Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 29 (21.7.1893)
- Date
- 1893-07-21
- Page
- Seite 461 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 29. Seite 461 -s^Ieschurun. nsr- Munde vernehmen, Deine Weisheit soll meine Zweifel Niederschlagen. Wie ein Reh nach der frischen Wasserquelle schmachtet, so lechze und verlange ich, aus Deiner lebendigen Quelle zu schöpfen, an Deinem reich sprudelnden Borne mich zu laben. Dein Geist soll mich leiten, Dein Licht soll mir leuchten." Je bekannter und vertrauter Meister und Jünger mit einander wurden, desto mehr wuchs ihre gegenseitige Zuneigung. Jener hatte eine Freude daran, vor den Augen des aufmerksamen Jüngers das Gerolle zu entfernen, welches über den Schacht des Talmud sich gelagert hat, ihn mit sicherer Hand in die dunklen Tiefen zu führen, um das edle Metall heraufzufördern, ihn in seine systematische Lehrmethode einzuweihen und die leitenden Ideen ihm zu enthüllen; und dieser lauschte mit rascher Fassungskraft auf die scharfsinnigen Darstellungen Maimunis und ward nicht müde, den talmudischen, medizinischen, astronomischen und philosophischen Vorträgen desselben zu folgen. Jedes Wort des angebeteten Lehrers war ihm ein Orakelsprnch, er machte es zu seiner Lebensaufgabe, dessen Ideen und Lehrweise in die Welt hinauszutragen und zu verbreiten.' So bildete sich allmählich ein Verhältnis zwischen beiden, so innig und treu, wie zwischen Vater und L-ohn. — Es war an einem Freitag, zur Zeit der Abenddämmerung, die Sonne war untergegangen, das Zwielicht rang noch mit der hereinbrechenden Nacht; die linde, balsamische Luft und das prächtige Abendrot senkten einen stillen, sanften Frieden über die Natur und in jedes Menschenherz. Friede und Sabbatruhe kehrte auch in die Wohnungen Israels ein. Auf den Straßen Fostats tummelte sich eine Schar festlich gekleideter Juden, die zur Begrüßung des Sabbats in die Synagoge eilte. Maimonides und Aknin waren ebenfalls hingegangen; inzwischen legte die junge Frau daheim ein Festkleid an, schmückte sich, ihr Kind und das Hans, damit durch das Äußere das Innere sich ergötze und die Seele zu einer geweihten, sabbatlichen Stimmung sich erhebe. Sie spreitete ein weißes Tafeltuch über den Tisch, nahm zwei Wachslichter aus dem Schrein, steckte sie auf silberne Leuchter, zündete, sie nebst der über dem Tische hängenden sechszackigen Öllampe an und sprach über die Sabbatlichter den Segen. Ein geheimer Zauber waltete und webte in dem geputzten, hell erleuchteten Zimmer, in welchem die Frau ihre häusliche Andacht verrichtete. Heute beeilte sie sich, denn sie hatte sowohl Aknin als auch ihren Bruder nebst Familie zum Abendessen eingeladen. Die doppelt verschwägerten Familien Maimunis und Abulmaalis kamen allwöchentlich wenigstens einmal zusammen, um ihre Gedanken auszutauschen und über Familienangelegenheiten und Tagesneuigkeiten sich zu unterhalten. Die Frau empfing den vom Gottesdienst heimkehrenden Mann mit freundlichem Antlitze, auf ihrem Arme ruhte ihr kleiner Sprößling Abraham, auf dessen Köpfchen er die Hände legte und den vorgeschriebenen Segen sprach: „Möge Dich Gott werden lassen wie Ephraim und Manasse. Der Herr segne und behüte dich, er lasse dir sein Antlitz leuchten und sei dir gnädig, er wende seine Huld dir zu und gebe dir Frieden." Dann begrüßte sie die eintretenden Gäste und bat sie, da es schon spät geworden, sich sogleich zu Tische zu setzen. „Also das ist dieser Aknin," flüsterte die