Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 29 (21.7.1893)
- Date
- 1893-07-21
- Page
- Seite 464 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 464. Nr. 29. I e s ch u r u n. im einundzwanzigsten Psalm die Erhebung des Kurhauses Brandenburg zur Königswürde, ja selbst Ort und Tag der Krönung vorausgesagt sei. Der König nahm die Schrift gnädig entgegen und ließ über dieselbe seinen gelehrten Hofprediger ein Gutachten abfassen. Der feine Hofmann bezeichnete die Schrift „als des Druckes nicht unwert, zumal der Mann nach dem Genie seiner Nation nicht leicht etwas Besseres und Sinnreicheres unserem allergnädigsten König zu Ehren hätte beibringen können". Selbst der Rabbiner Simon Berendt approbierte ein kabbalistisches Werk und nannte es „süß und angenehm wie vom Sinai hinabgeflossen." Und einem anderen Kabbalisten, Rechemja Chajun, der im Jahre 1713 aus Palästina kam, approbierte der Rabbiner Aron Benjamin Wolf ein Werk „Gottes Macht", in welchem er die Dreiheit des göttlichen Wesens nachwies. Aron Samuel, Branntweinbrenner und Bierbrauer, schrieb eine Bibel-Konkordanz und überreichte sie dem Kurfürsten; Levin David, ein Buchdrucker, verfaßte eine hebräische Grammatik. Von 1697 bis 1734 erschienen in Berlin drei Talmud-Ausgaben, die eine von Dr. Jablvnski selbst (1715 bis 1721). Seiner Druckerei, aus der auch eine hebräische Bibel hervorging, standen Levin David imd Wolf Salomon vor und es arbeiteten in ihr jüdische L-etzer. Für und Wider. Erfreut folgte ich den Ausführungen des Herrn L. Weinberg in Nr. 27. des „Jeschnrun" über den Religionsunterricht der jüd. Lehrerseminarien. Es ist hier endlich eine Frage in Fluß gebracht worden, die zu verschiedentlich beantwortet wird, als daß sie mit Gleichgültigkeit übergangen werden könnte. Hinter die klare Frage des Herrn W.: „Sollen die Lehrer-Seminare Unterricht im Rabbinischen re. erteilen?" möchte ich ein ebenso klares „Nein" setzen. Die Zeiten des Cheders — seligen Andenkens — sind vorüber. Gediegenes Wissen in den Fächern des Elementar- und Religionsschulwesens will sich der werdende Lehrer im Seminar holen, man zersplittere deshalb seine Kräfte nicht durch Zuthaten, die an und für sich recht schön, ihm aber weder in Schule noch Gemeinde von großem Nutzen sind. Obligatorischer Unterricht im Rabbinischen — Orach Chajim und Mischnah — ist für das Lehrerseminar überflüssig. Die Seminarzeit ist zu kurz bemessen, als daß sie in dem Maße Raum bieten könnte für die rabbinischen Lehrfächer, um ihre Unterrichtsstunden für die Praxis des religiösen Lebens nutzbringend zu gestalten. Aus demselben Grunde ist auch ihr geistbildender Wert für das Seminar nicht hoch anzuschlagen. Geist und Witz zu schärfen, bietet überdies der Seminarnnterricht Stoff genug, um des Rabbinischen füglich entbehren zu können. Wenn im Seminar in Text und Grammatik erläuternder Weise der Pentateuch, verschiedene Teile der Propheten sowie der Hagiographen durchgearbeitct worden sind, der Abiturient die Befähigung erhalten hat einen klaren, leicht verständlichen Vortrag in der Chewrah und im Trauerhause zu halten und durch Unterweisung in einigen Kapiteln das Chajem Odo (oder eines ähnlichen Buches) soweit vorgebildet ist um sich ohne fremde Beihülfe in fraglichen Fällen des religiösen Lebens selbst Rats zu erholen — so hat