Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 29 (21.7.1893)
- Date
- 1893-07-21
- Page
- Seite 463 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 29. -^Jeschurun. x- Seite 463. fach am Hungertuche, und das undankbare Vaterland ließ das ruhig geschehen. Aber einmal in vierundzwanzig Stunden muß sich der Mensch satt essen, sagte schon Proudhon; und kann er es nicht als Geschäftsantisemit, so muß er es als gewöhnlicher Geschäftsmann, ja als einfacher Arbeiter zu erreichen versuchen. Was glaubst du, daß aus diesen Edelsten der Edlen geworden? Der eine von ihnen — man sollte sich schämen, es zu erzählen — treibt sich jetzl als Klown bei einer fahrenden Komödiantentruppe herum, ein anderer ist als Reisender bei einer großen deutschen Firma, namens Teut u. Komp, vormals David Israel u. Sohn, engagiert und zwei tüchtige Antisemiten-Talmudisten sind heimlich zum Judentum übergegangen und sehen sich in Galizien als Talmudlehrer, vulgo „Melamdim", nach einer Anstellung um. Bedenke also, wie weit es mit diesen Abgöttern des Volkes gekommen ist, der eine ein Klown, der andere . . . Mehr konnte ich nicht hören: mit einem Aufschrei: „o, mein teurer Ahlwardt!" wachte ich auf — Glücklicherweise fiel gleich mein Blick auf den, meinem Bette gegenüber hängenden Wandkalender, und ich sah — wir zählten noch 1893. „So ist ja für meine Freunde, rief ich, wie von eineni der bösesten Alpdrücken befreit, aus, noch nicht alles verloren; so können sie sich ja für die Zukunft noch vorsehen! Zwar sind die Juden auch noch nicht vertrieben und ein gutes Stück Arbeit liegt noch vor meinen lieben, guten Antisemiten. Wie war mir aber erst vor einem Augenblicke um die teuern Häupter so bange und was hätte mir auch die Krönung des ganzen Gebäudes gefrommt, wenn sie dabei zu Grunde gegangen wären!! — — Das ist also der Fehler, den ich in meiner Vision im antisemitischen Zuknnftsstaate entdeckte, und ich freue mich, daß es noch nicht zu spät ist, um ihn gut zu machen. Darum nur schnell mit dieser Mitteilung in die Druckerei, damit ja meine Freunde, die antisemitischen Heerführer, aus meiner Traumoffenbarung noch rechtzeitig die Lehre ziehen können, daß: wer den andern eine Grube gräbt, leider Gottes, oft selbst hineinfallen kann! — Kose Matter. Aphorismen. Von 7)' W. Frank. Nicht immer bekundet ein singender Mund ein heiteres Gemüt; es trillert die Lerche auch bei bewölktem Himmel. Angehende Schauspieler bekommen das Lampensieber, und viele tüchtige Lehrer in Israel Fieber vor Hunger bei der Lampe ihres Dachstübchens. Apercüs sind einem klaren Geisteshimmel, dem Schoße einer höheren Welt entfallene Meteore. * Das Menschenherz — ein Thermometer. * Du glaubst das Übel mit der Wurzel untergraben zu können? Hüte dich nur, daß der fallende Uvasbaum dir nicht den hohlen Schädel spalte. Die nach Idealen streben, müssen lernen von Luft zu leben. (Wird fortgesetzt.) Zum neunten Am! Die Sabbatlichter brennen, Still ift's und hell in: Haus; Herr, gieße Deine Weihe Auch heute auf uns aus. Laß feiern uns den Sabbat A7it echtem, frommen Sinn, Laß bringen Deine Lehre Dem Herzen stets Gewinn. Herr, laß uns nie vergessen, Daß sie des Lebens Licht — Daß sie das Brot des Glaubens — B's einst das Auge bricht. Es ist ein ernster Sabbat, Dem wir entgegengehn, Gin Trauersabbat ist es, Gesendet aus den Höh'n! Zerbrochen liegt der Tempel, Zerstört das heilig' Gerät, And wir, zerstreut auf Grdeu, Beweinen's, ach, zu spät. Doch, Herr, laß fest uns hoffen, Daß einst in künft'ger Zeil Dein Tempel wieder strahle Zn alter Herrlichkeit. Und jetzt mögen unsere Herzen ür Dich ein Tempel sein, rin Lehr' und Sabbatlichter Verbreiten hellen Schein. Friedland, Gstpr. Frau L. Tietzker. * Wir lesen in der Volkszeitung: Die erste hebr. Buchdruckerei in Berlin legte merkwürdigerweise der 1693 zum Hofprediger berufene Dr. Daniel Jablonski an. Dieser Geistliche war ein großer Orientalist. Mit Leibnitz betrieb er die Errichtung der Sozietät der Wissenschaft und wurde Direktor ihres orientalischen Departements, 1833 sogar Präses der Sozietät. Die Niederlassung der Juden in der Mark seit 1671 gab ihm brauchbares Material an Setzern und Leitern für eine hebräische Buchdruckerei. Unter den eingewanderten Juden hatte sich ein ziemliches litterarisches Leben entwickelt. Die Kabbala-Schwärmerei war damals in Berlin groß. Geweckt hatte dieselbe ein gewisser Jakob aus Wilna, den die Brandenburger 1686 bei der Eroberung Ofens gefangen genommen und nach Berlin gebracht hatten, wo ihn seine Glaubensgenossen auslösten. Er war ein Anhänger des 1676 gestorbenen Sabatthai Zewi, welcher als Messias aufgetreten war, und der unter den Juden weit und breit Anerkennung gefunden hatte. Kabbalistische Spielereien waren seitdem in Berlin im Schwange. Zur Krönung 1701 hatte Wolf Simon Brandes dem Könige eine Festschrift gewidmet, in welcher er durch kabbalistische Zahlenspielereien nachwies, daß bereits t