Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 30 (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- Seite 477 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 30. I e s ch Nat im auswärtigen Amte und während 30 Jahre Professor an der Universität Amsterdam, er ist als hervorragender scharfsinniger Jurist bekannt. * Über den braven Schwennhaßen schreibt das Organ des rumänischen Ministeriums des.Äußern, „Judependence Roumaine:“ „Ein gewisser Schwennhagen, der sich für einen in Deutschland einflußreichen Publizisten ausgiebt, ist heimlicherweise nach Bukarest gekommen, woher er lügenhafte Berichte nach Deutschland sendet über wichtige Entdeckungen und Enthüllungen, die er bezüglich des Rückkaufes der rumänischen Eisenbahnen gemacht haben soll. Ferner versichert derselbe, daß er sich in den hohen Verwaltungskreisen des besten Empfanges zu erfreuen gehabt hat. Wir wissen nicht, wen dieser Mensch irreführen will, allein wir sind autorisiert, zu erklären, daß er hier gänzlich unbekannt ist. Alles, was man von ihm weiß, ist, daß er mehrmals abgestraft wurde und augenblicklich aus denselben Ursachen verfolgt wird, wie der Antisemit Ahlwardt. Es ist sogar ein Steckbrief gegen ihn erlassen worden. Dieser Herr Schwennhagen war eine Zeitlang Mitarbeiter der „Kreuzzeitung ', wo er pour cause d’indelicatesse weggejagt worden ist." — In einem Briefe an die Redaktion des Ministerblattes verleugnet der Kreuzzeitungs-Ritter v. Hammersiein seinen ehemaligen Schützling, indem er die Erklärung abgiebt, daß Schwennhagen in gar keinen Beziehungen zu der „Kreuzzeitung" steht. Diese posthume Ableugnung ist sehr billig: der saubere Patron bleibt an den Rockschößen der „Kreuzzeitung" hängen, welche die wütigsten antisemitischen Ausfälle desselben willig aufnahm, n. a. jenen niederträchtigen Artikel „Was lehrt der jüd. Katechismus?" der den preußischen Kultusminister zu einer Enquete über die jüdis^en Religions-Lehrbücher veranlaßt hat! * Wie verlautet, scheinen die Fragen, die beim Meeting russischer Rabbiner zur Beratung gelangen sollen, weder von besonders großem Interesse, noch von großer Tragweite zu sein. Hauptsächlich sollen sie die Scheidung und — das koschere Fleisch betreffen. Doch ist einstweilen noch nicht einmal der Tag, an welchem die Konferenz stattfinden wird, festgesetzt, man weiß nur, daß sie für den Herbst in Aussicht genommen ist. — Es kreißt der Berg. . . * Wie in unterrichteten Kreisen verlautet, wurde auf Verwendung des Großfürsten Michael Alexandrowitsch, des früheren Generalgonvernenrs des Kaukasus, die Ausweisung der Juden aus den Kaukasus-Provinzen auf bestimmte Zeit verschoben. * Aus eine Anfrage des Generalgouverneurs von Irkutsk hat der dirigierende Senat sich dahin geäußert, daß in Sibirien nur deportierte und zur Ansiedlung gerichtlich verurteilte Juden wohnen dürfen, desgleichen deren Frauen und Kinder. * ssb. Man schreibt uns: Die russische — bis nun panslavistisch gefärbte — Zeitung Gradschdanin, welche seit längerer Zeit die berüchtigte Lex Jgnatiew überschwänglich pries, erhebt jetzt in Gemeinschaft mit anderen russischen Blättern ihre Stimme zur Verteidigung der Gewissensfreiheit und tadelt die Verfolgung aller Andersgläubigen im Zarenreiche. Ganz besonders widmet diese Zeitung den Inden in Rußland einen Artikel, worin gesagt wird, daß die Judenfrage in Rußland keine Gefahr in sich bürgt. Das Blatt fügt noch hinzu: „Wo die Juden leben, dort sind sie notwendig, dort müssen sie bleiben. Und wenn es ihnen an Raum mangelt, so kann man