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Jeschurun · 1893-07-28 · 30 (28.7.1893) · p. Seite 475

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
30 (28.7.1893)
Date
1893-07-28
Page
Seite 475 (sequence 9)
Language
German
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Seite 475. Nr. 30. ^Jeschurun. jedoch, daß er sich auf freiem Fuße befände und nicht zur Verantwortung gezogen würde, zeige am deutlichsten, wie wahr alles wäre, was er behauptet habe. — Dabei wußte Herr Ahlwardt ganz genau, daß wegen seiner beleidigenden Behauptungen, die er auf grund seines „Aktenmaterials" aufgestellt hat, bereits Strafanträge gegen ihn vorliegen. * Der Gemeinderat von Löbtau hat wieder einmal den patriotischen Mannesmut seiner Mitglieder bewiesen. Man erinnert sich, daß diese Körperschaft sich vor kurzer Zeit dadurch so glänzend blamierte, daß sie eine Straße nach Ahlwardt benannte, um sie eine Woche darauf, wegen plötzlich eingetretener Unwürdigkeit des aus diese Weise Geehrten, umzutaufen. Dieser Vorort Löbtau besaß bisher eine Heinestraße. Um nun nicht in den, bei einem Ort von der Vergangenheit Löbtaus, völlig ausgeschlossenen Verdacht philosemitischer Gesinnung zu geraten, taufte man dieser Tage die „Heinestraße" in eine „Poststraße" um. Das Kölnischeste an der Sache aber war, daß die Straße gar nicht nach dem Dichter Heinrich Heine, sondern — nach dem bekannten Dresdener Maler Heine so benannt war, an dessen Ariertum auch kein Löbtauer bisher zu zweifeln gewagt hat. * Eine merkwürdige sozialistisch-antisemitische Verbrüderung fand jüngst in einer Böckelschen Versammlung in Berlin statt. Böckel erkannte die sozialistische Kritik an Staat und Gesellschaft als vollberechtigt und sogar meisterhaft an. Die alten Parteien seien an Mark und Bein zerfressen und für den Untergang reis. Nur die Antisemiten und Sozialisten hätten noch Berechtigung. Nicht bloß das jüdische, auch das christliche Kapital müsse bekämpft werden. Diese Rede entfesselte auch den Beifall der zahlreich anwesenden Sozialisten. Alsdann ging es von Böckel und anderen Rednern über Stöcker her, der als ehrgeiziger Streber, Demagog und Verräter gebrandmarkt wurde, als Mensch, den aus Siegen „rausgeschmissen' zu haben sich Böckel rühmte. Dies alles vollzog sich unter wahnsinnigem Jubel der Versammlung, die auch in den Reichstagskreisen gebührend beachtet wurde. * Uber die Neulinge der Antisemiten - Fraktion des deutschen Reichstages, deren zumeist jugendliches Alter allgemein ausgefallen ist, entnehmen wir Berliner politischen Blättern nachstehende biographische Angaben: Als „Nestor" der Fraktion wird der Abgeordnete Lvtze bezeichnet. Drei Menschenalter, wie sein griechischer Namensvetter, hat er noch nicht gesehen; er ist erst 57 Jahre alt und was sonst von ihm gemeldet wird, hätte es wohl näher gelegt, ihn den Odysseus der Partei zu nennen. Im Alter folgt ihm dann Herr Lieber, der 53 Jahre alt ist, während die übrigen weit jünger sind. Der Benjamin der Antisemiten, Herr Hänichen, zählt gar erst 27 Jahre. Besonderes Lob wird dem Abgeordneten Gräfe gespendet, der in Bischofswerda, dem Melka des sächsischen Antisemitismus, geboren ist. Denn hier haben, wie rühmend hervorgehoben wird, fast sämtliche Führer und Bahnbrecher der antisemitischen Bewegung, von Stöcker bis Schönerer, gesprochen und der Reformverein der Stadt zählt den Fürsten Bismarck zu seinen Ehrenmitgliedern. Im Juni 1890, wenige Monate nach dem Rücktritt des Fürsten, sendete der Verein ihm durch Herrn Gräfe den Ehrenbrief zu. Es ist nicht