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Jeschurun · 1893-07-21 · 29 (21.7.1893) · p. Seite 460

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
29 (21.7.1893)
Date
1893-07-21
Page
Seite 460 (sequence 10)
Language
German
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Seite 460. I e s dpi r u it. h$- Nr. 29. Türken. Bei ihnen sind jetzt die Fasten vor Bairam; bei Tag Pflegen sie der Ruhe und des nachts belustigen sie sich. O, ihr stillen, ätzenden Thränen, ihr halberstickten Seufzer, ihr allein seid das Los Israels durch die Jahrhunderte! Allmählich wuchs die Menge des Volkes und noch vor Tagesdämmerung sah man auf dem Vororte der Westwand Menschen Kopf an Kopf stehen. An diesem Tage wird kein allgemeines Gebet gehalten, jeder kommt mit dem Buche der Klagegesänge in der Hand, setzt sich auf einen Stein und verrichtet ein leises Gebet. Bloß das Schluchzen der Frauen unterbricht diese feierliche Stille.. Ein jeder fühlt die Tragik dieses Moments und die Heiligkeit dieses Ortes, ein jeder überwindet sich auch nach Möglichkeit und enthält sich des Weinens. Nur der Frauen Nerven scheinen dieser stummen Trauer nicht gewachsen zu sein. Und nun jene Westwand! Steht sie wirklich so teilnahmslos der schweren Trauer jener Klagenden gegenüber? Es herrscht unter dem Volke der Glaube, daß die Wand an diesem Tage weine, daß den zwei obersten Steinblöcken, gleich einem vor Kummer erstarrten Auge, zwei große Thränenperlen entlockt werden, die längs der Wand herabfließen. Die Mutter Erde saugt sie nicht auf, sondern sie münden durch einen schmalen Flußsieg in den Jordan. Und dereinst, wenn der Messias kommen wird, wird sich an dieser Stelle ein Fluß bilden, bis dahin sind sie dem Auge des Menschen unzugänglich. — j Nach Beendigung der „Kinoth" stand ein hochbetagter; Mann auf und mit lauter Stimme hielt er eine Rede, in 1 der er darauf hindeutete, daß mehr als 18 Jahrhunderte hingegangen sind, seitdem unsere heilige Stadt zerstört, Gottes Tempel niedergebrannt und das auserwählte Volk im Exil lebe. > „Einzig und allein die Thora — unsere heilige Nationalj Seele - dies einzige Kleinod ist uns als Erbe unseres ' früheren Glanzes übrig geblieben und dieses „Überbleibsel" (auf die Westwand deutend), das Prototyp des gegenwärtig verstümmelten National-Körpers.Das Schicksal unseres Volkes ähnelt dem Verhängnisse jener Wand. Es hat der Vorsehung gefallen, Israel zu strafen, aber nicht zu vertilgen: sie brach zwar die Wipfel, aber das Fundament ließ sie bestehen. „Unser Tempel ist vom Feuer verzehrt worden, allein sein Fundament hielt Stand. Vergebens bemühten sich unsere Widersacher, es samt der.Wurzel zu vernichten, da der Herr selbst Beschirmer dieses Überrestes Israels ist. > „Ja, teuere Brüder", fuhr der Greis fort: „Der Hüter Israels schlummert nicht und schläft nicht; aber wir selbst dürfen auch nicht schlafen. Israels Hüter schläft und schlummert niht; aber Israels Gegner schlummern auch nicht. Ihr unablässiges Bemühen, die Wand zu zerstören, setzen sie noch heute fort; und jetzt, jetzt haben sie als eifrigste Helfer in ihrem Zerstörungswerke die mannigfachen Versuchungen, welche die Neuzeit ihnen geliefert. „Können wir nun angesichts alles dessen die Hände in den Schoß legen? Erinnert euch jener Sage, die von dieser Wand geht; sie