Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 29 (21.7.1893)
- Date
- 1893-07-21
- Page
- Seite 456 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 456, Nr. 29. I e s ch u r u n. lytische Anleitung zur Erteilung des Religionsunterrichts in den bestehenden Übungs- resp. Volksschulen gegeben werde. — Daran schloß Redner eine Darlegung seiner Gedanken über die Ziele einer Bildungsanstalt für jüdische Lehrer, die er in folgenden Leitsätzen zusammenfaßte: Eine Bildungsanstalt für jüdische Lehrer hat im allgemeinen die Aufgabe, in getreuer Erfüllung aller der durch Landesgesetze und Verordnungen für Lehrerblldungsaustalten vorgeschriebenen Bestimmungen ihre Schüler zu Volksschullehrern heranzubilden, welche mit richtigem Verständnis und hingebendem Pflichteifer die ihnen anvertraute Jugend belehren und erziehen und selbst ein Vorbild echt jüdischer Denk- und Lebensweise, insbesondere aufrichtiger Vaterlands¬ und allgemeiner Menschenliebe sind. Im einzelnen hat eine solche Anstalt die Aufgabe: 1) dafür zu sorgen, daß ihre Schüler vollkommen befähigt werden, den gesamten Unterricht an einer jüdischen einklassigen oder mehrklassigen Volksschule, insbesondere den jüdischen Religionsunterricht in allen zu ihm gehörenden Gegenständen gedeihlich zu erteilen. 2) Im Hinblicke auf die Bedürfnisse, besonders der kleinen Gemeinden, hat eine solche Anstalt aber auch die Aufgabe, ihre Schüler in allen den Gegenständen zu unterrichten und zu üben, deren sichere Kenntnis znr Ausübung des Vorbeteramtes, sowie zum Halten synagogaler Lehrvorträge unerläßlich ist. 3) Aus demselben Grunde hat sie ihren Schülern die Befähigung zur Ausübung des rituellen Schlichtens zu verschaffen. 4) Im Hinblick auf die Förderung des Sinnes für Handwerk und Landwirtschaft unter den Juden hat sie ihre Schüler in Handfertigkeit und Gartenbau zu unterrichten. 5) Zur Förderung der allgemeinen Bildung hat sie ihren Schülern, wenn irgend möglich, die Kenntnis einer lebenden fremden Sprache zu vermitteln. Im Anschlüsse an diese Leitsätze erörterte der Herr Referentwie diese Aufgabe auszuführen sei und wie sie an der Hannoverschen Anstalt ausgeführt werde. — Zum Schlüsse machte der Redner noch ausdrücklich darauf aufmerksam, daß er sich ganz absichtlich jedes Urteils über die andern jüdischen Bildungsanstalten Deutschlands enthalten habe, da das ihm zu Gebote gestellte Material eine ausreichende Unterlage für eine sachlich gerechte Beurteilung nichte biete. Das eine aber glaube er bewiesen zu haben, daß die von Herrn Reuß in seinem Eingangs erwähnten Vortrage den jüdischen Anstalten gemachten Vorwürfe teils ganz unbegründet, teils übertrieben seien. (Schluß folgt.) Kleine Chronik. Bürgerliche Verhältnisse. * Die „Kreuzztg." im Kampfe gegen Ahlwardt, Böckel und sonstige ebenso würdige Leute zu sehen, ist ein köstliches Schauspiel. Der Ruf Ahlwardlls gegen „Junker und Juden" gefüllt dem edlen Blatte lauge nicht so gut, wie das einfache „Hepp, hepp!" Die „Kreuzztg." hat jedoch selber ihr Möglichstes dazu gethan, daß diese Sorte von Politikern in die Höhe kommt. Für die Warnung, daß der Antisemitismus sich gegen die eigenen junkerlichen Urheber wenden werde, hatte sie ein Achselzucken. Jetzt dagegen rafft sie sich zu folgendem Notschrei