ihnen verschiedene r u it. Seite 477. Gebiete und Gegenden zur Ansiedlung eröffnen. Ich gehe noch weiter und wage zu behaupten, daß die Verbreitung der Juden in allen Gouvernements und in allen Dörfern im Reiche nicht nur kein Unglück, sondern von Vorteil wäre. Dies wird das Leben der -russischen Bauern bequemer und billiger machen und sogar nützlich sein, um die Macht der russischen Wucherer und Hautabzieher zu schwächen." Wir sehen daraus, daß die Hochflut des Haffes gegen die Juden im Niedergänge ist und dies darf mit Befriedigung konstatiert werden. Es wird gut sein, wenn die Leute zur rechten Zeit zur Einsicht kommen, bevor es zit spät werden könnte. Hingegen ist die Feindseligkeit der Czechen gegen die Juden, sowie gegen die Deutschen, im Steigen. Ein Beispiel, welches freilich einen komischen Beigeschmack hat, verdient zur Kenntnis gebracht zu werden. Aus Prag ist an das Komitee der Tiroler Landesausstellung folgende freche Zuschriftgelangt: „Es giebt ein altesSprichwort, welches sagt, daß der Tiroler erst mit 40 Jahren erst gescheit wird. Das Zutreffende dieses Sprüchels erscheint sehr bestängt dadurch, daß der Ausschuß der dortigen Landesausstellung es für richtig fand, die Bevölkerung einer Hauptstadt, in welcher kaum 15 pCt. Deutsche (darunter 12 pCt. Juden) leben, zu seiner Ausstellung mittelst ausschließlich in deutscher Sprache verfaßten Plakaten einzuladen. Lebensart scheint demnach im Schoße des Tiroler Ausstellungs-Ausschusses nicht zu Hause zu sein. Wir „anderen" quittieren dankend aber ablehnend Ihre gütige Einladung, sind aber gerne bereu, Ihnen unsere Juden, an welche allein Ihre Einladung gerichtet erscheint, hinzusenden (wenn sie werden gehen wollen. Wir Geladenen bleiben zu Hause. Ohne Achtung Pragensis.“ — Bedarf dieses inkorrekte und unsinnige Schreiben einer Illustration? Kennt ja der heißspornige Jungczeche (denn nur ein solcher ist höchstwahrscheinlich der Autor dieser Epistel) nicht einmal die Statistik von Österreich! — Das „Tiroler Tageblatt" von 16. d. M. fügt folgendes hinzu: „Für unsere Landesausstellung ist diese Zuschrift trotz ihrer lümmelhaften Fassung eine höchst wertvolle Enunziation weil sie zur Erwartung berechtigt, daß ihr Urheber und seine Gesinnungsgenossen wenigstens während der Dauer der Ausstellung unser Land und unsere Stadt mit ihrer Gegenwart nicht besudeln werden." * Eines derjenigen Vorurteile, in deren Bann sich alle befinden, welche den Vorzügen der Inden keine Gerechtigkeit widerfahren lassen wollen, gipfelt bekanntlich darin, daß die Inden sich nicht zum Ackerbau eignen. Mit doppelter Genugthuung darf uns daher eine dem „Kiewljanin" zugehende Mitteilung erfüllen, welches dieses Vorurteil abermals entkräftet. Einer der bedeutendsten Gutsbesitzer im Kiewer Gouvernement, Graf Schuwalofs, hat während einer vor kurzem unternommenen Reise durch seine Güter seinen Verwalter beauftragt, versuchsweise auch Juden zu der Bodenbearbeitung heranzuziehen. Die Thatsache, daß sich jüdische Männer, Frauen und Kinder sofort in großer Zahl um diese Beschäftigung bewarben, ist gewiß schon Zeugnis für die Arbeitslust derselben, und die 750 Personen, welche angenommen wurden, scheinen die Erwartungen ihrer Brotgeber noch überteosfen zu haben. Der Oberökonom und Stellvertreter des Grafen Schnwaloff nahm nämlich während einer Inspektionsreise in Talnoe, wo die jüdischen Landarbeiter installiert sind, die Gelegenheit wahr, persönlich denselben seinen Dank auszusprechen für die gewissenhafte Erfüllung ihrer Pflichten und betonte