ist lehrreich genug. „Unsere Volkstradition erzählt, daß noch jetzt alljährlich an diesem verhängnisvollen Tage der Tempelzerstörung ein Fuchs den Berg Juda oder den Berg Edom hinuntersteigt und über die Westwand setzt, in Erfüllung jenes Wortes, das der Prophet Jeremia sprach: Darum ist auch unser Herz betrübt uud unsere Augen sind finster geworden, um des Berges Zion willen, daß er so wüste liegt, haß die Füchse darüber hinlaufen." „Und im Talmud wird noch folgendes hinzugefügt: Einst spazierte Rabbi Akiba, jener feurige Patriot, der so viele Täuschungen erlebte, mit seinen Freunden in der Umgebung des Tempelberges, da gewahrten sie plötzlich einen Fuchs, der an dem heiligen Berge vvrbeilief. Jene brachen in Thränen aus, er aber lachte. ,Rabbi, weshalb lachst Du?' fragten seine bestürzten Genossen. ,Und warum weint Ihr?' fragte er sie. ,Wie sollten wir nicht weinen, wenn wir den heiligen Tempel zerstört liegen sehen und seine Trümmer den Füchsen Höhlen bieten.' Ebenso deshalb freue ich mich,' sagte Rabbi Akiba. ,Jn der heiligen Schrift lesen wir: 'Und ich berufe mich auf zwei Zeugen, Uria und Sacharia.' Es fragt sich nun, welche Gemeinschaft haben denn diese beiden Propheten? Einer von ihnen prophezeite den Juden den Untergang und die Vertreibung, der andere die Errettung und das Wiederaufblühen. Die Weissagung des ersteren ist, wie wir sehen, in Erfüllung gegangen, aber ist das nicht auch ein Unterpfand dafür, daß die Prophezeiung des letzteren Wahrheit werde? Wir wollen uns dem Glauben und der Hoffnung hingeben,' schloß Rabbi Akiba mit Donnerstimme — ,denn darin nur besteht unsere ganze Glaubenskraft." „Amen! Amen!" erscholl ein mächtiges Echo auf dem Tempelberge. ,,'lmen!" wiederholte ein Bergecho auf dem ganzen Gebirge Zion und hallte rings um den Berg Juda, bis an den Fnß des Libanon. -i- * * Der Redner war zu Ende. Die Menge ging auseinander. Ich stand noch lange und schaute, gelehnt an die Westwand, ergriffen von einem unbeschreiblichen Gefühle, in die weite, blaue Ferne. Mainrorrides. Historische Erzählung von Dr. M. Dessaner. (Fortsetzung.) Sein Empfang in dessen Hause war ein über alle Erwartung herzlicher, denn er kam zu einer glücklichen Stunde. „Ich halte Dein Kommen gerade an dem Tage, da meine Frau mich mit einem Erstgeborenen beglückt hat, für eine günstige Vorbedeutung," sagte Maimuni, „Du wirst mir, so hoffe ich, ein Jünger werden, treu wie ein Sohn, der die Lehren des Vaters festhält und verbreitet. Halte Dich zu der Schar derjenigen Talmudisten, welche auch die Wissenschaften pflegen und in jeder das Gediegene von den Schlacken trennen, die Perlen aus den Muscheln holen, nicht zu denen, welche Bildung und Erkenntnis von sich weisen und um jede Äußerlichkeit Haß und Zwietracht säen. Studiere fleißig das talmudische Werk Alfaßis, vergleiche es mit meinem Kodex und bezüglich der Religionsphilosophie halte dich an Saadja, der bis jetzt am deutlichsten die Übereinstimmung der Vernunft mit dem Glauben gelehrt und die Vernunftgemäßheit der mosaischen und nachmosaischen Satzungen des Judentums zu erweisen gesucht hat." „Nein, Meister!" rief der junge Mann in bittendem Tone, „nicht aus toten Büchern laß mich lernen, das könnte ich überall, laß mich die Wahrheit aus Deinem

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