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Jeschurun · 1893-07-28 · 30 (28.7.1893) · p. Seite 470

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
30 (28.7.1893)
Date
1893-07-28
Page
Seite 470 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 30. I e sch von das Herz des Dr. B. und der Zionisten voll ist, ist lebendige Wirklichkeit geworden. So zu lesen in einem jüngst erschienenem Roman von Max Osterberg-Verakoff*), der im Geiste das Reich Judäa im Jahre 6000 aera mundi erschaut und uns in das Leben und Treiben der jüdischen Hauptstadt jener Zeiten zu versetzen sucht. — Nun werden Sie, geehrter Herr Redakteur, glauben, daß auch mich die Zionsschwärmerei erfaßt, und ich mich zum „Zionismus" bekehrt. Weit gefehlt! Offen gestanden, haben mir die, wenn auch hübschen Auslassungen des Dr. B. wenig behagt, mich noch weniger überzeugt, und auch die vom Wohlwollen geleitete Feder des Schriftstellers M. Osterberg-Verakoff hat mich wenig befriedigt. Und da die Artikelreihe des Dr B. und der Roman dasselbe Sujet behandeln, ja gleichsam der Roman die Ausführung des Programmentwurfes bietet — gestateen Sie, daß ich, ehe ich an die Besprechung des Romans gehe, erst den Entwurf einer Prüfung unterziehe und Herrn Di. B. Rede und Antwort stehe, welchem Herr Lemberger in die That nicht in rechter Weise begegnet. Persönliche Angriffe sind noch keine Argumente für die Haltlosigkeit der aufgestellten Thesen. Ernster und würdiger, daher auch treffender war die' Entgegnung des Herrn Weinberg in Nr. 25. Aber trotz der Erwiderung der beiden Herren bleibt mir noch manches zu sagen übrig. Wenig behagt hat mir der Programmentwurf des Zionismus, ja peinlich berührt wurde ich von der Nachricht, daß er weitere Verbreitung sindet, weil dieser nur eine ungesunde Reaktion bedeutet gegen jene schmachvolle Bewegung, die als Antisemitismus die Köpfe verwirrt, die Menge betäubt und die Errungenschaften einer freiheitlichen Entwickelung zu untergraben und uns zu rauben droht. Der Zionismus ist meinem Empfinden nach auch ein Auswuchs des Antisemitismus und ist wie dieser eine pathologische Erscheinung, deren Eintreffen ich befürchtet, denn es ist eine naturgemäße Folge, daß nach einem Faustschlag ins Gesicht sich eine Beule am Angegriffenen zeigt. - Daß mich aber das Erscheinen dieses krankhaften Gebildes wenig gefreut, ja schmerzlich berührt, wird Herr Dr. B. mir nicht verdenken und wird verstehen, daß ich der Meinung bin, daß man gegenüber der Ausbreitung derselben nicht gleichgültig bleiben darf. Ja mit allen Mitteln ist einer Propaganda des Zionismus meiner Meinung nach entgegenzutreten, da ich diese Bewegung für schädlich und gefahrdrohend halte und zwar nicht bloß, weil sie neue Handhaben zu alten Anklagen bietet und den Wahn zu bestärken geeignet ist, als ob wir uns nur als Fremde im Lande fühlten, daß wir als besondere „Nation" gelten wollen und einen Staat im Staate bilden,— woraus man dann folgert, daß wir auch nicht auf die Rechte der Staatsbürger Anspruch machen könnten — nicht nur nach außen ist eine Propaganda des Zionismus gefährlich, sondern nach innen, in den Reihen der Glaubensgenossen fördert sie die Unklarheit und mehrt die Verwirrung. Einerseits würden gar manche, die nur lose mit dem Judentum zusammenhängen, ans unserer Mitte hiuausgedrängt, da sie das Judentum mit dem Zionismus verwechseln und einem „nationalen" Judentum den Rücken kehren würden. Andererseits wieder kann der Zionismus in leicht erregbaren Köpfen zu einer * „Das Reich Judäa im Jahre 6000. (2241 