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Jeschurun · 1893-07-21 · 29 (21.7.1893) · p. Seite 458

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
29 (21.7.1893)
Date
1893-07-21
Page
Seite 458 (sequence 8)
Language
German
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Seite 458. Nr. 29. -s^Ieschurun. (Juden und Protestanten) nicht geradezu verboten, aber durch eine Polizeiverordnung als unzulässig erklärt, weil gefürchtet wird, daß durch solche Kundgebungen der Fanatismus leicht Ruhestörungen herbeiführen könnte. Als im Jahre 1881 König Alfons XU. den Juden die Rückkehr nach Spanien gestattete, um so das vor vier Jahrhunderten an ihren Ahnen begangene Unrecht zu sühnen, zog eine Anzahl jüdischer Familien nach Toledo, mußten dasselbe aber bald wieder verlassen, weil der fanatische Pöbel sie daselbst nicht dulden wollte. In Toledo, dem Sitze des Erzbischofs, fiub die beiden bedeutendsten Kirchen aus Synagogen in christliche Bethäuser umgewandelt worden; es soll sich noch das ganze Zubehör einer Synagoge, auch die Thorarvllen, darin befinden. . In Madrid wohnen ca. 40 jüdische Familien, darunter die Vertreter der Bankhäuser Rothschild und Erlanger. Dieselben nehmen dort eine geachtete Stellung ein, sehr zum Ärger gewisser Kreise. So hat einst einer der ersten Geistlichen der Residenz in seiner Predigt in häßlichen Ausfällen dagegen geeifert, daß christliche Damen, darunter Vertreterinnen der höchsten Kreise, in jüdischen Häusern verkehren. Die Sache hat viel von sich reden gemacht und mit der Versetzung des Geistlichen geendet. Ein jüdisches Gemeinwesen existiert in Madrid noch nicht, kaum sind die allerersten Ansätze dazu vorhanden. Einen israelitischen Begräbnisplatz giebt es in Madrid nicht; nur ein Stück Feld außerhalb der Stadt gilt den Israeliten als Stätte, auf der sie ihre Toten beerdigen. Dies die spärlichen Mitteilungen über die Israeliten in Madrid. — In Cadix hat sich eine ganz beträchtliche Anzahl maurischer Judni, welche sich zu einer Art von Gemeinde zusammengethan und dieselbe durch ihre rührige Geschäftigkeit mit allen nötigen Institutionen ausgestattet haben. Sie ernähren sich zumeist mit Pantoffelhandel. Auch in Huelva wohnen einige jüdische Familien; in dessen Nähe, in Rio Tinto, wird Bergbau und Mineralienhandel getrieben, und auch die Israeliten suchen durch diesen Betrieb ihre Existenz sich zu gewinnen. Die größte jüdische Gemeinde der spanischen Halbinsel befindet sich in Gibraltar, wo ca. 5000 Juden wohnen, die sechs Synagogen besitzen. Gibraltar gehört bekanntlich den Engländern, und hier hatte denn der Geist der Freiheit und Toleranz die Juden schon längst von allen Beschränkungen erlöst. Aber auch im übrigen, eigentlichen Spanien, wo zuerst und am längsten Glaubenshaß und Glaubenszwang ihie Schreckensfackel geschwungen, beginnt es zu dämmern, und es werden sicherlich in nicht allzu ferner Zeit auch in Spanien die Israeliten einen hervorragenderen Teil der Bevölkerung bilden, als dies jetzt der Fall ist. * Unter dem Namen ,,Educational Alliance" hat sich in New Nork eine neue Organisation gebildet, de-en Aufgabe es sein wird, die Bildungszwecke, welche mit dem „Hebräischen Institut" an East Broadway in Verbindung stehen, bestmöglichst zu fördern. Die neue Gesellschaft setzt sich aus der Aguilar Frei-Bibliothek- und der jüdischen Frei-Schule-Gesellschaft zusammen und diese bilden hinfort eine Vereinigung. Folgender Vorfall macht in Rio de Janeiro viel von sich reden. Der General-Inspektor der Schulen der brasilianischen Hauptstadt hat kürzlich sein Amt nede:gelegt und diese Resignation öffentlich motiviert. Er hatte für eine Schule vier Lehrerinen in Vorschlag gebracht. Von diesen wurde eine zurückgewiesen, obgleich sie, wie der Schulinspektor in einer Beschwerdeschrift an den Minister hervorhob, ein besseres Qualifikationszeugnis hatte, als eine der drei zugelassenen Bewerberinnen. Da der Beschwerde des Inspektors keine Beachtung geschenkt wurde, legte dieser sein Amt nieder. Die Angelegenheit wurde zum Gegenstand einer Interpellation im Senat gemacht, auf welche der Premier-Minister einfach erklärte: die betreffende Lehrerin sei eine Jüdin und deshalb nicht anstellnngsfähig! fiiiiiiliriuritiiiin. An der „Kossel maarawi“*) in Jerusalem. Aus dem Russischen von I. Magiluitzky. Die Mittagszeit ist herangerückt. Die Sonne verbreitet Gluthitze, alles verbirgt sich im Schatten. Aber die Betenden an der „Westwand" empfinden keine Hitze, sie fühlen keine Mattigkeit, gerne wollen sie alles drückende und aufgebürdete Leid ausweinen .... über alle Beleidigungen klagen .... und über alles trauern . . . Sieh' da geht er fort, aber wie? Als ob er, der aus dem entlegensten Westen herbeigekommen ist, vom Grabe seiner Mutter sich verabschiedet hätte, wo er abermals und abermals das Epitaphium küssen und umarmen will. Aber da kommt ein anderer. Bald werdet ihr erfahren, daß dies kein stolzer Unterthan der Königin Viktoria ist, der mit seinem „civis britannicus sum“ prunkt. Es ist ein unglücklicher Bruder aus Rumänien, dessen einziger Sohn vor einigen Jahren seinen Tod in der Schlacht fand, als er in der Reihe des „heldenmütigen rumänischen Heeres" gekämpft, mit Standhaftigkeit und Tapferkeit im Streite gegen den „ewigen Feind" mitgesochten hatte und den Heldentod für's Vaterland starb. Rumänien erkaufte in diesem Kriege eine völlige Selbständigkeit, aber der Juden Lage wurde nach diesem Kriege um vieles schlimmer als zuvor .... Seine einzige Tochter war nun des Greises alleinige Hoffnung und letzter Trost in seinen alten Tagen. Man plünderte am lichten Tage, man zerstörte sein Haus, raubte sein Vermögen und mißhandelte seine Tochter. Das bescheidene, fromme Mädchen vermochte diesen Schmach nicht zu ertragen und siechte langsam dahin. Der Alte blieb allein zurück, ein verdorrter, seiner Äste beraubter Baum. Er veräußerte seine geringen Habseligkeiten und siedelte nach Jerusalem über, um „vor Gott" über das schmerzliche, das bittere Leid weinen zu können. Erschöpft sinkt er auf die Kniee, schmiegt sich an den glatten Fliesenstein des freien Plätzchens, und nur ein Schluchzen und Stöhnen, welches ihm den Atem zu rauben droht, verrät, daß noch Leben in ihm ist . . . Und dort, in einer anderen Ecke stehen zwei junge Leute. Vor einem Jahre sahen wir sie in der £—er Universität; sie schwärmten für die freie That, für des Vaterlandes Wohl, für die Linderung des armen Volkes „des in einen rauhen Schafspelz gekleideten Bruders." Aber wir alle wissen, auf welche Weise sie in Jerusalem auftauchten. *) Die von dem zerstörten Tempel übrig gebliebene Westwand.

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