Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1893-07-21 · 29 (21.7.1893) · p. Seite 462

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
29 (21.7.1893)
Date
1893-07-21
Page
Seite 462 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/9610650-9609441-9609561--214-9609573
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 462. ^Jeschurun.;<- Nr. 29. Die Zionide des Jehnda Halevi Am Ölberg tauchet der Morgen empor Und spielet rosig um Zions Thor, Da klimmet ein müder gebrechlicher Mann Bom Kidronthale den Berg hinan. Nun steht er droben, erreicht ist die Stadt, Da sitzt er nieder, vom Wege matt, Und ruht; dann streift er den Schuh vom Fuß Und wirft sich nieder auf's Land zum Kuß. Er springet auf und zerreißt sein Kleid Und klaget den Lüften sein tiefes Leid; Er hebt sein düsteres Augenpaar Und schlägt die Brust und zerrauft sein Haar. „O, daß du, Zion, vergessen hast, Die seufzend schmachten in Fessellast, Die kleine Herde, vom Schwerte verschont, Die deine Thäler einst froh bewohnt! Dir rufen wir aus der Ferne noch Heil, Hinweggeführt am Sklavenseil; Und fallen Thränen wie Hermon's Thau, Und netzen doch nicht Jehuda's An. Jerusalem, wir verzweifeln noch nicht! Ich weine, da mir erlosch dein Licht; Doch träumt mir, daß die Erlösung erblüht, Wird Dankesharfe mein froh Gemüt. Dann sing' ich deinen hochherrlichen Ruhm, Du Stätte Gottes, o Heiligtum, Da sich erschlossen des Himmels Glanz, Vor dem verdunkelt der Sterne Kranz. O hauchte ich hier die Seele doch aus. Wo stolz gestanden des Höchsten Haus! Du Ort, geheiligt für Gottes Thron, Dich schändet trotzend der Frevler Hohn! Die Seele schwärmet auf irrender Fahrt, Wo Gott den Sehern sich offenbart; In Zionstrümmern begräbt sich mein Herz, Sie brünstig segnend in seinem Schmerz. O Land, o Land, das die Ahnen mir birgt. Die Väter grausam vom Stahl erwürgt, Die Freude des Höchsten in Hebron's Grab, Ihr seid das Teuerste, was ich Hab'. Den Schmuck des Hauptes verstreu ich auf dich. An meinen Flüchen vergnüge ich mich! Verwünschung ist der Verzweiflung Lust, Das ganze Leben in meiner Brust! Nichts andres kann mich im Herzen erfreu'n, Solang der Hund noch zerfleischt den Len'n, Der Knecht den Fürsten bedrängt mit der Faust, Der Rabe mehrere Leichen schmaust. O Herr, genug von dem bitter» Trank! Laß mich erst fühlen, wie schwer ich krank, Dann gieße noch auf mich aus den Rest, Laß in der Kelter ihn ungepreßt! Jehuda's schimmerndes Hauptdiadem, Erglänze wieder, Jerusalem Wie mir, so allen den deinen auch, Die nach dir schauen mit Seufzerhauch! Sie sind's, die deine Verwüstung bedrückt, Sie sind es, welche dein Wohl entzückt Und beugen sie im Gebet ihr Knie, Nach deinem Throne hin schauen sie.! Die Herde weit in der Wildnis versprengt. Sie sucht ihre Hürde noch treu und drängt Nach dem schattigen Palmenhain, Nach dieser Quelle, reich urd rein. Du stehst in Ewigkeit herrlich und hehr! Pathros ist hin, Schinhear nicht mehr. Dich tilget nimmer der Feinde Gewalt, Der Herr erkor dich zum Aufenthalt! O Heil dem Mann, der geharrt in Geduld, j Bis wieder strahlte dir Gottes Huld, Bis daß dein Licht in dem Aufgang schien Und brachte Morgen über ihn!"