auf: „Wir können uns nicht dazu verstehen, daß, weil eine gewisse Richtung des Antisemitismus in rührender Bescheidenheit sich allein für befähigt hält, den Staat zu retten, wir ohne Weiteres zu ihren Gunsten abdanken. Zu dem hohen Grade von Selbstbewußtsein, welches die Herren Ahlwardt, Böckel und Genossen ziert, dürfte erst dann ein Anlaß vorliegen, wenn sie den Judenparteien eine erkleckliche Anzahl von Reichstagssitzen werden entrissen haben. Bis jetzt haben sie sich vorzugsweise auf Kosten der Konservativen bereichert. Dabei haben sie es noch nicht einmal zu einer einheitlichen Partei gebracht. Die 1V2 Dutzend antisemitischer Abgeordneten im Reichstage zerfallen immer noch in drei Gruppen, und wer in die persönlichen Verhältnisse ihrer Führer nicht eingeweiht ist, vermag nicht recht einzusehen, worin der sachliche Unterschied zwischen ihnen besteht. Da hat denn Wohl eine große in sich geschlossene Partei, wie die konservative, die Pflicht, auch den Antisemiten gegenüber auf Wahrung ihres Besitzstandes zu achten und sich nicht durch einen Augenblickserfolg eines Mannes wie Ahlwardt zur Aufgabe einer ihrer besten Positionen bestimmen zu lassen. Vor allen Dingen aber geziemt es ihr, Stöcker (über Neustettin) wieder in den Reichstag zu bringen." — Hierzu bemerkt die „Volkszeitung:" Die Redaktion der „Kreuzztg." kann Gift darauf nehmen, daß Förster, Ahlwardts Busenfreund, durchkommen wird. Uns kann es gleichgiltig sein, ob Stöcker oder Förster in den Reichstag kommt; sie sind beide gleich viel wert. — Stimmt! * Im neuen deutschen Reichstage sitzen 4 Abgeordnete jüdischer Konfession: Dr. Schönlank, Singer, Stadthagen, Wurm — sämtlich Sozialdemokraten. * Ehren - Schtverrnhagerr, der es vorgezogen hatte, sich der strafrechtlichen Verfolgung durch die Flucht nach Rumänien zu entziehen, hatte von Bukarest aus verbreitet, er habe auch dort bei der Regierung das größte Entgegenkommen gefunden und werde mit reichen Informationen ausgerüstet demnächst nach Berlin zurückkehren und den Kampf gegen den Minister Miquel eröffnen. Demgegenüber werden im hochosfiziösen Bukarester „Timpul" zunächst die angeblichen Verbindungen Schwennhagens in Bukarest für Lügen erklärt, mit dem Beifügen, daß er überhaupt in dortigen Regierungskreisen gar keinen Zutritt habe. Das Vorgehen Schwennhagens kennzeichne sich als ein einfacher Schwindel, und es liege die Vermutung nahe, daß der Antisemitismus und rumänische Jrredentismus diesem Herrn nur als Deckmantel für gewisse und andere kleine Geschäfte diene. * Vom 9. d. M. berichtet die „Ztg. f. Pommern" aus Neustettin: „Heute Abend wird Ahlwardt den Antisemiten Dr. Förster den Wählern vorstellen. Tie hiesige Bevölkerung ist so vom Antisemitismus fanatisiert, daß erhebliche Ausschreituugen und Krawalle, die bereits an den Vorabenden vor der Hauptwahl stattfanden, jedoch von der Polizei mit Erfolg unterdrückt wurden, jetzt wieder hervortreten werden. Auch das Landvolk ist vollständig antisemitisch angehaucht. Seit mehreren Tagen sind über 10 Ahlwardtische Agitatoren im Landkreise thätig." — Auf Anfrage wegen der vorgekommenen Exzesse wird den „Mitt." des Abwehrvereins aus Neustettin von zuverlässiger Seite geschrieben: „In einigen jüdischen Häusern wurden Fensterscheiben eingeschlagen