bekannt geworden, wie der Fürst die ihm zu teil gewordene Ehrenbezeugung aufgefaßt hat. Herrn Gräfe aber hat die dankbare Erinnerung an die schönen Stunden, die er damals in Friedrichsruhe verleben durfte, auch zu einem Huldigungs-Telegramm an den Grafen Bismarck bestimmt, als dieser am 15. Juni in den Reichstag gewählt worden war. Er selbst, so wird mitgeteilt, siegte bei der Wahl über den Grafen zur Lippe unter dem Feldgeschrei: „Hie Graf, hie Gräfe!" Das ist wenigstens höflicher, als der plumpe Schlachtruf Ahlwardt's von den schindenden Junkern und Juden. Von dem Reste der Partei wird wenig berichtet, doch sollen sie darum nicht weniger bedeutend sein. An Herrn Klemm wird die treue Zugehörigkeit zur Dresdener Reformpartei gerühmt, an Herrn Hänichen die Rednergabe, an Herrn Köhler die volkswirtschaftlichen Kenntnisse, an Herrn Hirschel — ein fataler Name für einen Antisemiten! — das organisatorische Talent. Wie sie im Reichstage von ihren Gaben Gebrauch machen, wird die Zunkunft zeigen müssen. * Zur Nachwahl in Alsfeld-Lauterbach schreibt man der „Franks. Ztg." im Hinblick aus die, in der Übersicht der Nr. 28. d. Bl. bespochenen Polemik der Freisinnigen Vereinigung gegen den Abg. Eugen Richter: „Von vornherein sei konstatiert, daß in bezug auf das Verhalten der freisinnigen Parteileitung Eugen Richter vollkommen recht hat. Sowohl von Berlin aus wie von der lokalen Leitung ist die Parole nicht für den Antisemiten, wie das eigentlich selbstverständlich ist, sondern gegen ihn ausgegangen. Andererseits ist gar nicht zu leugnen, daß ganz besonders in unserer Stadt ein großer Teil der Freisinnigen für den Antisemiten gestimmt hat! Das sollte gar nicht beschönigt, sondern nur erklärt werden. Und diese Erklärrrng ist sehr einfach. In der Versammlung, in der Herr Zimmermann hier sprach —■ es war wenige Tage vor der Stichwahl — wußte der Redner den anwesenden Wahlleiter der Nationalliberalen geschickt dahin zu bringen, daß dieser, Herr Realschuldirektvr Haller-Alsfeld, in den heftigsten Ausfällen gegen die Freisinnigen erging und diese in einer Weise verletzte, daß die Pflicht der Selbstachtung fast verbot, für den nationalliberallen zu stimmen und das lebhafte Temperament mancher Wähler es erklärlich erscheinen läßt, wenn die kühle Erwägung unterlag und zur Stimmabgabe für den Gegner der Nationalliberalen führte. Es war dieses übrigens nur der letzte Tropfen, der das schon durch frühere Vorgänge überfüllte Faß zum Überlaufen brachte! Die Kampfesweise von nationalliberaler Seite war eine derart persönlich gehässige und so eminent ungeschickte, daß man sich nur wundern muß, daß das Gros der Freisinnigen trotz alledem für den nationalliberalen Kandidaten stimmte." * In einer Artikelserie über „die jüdische Moral und das Blut-Mysterium" in den Deutsch-Sozialen Blättern vom 23. Juli schildert ein pseudonymer Mitarbeiter in einer Fußnote die Greuel eines Seder-Abends wie folgt: „Der Paterfamilias schüttet einige Tropfen des frischen oder eine Substanz des gepulverten Blutes in das Glas, tunkt den Finger der linken Hand hinein und besprengt (segnet) damit alles, was auf dem Tische steht. Dam Izzardia (sic!) chynim heroff (sic!) dever Isyn (sic!) porech (sic!) harbe (sic!) hossen (sic!) maschus pohorus. (sic!!) (Exod. VII, 12) worauf der Familienvater: „Also bitten wir Gott, daß er die zehn Plagen senden möge allen Feinden des jüdischen Glaubens", d. h. den Christen. Hierauf speisen sie, und der Familienvater ruft beim Schluß: „Sfacli,

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