Schwägerin der jungen Frau ins Ohr, als dieser und ihr Gatte über einen wissenschaftlichen Gegenstand mit Maimuni sich unterhielten. „Euer Mund ist ja voll von ihm, von seinem Geiste und Wesen; es ist wahr, er ist ein hübscher junger Mann, in seinen Augen liegt viel Äusdruck, mehr Gutherzigkeit und Leidenschaft als Thatkraft." „Du willst doch gleich die Seele ihm aus den Augen lesen," entgegnete lächelnd die Hausfrau; „mein Mann hat ihn in sein Herz geschlossen und liebt ihn wie unfern kleinen Abraham, ich bin manchmal eifersüchtig auf ihn, wenn er nicht müde wird, ihn zu belehren, mir aber die Stunden kärglich zumißt. Er äußerte neulief): wie man ein Buch sorgfältig und möglichst fehlerfrei ausstatten müsse, bevor man es in die weite Welt sende, ebenso sollen die Schüler, seine lebendigen Geisteskinder, mit Lehre und Beispiel wohlversehen hinausgehen, getreu seine Ideen verkünden und seine Lehrweise verbreiten. D§s Lehren, Grübeln und Diskutieren hört jetzt den ganzen Tag in unserem Hause nicht auf; selbst bei Tische" fügte sie mit lauter Stimme, damit ihr Gatte es hörte, hinzu, „sprechen sie nur über gelehrte Dinge und entziehen sich ganz unserer Gesellschaft." „Entschuldigt," sagte Maimuni, „wir möchten der israelitischen Vorschrift, bei jeder Mahlzeit ein belehrendes Wort zu sprechen, Nachkommen und den berühmten Gedanken ausführen. Dann gebären wir euch an. Laßt uns den Faden unseres Gespräches nicht verlieren," wandte er sich wieder an Aknin und Abulmaali. „Glaubet nicht, daß die wichtigsten Geheimnisse auch nur einem einzigen von uns bis auf ihren äußersten Endpunkt entdeckt sind, keineswegs! Vielmehr schimmert uns zuweilen ein Strahl der Wahrheit durch, so daß wir uns in - einer Tageshelle zu befinden glauben, er verschwindet aber bald darauf durch Einwirkung unserer Natur, so daß wir in die finstere Nacht zurückfallen und nicht viel mehr wissen denn früher. Es ergeht uns in dieser Hinsicht wie wenn in einer finstern Nacht mehrere Blitze herabschießen; manchem leuchten nur an seinem Standtort solche Blitze in geringen Zwischenzeiten, so daß er sich in einer ununterbrochenen Helle zu befinden, die Nacht sich ihm in Tag zu verwandeln scheint. Auf dieser Stufe befand sich nur der größte der Propheten, Moses, zu dem gesprochen wurde: Du aber bleibe hier bei mir stehen! Anderen an andern Orten erfolgen die Blitze in größeren Zwischenräumen. Dies ist die Stufe der meisten übrigen Propheten. Vielen aber leuchtet ein Blitz nur einmal in der ganzen Nacht: dies ist die Stufe derer, von welchen es heißt: Sie weissagten nur diesmal und nicht wieder. Es giebt aber auch solche, die niemals zu der Stufe gelangen, da ihnen das Dunkel durch einen Himmelsstrahl erhellt wird, sie kommen höchstens zu einer solchen, da es durch einen klaren, durchsichtigen, in nächtlicher Finsternis schimmernden Körper, erleuchtet wird. Solch' schwacher Strahl ist von keiner Dauer, sondern leuchtet und schwindet gleich dem Blinken eines umgedrehten Schwertes. Auf ähnlichen Unterschieden beruhen die verschiedensten Abstufungen der vollkommenen Menschen. Was aber diejenigen anlangt, die keine Art von Licht erblicken, die vielmehr in steter Nacht herumtappen, von ihnen heißt es: Sie wissen, sie verstehen nichts, wandeln im Finstern; sie sehen das Licht, so hell es auch am Himmel glänzt. Wisset, der Schlüssel zum gründlichen Verständnisse der Propheten ist die richtige Auffassung ihrer Bilder und Gleichnisse. (Fortsetzung folgt.)