Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 30 (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- Seite 476 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9610650-9609441-9609578--229-9609588- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 476. , ■ v-'. ^-Jeschurun. r<- Rr. 30. cbaba, moscbo bol bago^nr!" (sic!) Also (wie das Kind, dessen Blut in Brot und Wein enthalten) mögen alle Gojim untergehen!" — Das ist doch noch Gelehrsamkeit, wie?! * q. Man schreibt uns aus Hannover: Unter den Wahlaufrufen für den Kandidaten der antisemitischen Partei prangte als einer der ersten Namen der eines Oberlehrers an einer hiesigen Realschule. Der Herr gehört mit zum Vorstand des antisemitischen Vereins und hat sich bei allen Versammlungen ganz besonders hervorgethan. Sein Vorgehen erregte bei den tolerant denkenden Bürgern berechtigten Unwillen nnb in einer der letzten Magistratssitzungen brachte ein Bürgervorsteher diese Angelegenheit zur Sprache, indem er an den Herrn Stadtdirektor Traum die Anfrage richtete, ob der Magistrat gegen einen solchen Lehrer, der sich voller Gehässigkeit gegen die jüdischen Mitbürger zeige, nicht einschreiten könne. Der Stadtdirektor mißbilligte das Auftreten des Lehrers aufs entschiedenste, weitere Schritte könnten jedoch vom Magistrate nicht gethan werden, da die vergesetzte Behörde der Lehrer das Provinzial-Schulkollegium sei, an das man die Beschwerde zuvörderst richten müsse. * g. Die Reichstagswahlen mit ihren antisemitischen Erfolgen haben vielen Anhängern dieser politischen Strömung die Augen über die Gefahr, der die Gesellschaft unter dieser Flagge zusteuert, geöffnet. Bezeichnend ist in dieser Beziehung das Urteil der grünen Blätter der Grenzboten, die stets judenfeindlich waren, obgleich ihr Begründer Kuranda ein Jude gewesen. In einem „Zur Lage" überschriebenen Artikel vom 29. Juni sagen sie: „Die Kleinhanwerker wenden sich dem Antisemitismus zu, der nur eine Abart der Sozialdemokraten ist". * Seit 1867 wurden in Ungarn etwa 25,000 Familiennamen, unter denen mehr als 50 pCt. jüdische waren, magyarisiert. 1892 baten 558 Personen um ungarische Namen. Die Bewerber waren fast ausnahmslos jüdische Kaufleute. * Im neuesten Erlasse der Pforte heißt es ausdrücklich, daß den jüdischen Einwanderern der Erwerb von Grund und Boden in der Türkei verboten bleibt. Dagegen steht derselbe fortab den ansässigen Juden frei, wenn sie diese ihre Ansässigkeit durch beglaubigte Zeugnisse Nachweisen. Die fremden Unterthanen müssen einen Revers unterschreiben, daß sie sich, wenn sie ihren unbeweglichen Besitz an jüdische Einwanderer vermieten oder verpachten, was nicht gestattet ist, für diesen Fall der türkischen Gerichtsbarkeit unterwerfen. * b Am vorletzten Sonntag ist das zweiundzwanzigste General-Meeting der Anglo jewish Association in der Zentral-Synagoge, Charlotte Street Portland Place in London abgehalten worden. Anwesend waren. Sir Julian Goldsand als Präsident, der Chief Rabbi, Baron v. Hirsch, Lieutenant Colonel Goldsmid, Kapitän Matthew Nathan und viele Damen. Auf der Tagesordnung standen verschiedene Berichte über die Verfolgung der Juden in Rußland. Der zuverläßigste von allen war unzweifelhaft der, welcher in dem Alliance-Bulletin erschienen ist. Dieser Bericht betont, daß die Verfolgungen in Rußland sich durchaus nicht nur auf die Juden beschränkt, sondern sie erstreckt sich auf alle diejenigen, die nicht dem orthodoxen Glauben angehören, als da sind: Stundisten und Lutheraner. Aus Rumänien lauten die diesbezüglichen Mittteilungen