christl. Zeitrechnung." — Stuttgart, Dr. Förster und Co. Seite 469. schwärmerischen Betvegung den Anstoß geben, die bittere Enttäuschungen in: Gefolge haben dürfte; und diese Gefahr liegt um so näher, weil die „zionistischen" Tendenzen leicht mit Glaubensvorstellungen verquickt werden können. Und wie vor Jahrhunderten die messianischen Schwärmereien nur als fieberhafte Paroxismen, eine Folge der furchtbaren Leiden und Verfolgungen erschienen und furchtbare Verheerungen angestiftet, so kann auch der Zionismus verheerend wirken, wenn er nicht rechtzeitig eingedämmt wird. Gewiß, Herrn Dr. B. scheint die Sache gar nicht gefährlich, denn sonst würde er ja nicht zur Propaganda die Hand bieten, auch weiß er sich von jeder Schwärmerei frei, sucht er doch gar das Programm des Zionismus vernunftgemäß zu begründen, doch ruht diese Begründung meist ans thönernen Füßen, die Prämissen sind falsch, die Folgerungen stehen mit den thalsächlichen Verhältnissen in Widerspruch und — worauf schon Herr Weinberg hingewiesen, — das Programm ist so unklar gehalten, daß gar nicht ersichtlich, wie denn das Ziel des Zionismus verwirklicht werden soll. Sollten die Juden etwa samt und sonders aus ihrem jetzigen Wohnsitze nach Palästina wandern, sich dort ansäßig machen und, unbekümmert der/türkischen Herrschaft, gleich zur Errichtung eines jüdischen Königtums schreiten, oder sollten die europäischen Regierungen aufgefordert werden, ihren Einfluß geltend zu machen, damit Palästina ein jüdischer Freistaat werde, um dahin ihre jüdischen Unterthanen zu verweisen? Das letztere wäre ja ganz nach dem Rezepte unserer antisemitischen Freunde, die nichts so beklagen, als daß die Regierungen in ihrer Verblendung die Juden'als Bürger ihrer Staaten anerkennen, statt daran zu gehen, sich ihrer auf die schicklichste Art zu entledigen. Und nun betrachten wir näher die Begründung des Progranims. Nach dem ersten Punkte soll ,das jüdische Volk als Eigenart anerkannt werden, welche kraft ihrer kulturellen Begabung die natürliche Berechtigung und Verpflichtung hat, als Eigenart fortzubestehen und sich als solche zu bethätigen." Wenn ich nun diesen ersten Punkt dem Wortlaute nach acceptiere und das jüdische Volkstum als Eigenart anerkenne und es gewahrt wissen will, weil ich auch in der Mannigfaltigkeit der Individualitäten einen gewaltigen Faktor des Kulturfortschritts erblicke, so kann ich mich doch mit der Begründung des Dr. B. nicht im geringsten einverstanden erklären. Denn wenn auch die Juden inmitten des Volkslebens individuelle Stammeseigentümlichkeiten beibehalten, so können sie doch darum immer noch nicht als „nationale Individualität" kennzeichnet werden. Eine Nation ohne jedwede nationale Aspirationen, ohne nationale Interessen ist ein nori86U8. Herr Dr. B. fühlt auch die Schwäche der zweiten Prämisse und will der Antwort, daß unser nationales Leben beinahe vor 2000 Jahren abgeschlossen und wir seit der Zerstörung des Tempels nur eine „Glaubensgesellschaft" bilden, die keine separaten Interessen kennt, mit dem Einwurfe begegnen, daß unser Stamm „eine eigene Geistes- und Gemütsrichtung und ein eigengeartetes sittliches Gefühl sich erhalten hat." Ist es Ihr voller Ernst, Herr Dr. B.? Damit wollen Sie die nationale Eigenart begründet haben? Weil unser Gefühlsleben ein eigenartiges, doch wohl auch nach Ihrer Meinung, ein reicheres und tieferes und unsere Geistesrichtung eine eigene, doch höchstens idealer und reiner ist, darum müssen wir schon separate Sonderinteressen im staat-

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