Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 30 (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- Seite 474 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 30. -^Jeschurun. SZlte 474. unterricht für sich bestehen bleibe und nicht in den Unterricht im Übersetzen aufgehe. Roßkamm-Diepholz meint, daß die gehörte Lektion mehr ein Vortrag als ein Unterricht gewesen sei. Auf die Antworten der Kinder sei zu wenig eingegangen, die Herbart'sehen Stufen seien nicbt konsequent durchgeführt. Reuß-Neustadt-Gödens istderselbenAnsichtund bemängelt die Ausiassung des behandelten Gebetstückes. Herr Landrabbiner Dr. Lewinsky verspricht sich von der eingeschlagenen Methode wenig Nutzen und neigt sich der Ansicht des Herrn Stern zu. Rabbiner Br. Jacob hat manches an der Disziplin auszusetzen. Die körperliche Haltung der Schüler sei nicht straff genug gewesen. Herr Br. Kroner erinnert zur Entschuldigung des Herrn Selig daran, daß die Schüler eine Stunde unbeschäftigt gesessen, da sei eine straffe Haltung nicht so leicht herzustellen. Übrigens sei eine Befangenheit vor einer fremden Klaffe, deren Standpunkt dem Lehrer unbekannt, und unter so vielen kritischen Augen wohl zu entschuldigen. Da Thesen nicht aufgestellt waren, so wurde die Debatte gegen 2 Uhr mittags geschlossen. Während der Sitzung lief ein Begrüßnngstelegramm von Herrn Rabbiner Dr. Guttman-Breslau ein, welches sofort durch einen Gegengruß beantwortet wurde. Bei dem nunmehr ßattgefundenen gemeinschaftlichen Mittagsmahle herrschte eine gemütliche und gehobene Stimmung, die in vielen ernsten und teiteren Trinkspruchen ihren Ausdruck fand. Nach beendetem Mittagsmahle fanden die „freien Besprechungen" statt, die manches Wichtige und Anregende boten. Es wurde beschlossen, die nächste Konferenz am ersten und zweiten Psingsitage in Hannover abzuhalten. Referate übernahmen: 1- Herr Reuß-Neustadt-Gödens: Probelektion: „Vaterlandsliebe". 2) „ Spanier-Stolzenau: Produktion über ein Thema aus der Naturkunde/ 3) „ Meyer-Gronau: Vortrag über die Geschichte des jüdischen Unterrichts. Nachdem die Versammlung dem Vorstande für seine Mühewaltung gedankt, wurde die Sitzung vom Vorsitzenden gegen 4 Uhr geschloffen mit dem Wunsche: „Auf frohes Wiedersehen im nächsten Jahr!" Die Schriftführer: L Weinberg-Bvdenfelde. E. Speyer-Hannover. Kleine Chronik. Bürgerliche Verhältnisse. * Ein deutsch-sozialer Parteitag ist am vorletzten Sonntag in Elberfeld abgehalten worden. Dr. König-Witten, welcher denselben leitete, erging sich in Übertreibungen der Erfolge der antisemitischen Bewegung und griff bei Besprechung der verschiedenen Wahlvvrgänge die Konservativen heftig an, denen er einen Ansturm auf weitere konservative Wahlkreise androhte. Es wurde beschlossen, bei den nächsten Reichstagswahlen in allen Kreisen, wo irgend Aussicht auf Erfolg vorhanden ist, selbstständig vorzugehen und selbst auf die konservative Partei keine Rücksicht mehr zu nehmen. * Wie das ,,Vvlk" erfährt, hat Pfarrer Roedenbeck in Klein-Glienicke in folge des Verhaltens der Böckel und Ahlwardt, welches diese Stöcker und dem Reichstagsabgeordneten Liebermann von Sonnenberg gegenüber beliebt haben, seinen Austritt aus dem Vorstände des ügitationsverbandes des Antisemitenbundes erklärt. — Schade; gerade ein Geistlicher nimmt sich in dem Kreise der Leiter der Judenhetze besonders gut aus! * Nach der Niederlage, welche Stöcker bei der Nachwahl in Neustettin erlitten hat, läßt er im „Volk" erklären, daß er von vornherein nicht an einen Sieg geglaubt habe, sondern lediglich dem „verwüstenden Antisemitismus habe den Krieg erklären und die christlich-sozialen Genossen habe znsammenhalten" wollen. — Eine derartige Kriegserklärung im bestimmten Vorgefühl der Niederlage ist denn doch zu eigentümlich, um selbst bei der bekannten Wahrheitsliebe Stöckers dessen Versicherung glaubwürdig zu machen. * Die konservative „Post" legt das folgende reumütige Bekenntnis ab: „Es liegt nahe, zu untersuchen, woher die antisemitische Bewegung ihre derzeitige Stärke gewonnen hat. Die Gründe liegen augenscheinlich zum Teil auf demselben Gebiete, auf dem die Ursachen des Anwachsens der Sozialdemokratie zu suchen sind. Nicht zum wenigsten aber hat der Rassenantisemitismus Boden gewonnen durch die stark sozialistisch angehauchten Bestrebungen der „Christlich- Sozialen" und die scharfe Bekämpfung des Judentums durch die S töcker'sche Richtung, beides verbunden mit einer Agitationsweise, welche verhetzend und demagogisch ist. Der Antisemitismus Herrn Stöckers bereitet dem fortgeschrittenen und konsequenten Antisemitismus der Herren Dr. Förster, Ahlwardt u. s. w. so gut den Boden, wie das christlich-soziale Kokettieren mit dem Sozialismus denjenigen sozialistischen Tendenzen, welche eine der Haupttriebfedern des Antisemitismus sind. Wer die Dinge zu sehen gewöhnt ist, wie sie wirklich sind, konnte über die Wirkung, welche nach dieser Richtung die Beseitigung der in dem konservativen Programm-Entwurf gegen den Antisemitismus gezogenen Schranke haben mußte, von Anfang an nicht im Zweifel sein. Die Thatsachen sprechen jetzt wohl auch für die Teilnehmer jenes Beschlusses laut genug." * Die Wahrheitsliebe Böckels unterzieht das Stöckersche „Volk" im bezug auf die verschiedenen Phasen der Böckelschen Entwickelung einer eingehenden Betrachtung, auf grund deren es Böckel einer Reihe merkwürdiger Gedächtnisschwächen überführt, sowohl in seinem Verhalten gegen Ahlwardt, dem er sich jetzt ganz genähert, während er ihn früher scharf verurteilte, wie in einer Reihe anderer Fälle. — Die angeführten Thatsachen sind unwiderleglich, ebenso unwiderleglich wie die bekannten Gedüchtnisirrtumer vonHerrn Stöcker, des Schutzpatrons des „Volk." * Uber die Wahlagitation Ahlwardts berichten die „Berliner Pol. Nachr." folgendes: Während der Wahlagitation kehrte Ahlwardt auf den Dörfern niemals in den Gasthäusern, sondern stets bei einem der Bauern ein. Nach dessen Wohnung wurden die anderen Bauern des Ortes, welche zu bearbeiten waren, berufen, und hier legte dann Herr Ahlwardt seine „Akten" mit der Aufforderung auf den Tisch, darin Einsicht zu nehmen. Herr Ahlwardt verfehlte nicht, jedesmal darauf hinzuweisen, daß er den Mut gehabt habe, den Inhalt dieser Akten, welche die höchsten Persönlichkeiten 'belasten, öffentlich kundzugeben. Die Thatsache