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Jeschurun · 1893-07-21 · 29 (21.7.1893) · p. Seite 459

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
29 (21.7.1893)
Date
1893-07-21
Page
Seite 459 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 29. SZite 459. ^Jeschurun. k*~ Einer non ihnen, vom ^Glücke mehr begünstigt, versteht das Hebräische und erklärt dasselbe, sowie die Geschichte des jüdischen Volkes seinem der Muttersprache unkundigen Kameraden. Todesblässe bedeckt das Antlitz des Studenten, dessen Augen Flammen sprühen; er trauert nicht, er phantasiert vom Wiederausblühen „seiner Nation"' von der Rolle des zweiten Nehemia! Und neben den exaltierten Jünglingen betet und weint ein hebronischer Bürger mit rasiertem Haupte über das Galut ha Schechinah. Für ihn existiert weder die Judenfrage noch materielles Elend, nur das große Weltenleid Israels. •— Dieses ist das Bild der „Westmand" — dieser Ort ist die „Thränenurne der Juden." Könnten diese Steinmassen jemals schmelzen, sie wären schon lange, lange nicht da. Feierlich und rührend ist es hier am Freitag gegen Abend, wenn alle treuen Unterthanen jener eigenartigen Prinzessin Sabbat sich da versammeln, um sie zu begrüßen. Feierlich melancholisch erschallen die erhabenen Lieder des Rabbi Salomo Alkabiz. Der Kantor, ein ehrwürdiger Greis, mit einem schneeweißen Barte, in einem blendend weißen Sabbat-Kittel, mit seiner schwachen, aber tief zum Herzen dringenden Stimme, singt unter freiem Himmel: „Fahre auf aus deinem Schlafe, erhebe dich, erwache, denn Gottes Herrlichkeit erstrahlet dir." Diese Srimme erschallt aus der Tiefe der großartigen Ruinen, aus dem Herzen der heiligen Trümmer, sie dringt zu den Ohren des israelitischen Volkes an allen seinen Aufenthaltsorten. Vom wüsten Orient aus erschallt und dringt diese Stimme bis in den entlegensten Westen hinein, teure und lichte Erinnerungen, wie auch unendlich melancholische Gedanken vereinend und in sich bergend, allen vergessenen Schreck, alle entschwundene Herrlichkeit belebend, das Herz für die Trübsal der Brüder empfänglicher, für ihr Unglück empfindsamer, für die Teilnahme an ihren Hoffnungen lebhafter schlagen zu machen, Nicht wenig Thränen wurden da während des Singens dieses feierlichen Liedes vergossen. Viele Lieder, die die Schicksalsschläge unseres Volkes besangen, habe ich in meiner Heimat vernommen, keines aber prägte sich meinem Gedächtnisse so ein, wie das, welches ich vor der Westwand hörte. Sie Szene ist so ergreifend, daß es selbst die christlichen Pilger selten versäumen am Freitag-Abend die Stätte vor der Westwand zu besuchen. Ja, viele weinen mit den Juden! — Es ist Abend vor Tischah-be-Aw. Gegen Mittag werden alle jüdischen Geschäfte geschlossen, alle Professionisten halten inne mit der Arbeit. Die Bewohner der Vorstädte strömen in die Synagogen. Ich weiß nicht weshalb man am Tischa-be-Aw-Abend keine Andacht an der Westwand hält. Wäre es nicht richtiger an diesem Abend auf dem Schauplatze der unglückseligen Begebenheiten des Tages zu beten, anstatt in den Synagogen die „Klagelieder" zu lesen? Ich besuchte die Synagoge der Spanier, dieselbe war drückend voll. Das Innere füllten die Männer, die Vorhalle nahmen Frauen und Kinder ein; alle in weißen Gewändern. Das Abendgebet war zu Ende, der Kantor begann die Echah (die „Klagelieder") zu lesen. Das versammelte Publikum hörte, auf der Erde sitzend, aufmerksam zu. So fuhr er