. Juni fand auf dem hiesigen jüdischen Friedhofe die Enthüllung des Grabsteines für den vor Jahresfrist verstorbenen Ober- Kantor Moritz Deutsch statt, welcher nur einige Freunde des Verstorbenen beiwohnten. Wer in die Verhältnisse nicht eingeweiht war, dem mußte es ungemein anffallen, daß bei dieser Feierlichkeit keine offizielle Vorstandsvertretnng der Breslauer Kultus-Gemeinde anwesend war, und daß dieselbe überhaupt so ruhig, ohne große Beteiligung vor sich ging. Wer hätte das je geahnt, daß der einst so geliebte Deutsch, der von allen verehrr und hochgeachtet war, so bald vergessen sein wird! Eine genaue Ausführung dieser Ursachen behalten wir uns für nächstens vor