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Jeschurun · 1893-07-28 · 30 (28.7.1893) · p. Seite 473

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
30 (28.7.1893)
Date
1893-07-28
Page
Seite 473 (sequence 7)
Language
German
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Seite 473. Nr. 30. -s^Ieschurun. »<- zugehen möchten, weil nur dann eine fruchtbare Diskussion sich entwickeln könne. Die vorliegenden Leitsätze seien HU deutlich auf das Hannoversche Seminar zngeschnitten. Herr Landrabbiner Dr. Lewinsky weist ergänzend darauf hin, daß vordem noch in Ems unter Dr. Hochstätt er eine Lehrerbildungsanstalt existiert habe. — Im Gegensätze zu Dr. Jacob legt er gerade hohen Wert auf das Rabbinische, das dem Lehrer in kleinen Gemeinden geradezu unentbehrlich sei. Herr Landrabbiner Dr. Gronemann spricht sich in demselben Sinne aus und meint, daß, wenn es an Zeit fehle, die Musik etwas weniger gepflegt werden könne. Dieser Ansicht tritt Herr Dr. Kroner unter Beifall vieler Lehrer entschieden entgegen. Letzterer führt in Übereinstimmung mit Herrn Dr. Jacob ans, daß es wohl doch eine spezifische Methodik für die jüdischen Fächer gebe. Bezüglich der Schächtstunden, die Herr Stern bemängelte, setzte Herr Dr. Kroner auseinander, daß gerade durch den früheren Beginn derselben das Abiturientenjahr entlastet werde, daß der anscheinend so lange dauernde Schächtunterricht in Wirklichkeit eine Erleichterung für die Seminaristen bilde. — Mit der Einführung einer fremden Sprache wäre er, in erster Linie des Erwerbs wegen, 'einverstanden. Das Rabbinische dürfe unter keiner Bedingung eingeschränkt werden. Wenn schon für jeden Israeliten überhaupt die Verpflichtung bestände, Thora, also auch die müudliche Lehre, zu lernen, um wievielmehr müsse diese Forderung an einen Lehrer gestellt werden. Deutsche Übers tzungen könnten das Original nicht ersetzen. Das Rabbinische brauche durchaus nicht zu gunsten der besonderen Methodik für die jüdischen Fächer beschnitten werden. Diese sei nicht so unbändig groß, um nicht in wenigen Stunden im wesentlichen vermittelt werden zu können. Gegen 8 Uhr wird die Debatte und, nachdem die Tagesordnung für den zweiten Konferenztag festgestellt war, die Sitzung geschlossen. Um 9 Ühr vereinigen sich die Konferenzmitglieder wieder im Versammlungslokal. Bei einem Glase Bier hörte man die von Seminardirektor Dr. Kroner in liebenswürdiger Weise veranstalteten musikalischen und humoristischen Vorträge der Schüler des Seminars, die vielen Beifall fanden. Nach einigen Stunden gemütlichen Zusammenseins löste sich die Versammlung auf. Zweite 8ihimg. MiitmoR, tCcu 24. 3u»it, «ocmiffags 8 Wir. Um 8 Uhr begab sich die Versammlung in das neue Seminargebäude und besichtigte, unter Leitung des Herrn Dr. Kroner, mit großem Interesse die Räumlichkeiten und Lehrmittel des Seminars. — Großen Beifall erregten die Einrichtungen für den Unterricht in Handfertigkeit und Gartenbau, sowie die ausgestellten Erzeugnisse in Holz und Pappe. Nach beendigter Besichtigung, die etwa eine Stunde währte, hielt Herr Lehrer Selig-Emden eine Lchrprobe im Gebetübersetzen in Verbindung mit Religionslehre auf der Mittelstufe der Seminarschule. Herr Selig behandelte das Gebetstück „Ahaba rabba“. Die Schüler haben einen Siddur ohne Übersetzung in Händen. — Selig nennt das durchzunehmende Gebetstück, fragt, wo es stehe, welches Gebet vorangehe und welches folge, und wann es gebetet werde. Sodann läßt er das Gebetstück aufschlagen. Hierauf liest er dasselbe langsam und deutlich mit genauer Betonung aus dem Kroner'schen Übersetzungsbuche vor. Nachdem diese summarische Vorlesung beendet, wird das Stück in einzelne Teile zerlegt. Der erste Teil wird ebenfalls vorgelesen unter besonderer Hervorhebung der Hauptpunkte. Der Inhalt wird abgesragt, und die Schüler haben ihn mit andern Worten wiederzugeben. — Dann lesen die Schüler oen betreffenden Teil aus dem Siddur laut und deutlich vor. Die einzelnen Wörter werden übersetzt und grammatisch zerlegt Nachdem dieses geschehen, wird der ganze Teil zusammengefaßt. Ebenso wird mit den übrigen Teilen verfahren. Zum Schluß Zusammenfassung und Besprechung des ganzes Gebetstücks und Übersetzung. Nach Entlassung der Schüler hielt Herr Selig einen kurzen Vortrag über die von ihm eingeschlagene Methode. Dieser Vortrag, der von dem heiligen Eifer und tiefsitttlichen Ernste des Referenten zeugte, wurde sehr beifällig aufgenonnnen. Im wesentlichen führte Herr Selig aus: Das Übersetzen der Gebete ist ein Hauptmittel zur Bildung eines religiös-sittlichen Charakters, ist also an und für sich Religionsunterricht. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es beim Übersetzen der Gebete besonderer Vorkehrung, da das mechanische, fast bewußtlose Vor- und Nachübersetzeu sehr leicht den Erfolg haben könnte, die Schüler an Gedankenlosigkeit zu gewöhnen. Diese Gefahr ist bei den andern religiösen Disziplinen nicht so sehr vorhanden, da deren Inhalt schon von selbst Nachdenken und Aufmerksamkeit erfordert. Auch das Einüben der Vokabeln, wodurch ja das Übersetzen selbst sehr erleichtert und ein Fortschreiten gefördert wird, giebt für sich noch keine Gewähr, haß das religiös-sittliche Ziel erreicht wird. Man sieht dies ja an den Erwachsenen, die vielfach es offen aussprechen: „Wir verstehen die Gebete nicht," obwohl sie übersetzen gelernt haben. Das ist betrübend. Dadurch wird der Jndifferentismus großgezogen, die herrlichsten Gebete verfehlen ihre Wirkung, der ganze Gottesdienst wird zum leeren Mechanismus. Dadurch werden auch Bestrebungen gezeitigt, die darauf hinlanfen, das hebräische Gebet überhaupt abzuschasfen. Der naive Standpunkt: man möge nur beten, Gott verstehe schon das Gebetete, läßt sich heute nicht mehr geltend machen. Referent ist im weiteren der Ansicht, daß man die Lehrsätze und das Verfahren der allgemeinen Dwaktik auch auf den hebräischen Unterricht anwenden müsse. Es gebe keine konfessionelle Methodik. Er verweist auf die in dem Übersetzuugsbuche von Dr. Kroner angegebenen methodischen Winke, mit denen sein Verfahren im großen und ganzen übereinstimme. Nach beendigtem Vortrage begab sich die Versammlung wieder in das Versammlungslokal. In der Debatte fand Herr Selig vielen Widerspruch. Stern-Hildesheim ist der Ansicht, daß diese Methode es nicht möglich mache, quantitativ das zu erzielen, was nötig und erforderlich sei. Diese Methode sei allenfalls in einer mittleren Gymnasialklasse, nicht aber auf der Mittel» stufe einer Volksschule am Platze. Er erhebt die Forderung, daß aus didaktischen Gründen der systematische Religions-

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