das Seminar, was jüd. Unterricht, anbetrifft vollauf zur Genüge geleistet. Wer mehr vom Seminar verlangt, der verkennt eben den Zweck der Seminarien. — Wenn der Lehrer den Stoff beherrscht, dessen Umrisse ich soeben skizziert, so hält er damit einen nicht unbeträchtlichen Teil jüd. Sprachwissenschaft, der ihm ermöglicht, mit Eifvlg auf diesem Gebiete weiterzuarbeiten. Wenn nicht die frommen Wünsche der Lehrerwelt, den geistigen Horizont der Seminare im Verhältnis zu der sozialen Stellung des heutigen Lehrers zu erweitern, die Pädagogische Fachbildung einst ausschließlich zu betonen und entsprechend den damit gesteigerten Anforderungen die Seminarzeit zu verlängern, sich in Thatsachen umgesetzt haben werden, dann mag und wird auch vielleicht für das Rabbinische ein Stündchen abfallen, einstweilen müssen wir aber mit den bestehenden Verhältnissen rechnen und diese gestatten keinen Untericht im Rabbinischen. M. A. in K. Sie haben die Frage über die Bedeutung des jüdischen Sprachlehrunterrichts zur Diskussion gestellt, und so gestatten Sie auch mir, meine Stellungnahme zur vorwürfigen Frage zu kennzeichnen: Es zeugt keineswegs von einem offnen Sinn für die Bestrebungen der Gegenwart auf pädagogischem Gebiete, wenn ein Lehrer angesichts der Forderung: Keine Grammatik, mehr Sprech- und Stilübungen, die auf der ganzen Linie von der Volksschule angefangen bis hinauf zu den Gymnasien um8cmo mit allem Nachdruck laut wird — und für die Religionsschule gellen doch dieselben methodischen Maßnahmen wie für „deutsche" Schulen — den Vorschlag macht die Grammatik als letztes, verzweifeltes Mittel vor den Schulwagen zu spannen. Allerdings, wenn man sogar die Religionsschule ins politische Parteileben hereinzieht und sie zur Bekämpfung der Sozialdemokratie Herabdrücken will, während wir sie uns bisher in so idealer Höhe dachten, daß die Parteiwogen nicht einmal ihren Fuß zu netzen vermögen — darf uns dies als ein Zeichen der Zeit nicht Wunder nehmen. Dem Fernerstehenden muß es scheinen, als kämpfe die Religionsschule einen Verzweiflungskampf gegen äußere Feinde, wobei jedes Mittel erlaubt ist, und in der Angst schlägt man blind wütend um sich, ohne bestimmt sagen zu können, wen man trifft. Meines Erachtens sind solche Palliativmittelchen gegen den angeblichen Verfall nichts als Wortklaubereien, dröhnende Schläge neben den Nagel. Wer es schon wie ich seit einer Reihe von Jahren bei den recht bescheidenen Kenntnissen des Lehrers in diesem Fache mit redlichem Bemühen versucht hat, in der Schule Grammatik zu treiben, der wird gar bald ob der kläglichen Erfolge im Verhältnis zum Aufwand an Zeit und Mühe die Hände entmutigt sinken lassen, der wird mir zugeben, daß es uns selbst bei wöchentlich 6 Stunden Religionsunterricht, wie sie uns in Bayern zur Verfügung stehen, nicht gelingen will, dem spröden Stoffe dauerndes Interesse abzugewinnen und über die Kenntnis der Deklination der Substantiva, das Numerieren und die zwei ersten Konjugationen der regelmäßigen Verba hinauszukommen und — nebenbei bemerkt, genügt dies auch vollständig fürs bürgerliche Leben. Wenn ich in meiner Schule beispielsweise die unvergleichlich herrlichen Sprüche eines Bileams nach gründlicher Behandlung im Urtext memorieren lasse, so glaube ich dem Schüler einen kostbareren Schatz fürs Leben mitgegeben zu