Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 30 (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- Seite 468 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 468. I e s ch u r u n. Nc. 30. Bewegung schädige. Weiterhin warf Stöcker Böckel wie Ahlwardt vor, daß sie durch Lügen und falsche Vorspiegelungen ihre Mandate errungen hätten. Der Schluß der Rede rief einen erneuten Sturm in der Versammlung hervor. An die Rede schloß sich eine ziemlich lebhafte Diskussion, nach deren Beendigung die Gegensätze in der Versammlung dnrch eine förmliche Prügelei zum Ausdruck kamen, so daß der Vorsitzende schleunigst die Versammlung schließen mußte. Es würde sich erübrigen, irgend etwas dieser unparteiischen Schilderung der turbulenten Szenen hinzuzufügen, wenn nicht der Verlauf der Versammlung ein Symptom der antisemitischen Volks-Krankheit wäre. Derselbe Stöcker, der dnrch seine Hetzereien zu Beginn der achtziger Jahre das Gift des Glaubenshasses der Bevölkerung beigebracht hat, wird jetzt von den Tollgewvrdenen angeschrien und in unerhörter Weise mißhandelt. „Judenpatron! Fatzke!" Das sind die anständigeren Schmeichelnamen, die ihm aus der johlenden Menge zugeschlendert wurden. Und der teure Gvttesmann, der oft genug mit eiserner Stirn Angriffen entgegentrat, war aus der Fassung gebracht. Er schwang sich zwar zu der Redewerldung aus, er müsse nun Ahlwardt bekämpfen, aber er ist ein geschlagener Mann, ein toter Mann, nach dem kein Hahll mehr kräht. Daß die konservativen Tivvlikrakehler aus dieser Radauversammlnng nichts gelernt haben. beweist die „Kreuzztg." Das Tivoli-Programm, meint sie, hat noch nicht gewirkt; sie hofft aber, daß es den Konservativen in ernster politischer Arbeit schließlich gelingen lverde, die trübe Strömung in ein ruhiges Bett zu leiten. „Sollte aber die Bewegung immer weiter den wüsten Charakter behalten, der ihn von gewissen Führern, die den Schrei des Volkes nach Leitung sich zu Nutze machen, aufgedrückt ist, so tragen die Schuld wahrhaftig nicht die, welche — vielleicht zu spät — das Berechtigte im Antisemitismus erkannten, sondern die, welche bis heute ihn dnrch bloße Negation und durch stete Rückenstärkung des Judentums zu bekämpfen glauben und ihn damit nur imnierhin in unheilvolle Bahnendrängen werden." — Worte, Worte, nichts als Worte. Die „Volkszeitung" sagte erst vor wenigen Tagen: „Die Baggerküsten fördern manches Schlammgebilde zu Tage. Einen Augenblick lang schwebt es .oben, dann fällt es dahin, wo es hingehört." Stöcker ist bereits an seinen Bestimmungsort angelangt, Ahlwardt und die übrigeil Schreier werden ihm bald folgen. Vorher wird er jedoch mit der Gesellschaft von Liebermann von Svnnenberg voblieb nehmen niüssen. Auch dessen Baggerkasten steht schon auf der Neige. Leitende Artikel. Die Lage jüdischen der Lehrer in Hessen. Ag. Vom Rhein, 20. Juli. In einer der letzten Nummern der „Preußischen Lehrerzeitung" nimmt ein unverdächtiger Zeuge, ein christlicher Lehrer das Wort, um die Lage seiner jüdischen Kollegen zu schildern. Mehr noch als in jenem nichtjüdischen, ist der Abdruck des Artikels in unserem jüdischen Lehrerblatte am Platze, und darum stelle ich Ihnen die Auslassungen der „Pr. Lz." zu mit der Bitte, sie unverkürzt wiederzugeben. Der Artikel lautet: Es dürfte viele Leser dieses Blattes interessieren, auch einmal etwas über die Verhältnisse der jüdischen Lehrer Hessens zu vernehmen, gilt doch gerade das ehemalige Kurfürstentum Hessen als das wahre