nicht anders. Nachdem der Chief-Rabbi dem Anträge des Vorredners beigestimmt, und die Verdienste des Baron Hirsch hervorgehoben hatte, erhob sich der Baron Hirsch zu einer kurzen Erwiderung, die er in der englischen Sprache hielt. „Ich habe," sagte er dem Herrn Chief-Rabbi," für die freundliche Art zu danken, in welcher er mich mit der Verfolgung der Juden in Rußland in Verbindung bringt. Ich thue mein Möglichstes, das in meinen Kräften steht, um die Leiden meiner bedrückten Brüder zu mildern. Der Anfang eines Unternehmens ist immer schwierig und von vielen Gefahren begleitet und umgeben; doch ich hoffe die Kolonisation in Argentinien zum glücklichen Erfolge zu bringen. Ich habe meine Agenten beauftragt, nur solche Flüchtlinge für die Kolonisation zu wählen, die die Voraussetzungen der Association zu rechtfertigen imstande sind. Ich bin mir auch bewußt, daß es unmöglich sei, die ganze jüdische Bevölkerung aus Rußland zu entfernen. Was ich aber erhoffe und wünsche, ist, eine große Anzahl von Flüchtigen als glückliche und wohlhabende Kolonisten zu sehen und durch diese den Beweis liefern zu können, daß die Juden gute und nützliche Bürger seien, und dadurch auf Rußland den moralischen Druck auszuüben, von der Verfolgung abzulassen." * Ein jüdischer Soldat, Herr F. Gast in London, wurde zur Zeit des Krimkrieges in der Schlacht bei Balaklava im Jahre 1854 von den Engländern gefangen genommen. Er kam nach England, wo er in das 4. Infanterie- Regiment eintrat. Nun wird zur Ehre der jetzigen Hochzeitsfeier des Herzog von Jork und der Prinzessin May, einstiger König und Königin von England, von vielen Offizieren der Garde in den Chelsea-Baracken ein Mittagessen veranstaltet werden. Unter den Geladenen ist auch dieser jüdische Veteran, der ca. 40 Jahre im englischen Heer gedient hat, als Gast berufen worden. Außerdem ist ihm zusammen mit den noch lebenden Kameraden ein Platz, wo er bequem den vorbeipassierenden Hochtzeitszug beschauen kann, angewiesen worden. — In Rußland werden die alten Soldaten, die noch unter Nikolaus den besten und kräftigsten Teil ihres Lebens für das russische Vaterland geopfert, in Petersburg und in Moskau kaum geduldet. Und die unter dem jetzigen Kaiser Alexander III. fünf Jahre dienenden Soldaten sind noch viel schlimmer daran. Sie haben keine Aufenthaltsrechte nach Beendigung ihrer Dienstjahre, weder in den Dörfern, noch in Städten Rußlands. Sie müssen den Ort ihrer Dienstzeit nach 5 Jahren sofort verlassen und in die Heimat ziehen. Der jüdische Soldat in Rußland kann noch so treu dem Kaiser und Reich gedient haben, kann von bestem Charakter, der bravste Soldat in seinem Regiment gewesen sein, es hilft ihm dies alles nicht. Der Name Jude ist für ihn und die Seinigen in Rußland ein Kainszeichen! * Nachdem er in Deutschland alle irgend wie belangreichen Persönlichkeiten über den Antisemitismus ausgefragt, ist Herr Herm. Bahr, der Vertreter der Wiener „Deutschen Zeitung", ins Ausland gereist, zunächst nach Brüssel, um Materialien für eine europäische Untersuchung in bezug auf den Antisemitismus zu sammeln. Das Resultat in Belgien war ein negatives, da dieser daselbst keinen Boden hat. Das Interessanteste an der Sache ist, daß Herr Edmund Picard, ein bekannter Brüsseler Advokat, der zur Zeit den Antisemitismus in Belgien flott machen wollte, dem Wiener Redakteur diese Mitteilung gemacht hat. * Herr Profesfor Asser ist zum Mitgliede des holländischen Staatsrates ernannt, eine bislang einem Inden in Holland noch nicht zuerkannte Würde. Der Genannte war i