fort bis zum Verse: „Er hat mich in die Finsternis gethan, wie die Toten der Welt." Da empfand ich als Fremdling das Gefühl eines ganz eigentümlichen Grausens; denn plötzlich waren alle Lichter ausgelöscht und in der Synagoge wurde es stockfinster. Todesstille, als ob ein Gewitter im Anzuge wäre, herrscht hier. Diese übermannenden Schrecken, die Stille und die Finsternis dauerten einige Minuten. Da vernahm man plötzlich die Stimme eines Rabbiners, eines Vorlesers oder eines Kantors, welcher Gedichte im spanischen Dialekte laut deklamierte. Weinend trug er sie vor. Kaum hatte er den ersten Vers beendet, als jählings in der Synagoge ein fürchterliches Schluchzen ausbrach: Männer, Frauen und Kinder weinten bis zur Erschöpfung. Der Vorleser rezitierte weiter und das Volk zerfloß in Thränen einige zerrissen ihre Kleider, andere zerrauften sich die Haare. Und ich saß inmitten dieser wehklagenden Menge. Meine Gedanken verirrten sich wider meinen Willen im Labyrinthe der Vergangenheit. Es kam mir vor, als ob die Feste Jerusalem von Bürgerkriegen durchwühlt, vom Hunger im Innern verzehrt, von außen von unerbittlichen Feinden umzingelt wäre. Sieh' da, den grausamen Titus mit seinen Legionen! Sieh' jenen feindseligen Römer mit dem verstümmelten Gesichte, der den ersten Feuerbrand in den Tempel schleudert. In den Gassen herrscht Bestürzung Verwirrung — Blut, Feuer, Stöhnen, Weinen, Siegesgeschrei, Kettengerassel — das alles durchzuckt mein Gehirn und mit Windeseile stürmt es vorbei .... So verstrich ungefähr eine Stunde. Der Deklamator war bereits zu Ende, das Publikum wurde allmählich ruhiger, ausgenommen eine Alte in der Vorhalle, die von Zeit zu Zeit aufschluchzte. Man zündete die Lichter von neuem an und nahm das Lesen wieder auf. Die Gesichter sind verweint, die Augen gerötet, so mancher Aufschlag am Rocke ist von einem Lüngenrisse durchzogen. Gegen Mitternacht begaben sich die Greise zur Westwand, um daselbst „Tikun Chazot" zu verrichten. Wir traten in eine Nacht, wie sie nur jenem Klima eigen ist: ein klarer, von Myriaden von Sternen flimmernder Himmel über uns, die Luft frisch und durchsichtig, daß man vom Berge Zion herab die ganze Gegend betrachten kann. Hinter der Wand die Moschee des Omar, weiter hinauf der sich stolz erhebende Ölberg; dort Betlehem, da der Jordan. Fern am Horizont werfen die Berge Juda's, Mizpa und andere denkwürdige Ortschaften ihre weiten, dunkeln Schatten. Ein heftiger Sturm weht in den Gebirgen und ruft ein Echo und Pfeifen in den mit Zinnen versehenen Wänden der Zions feste hervor, die Bäume auf dem Olberg beugen sich samt ihren bläulich-weißen Blättern, als ob sie vor der Mauer des Tempelberges beten wollen. Auf dem schmalen Plätzchen, in einer Ecke der Westwand, steht eine Gruppe alter Männer und Frauen, in weiße Kittel gehüllt, gleichsam ein Trupp Toter, die aus ihren verschlossenen Begräbnissen auferstanden sind. Da beginnt ein Greis mit weinender Stimme: „Stehe auf in der Mitternacht und flehe, noch vor der Morgenröte gieße Dein Herz aus vor dem Herrn, hebe Deine Hände gen Hunmel, um der Säuglinge Leben willen, die auf den Straßen vor Hunger verschmachten." — Weinen ertönt ringsumher. Der Wind pfeift, der Mond wirft sein unheimlich blasses Licht auf jene phantastische Gruppe. Die weite Ferne meldet den Ton der Harfe und Flöte, und das heitere Gelächter der tanzenden und schmausenden

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