Paradies, wohin zu gelangen das Streben so vieler unserer jüdischen Kollegen ist. Was diese veranlaßt, sich um eine hier frei werdende Stelle zu bewerben, ist sicher die Aussicht auf feste Anstellung, da ja bekanntlich die meisten hiesigen Schulen öffentliche Elementarschulen sind, und demzufolge auch die Lehrer fest angestellt werden. Wer aber die Ver-! hältnisse genauer kennt, wird sicher unsere jüdischen Kollegen nicht beneiden, da deren Stellung der unfern nur scheinbar gleich ist. Man konnte die Wahrheit letzterer Behauptung erst in jüngster Zeit wieder erkennen, da die Gehücker der christlichen Lehrer in einigen Kreisen unseres Regiernngsj bezirks aufgebessert wurden, die jüdischen Kollegen aber natürlich wieder leer ausgingen. Bedenkt man, daß das Anfangsgehalt 750 Mk. beträgt, so sollte man es nicht für möglich halten, daß ein Mann mit Familie — und auch die meisten Familien unserer jüdischen Kollegen sollen gleich den unfern nicht klein sein — damit auskommen könnte. Welche Forderungen aber werden erst an die jüdischen Lehrer gestellt? Selbstverständlich müssen sie in ihren Schulen in allen Fächern dieselben Ziele erreichen, wie auch ich, daneben aber haben sie noch den hebräischen Unterricht, der mit unserm Religionsunterricht verglichen doch noch eine bedeutende Mehraufwendung von Kraft und Mühen erfordert. Aber diese Arbeit thun unsre Kollegen trotz der geringen Bezahlung, soweit wir es beurteilen können, mit Lust und Liebe und erreichen auch/schöne Erfolge. Aber eine Gratisbeigabe ist diesen armen Menschen noch beschert in Gestalt des Amtes eines Vorbeters. Wer, wie ich, schon oft Gelegenheit gehabt hat, dem jüdischen Gottesdienst beizuwohnen, der muß sich sagen, es ist wahrlich eine Riesenarbeit, die unfern jüdischen Kollegen aufgebürdet ist. Wenn für uns, soweit wir keinen Küsterdienst haben, der Sonntag heranbricht, freuen wir uns und ruhen aus von den Beschwerden der Woche, während unsere jüdischen Kollegen, wenn sie auch während der Woche sich noch so sehr abgearbeitet haben, am Samstag das schwerste Stück Arbeit zu erledigen haben. Es wird nicht nur bei den hiesigen Juden, die, wenn die Lehrerstelle frei ist, den Vorbeter zur Probe berufen, sondern auch bei den unfern jüdischen Kollegen Vorgesetzten Behörden das Vorbeteramt als Hauptsache be- > trachtet; liegt uns doch die Verfügung eines Vvrsteheramts l vor, in der es heißt: „Ein Lehrer, der nicht zugleich Vor- , beter ist, ist für eine Gemeinde von geringem Werte."! Also das Nebenamt, das von einem Manne von geringem! Werte versehen wird, wird bezahlt, während der Mann , für sein Hauptamt nichts erhält. Man entgegne mir hier? nur nicht, wir christlichen Lehrer hätten auch keine Bezahlung ' für unfern Kirchendienst. Zum mindesten wird doch von! unserer kirchlichen Behörde behauptet, unser Gehalt stamme! aus kirchlichen Mitteln, und es wird damit anerkannt, daß für diese Mühewaltung eine Bezahlung zustände Aber ' die an uns bei unserm Kirchendienst gestellten Anforderungen i reichen lange nicht an die heran, die an unsre Kollegen bei : ihrem Gottesdienst gestellt werden. Dieses ginge wohl alles noch und es würde auch gewiß diese Arbeit' von unfern Kollegen noch gern geleistet, wenn sie sicher wären, auch nur irgend eine — ich mag nicht sagen Anerkennung — aber doch ruhige Stunde dabei zu erhalten. Gerade durch die Leitung des Gottesdienstes kommen die jüdischen Lehrer mit ihren Gemeindemitgliedern in nahe Berührung, wodurch ge-