- Und wie er's ruft in begeisterter Glut, Vernimmt's ein Reiter mit wilder Wut. „Verfluchter Jude, was betest du?" Er schreit's und sprengt auf den Alten zu. j Hoch bäumt sein Roß sich, gestachelt vom Sporn, Und schlägt und stampfet in Schmerz und Zorn; Der Alte stürzet, sein Auge bricht, -Und sterbend flüstert er; „Zion's Licht!" Der Zukrrnftsftaat der Antisemiten. Eine Vision von S. N. Margulies. (Schluß.) „Wieviele glaubst du wohl, sind zuletzt von unfern braven Anführern gewählt worden?" Wenn es mit Recht zuginge, fiel ich ein, gewiß alle, aber ich fürchte schon nach dem eben Gehörten . . . ." Nicht einer von ihnen wurde wiedergewählt, flüsterte mir mein Gewährsengel zu. - Scheinbar hatte das Volk nicht unrecht, wenn aber je ein himmelschreiender Undank verübt worden, so war es jetzt. Denkt dir nur, unsere großen Männer treten jetzt wieder als Wahlkandidaten auf, höchst siegesbewußt erscheinen sie auf dem Plan und erheben ihr altes Schlachtgeschrei: hie Jud! und ^ereat Semit! Das war allerdings jetzt nicht mehr am Platze; was konnten sie aber dafür, wenn ihnen im Laufe der Zeit jegliches Verständnis für alle Fragen, die außerhalb dieses Jdeenkreises lagen, nach und nach völlig abhanden gekommen? Die ausschließliche Beschäftigung mit allem, was sich um die Juden drehte, mußte ja naturgemäß eine große Ignoranz in den Fragen, die auf ein anderes Gebiet gehörten, bei ihnen hervorbringen. Der Judenhaß hatte sie zu sehr absorbiert und, gestehen wir es uns ein, auch zuletzt vielleicht etwas dumm gemacht. Sie wußten, trotz der veränderten Sachlage, auch in ihren jetzigen Kandidatenreden kein anderes Thema anzuschlagen, als semitische Landplage, Börsenjuden n. s. w. und dies in allen Tonarten zu variieren. Das ist aber doch ein Anachronismus, wir haben ja gar keine Inden mehr, rief man ihnen zu. Geht schlafen schreien sie gar die undankbaren Wähler an, Männer, die sich auf nichts, als ans Judenhetzen verstehen und die nichts gelernt und nichts vergessen, können wir jetzt nicht gebrauchen. Das war so ans dem Shakespearischen ins Deutsche übersetzt: Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen! Und dabei blieb es, trotz allen Protestiercns, Lärmens und Radaumachens. So verfuhr das Volk mit seinen einstigen Günstlingen! — Aber ändern ließ sich da nichts; es war die Logik der Thatsachen, die hier sprach. Einige wenige unserer edlen Depossedierten, die noch irgend einen Posten bekleideten, irgend ein bürgerliches Gewerbe ausübten, zogen sich schmollend zurück und lebten nun in wohlberechtigtem, verbissenem Grimme von ihrem stillen Erwerb. Schlimmer erging es aber denjenigen unter ihnen — und das waren die wichtigsten und hervorragendsten Oberhäupter — welche in ihrer Aufopferung für die gute Sache alle andere Beschäftigung aufgegeben hatten und nur noch vom Antisemitismus lebten: Wovon sollten sie jetzt ihr Auskommen haben? Es gab zwar für sie eine fette Zeit, wo sie mit Duodezschriften, mit Pamphletchen und Reden, die sie in Versammlungen hielten, ein Erkleckliches zu verdienen pflegten; mit solchen Revenuen hat es aber seine eigene Bewandtnis. 0a qui vient de la flute s’auretourne an tambour, sagt der Franzmann, und darin hat er einmal recht. Man ist ja etwas besseres, als so eine jüdische Krämerseele, daß man Groschen für Groschen bei Seite legen soll; dafür will man ja auch etwas besser leben. — Und kurz und gut, die wackern Freunde, die einstigen Größen nagten zrtletzt — horribile dictu — ein-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.