Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 29 (21.7.1893)
- Date
- 1893-07-21
- Page
- Seite 454 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 454. | t f th u r n n. Nr. 29. Einsender hat der Gegenstand, dem die Überschrift dient und der erst kürzlich die Neugierde säst des ganzen Kontinents mehr oder weniger beschäftigte, besonderes Interesse, da er den Distanzritt mit einer seiner Privatkorrespondenzen — man verzeihe diese Indiskretion — in Verbindung zu bringen Veranlassung hat. Aber was in aller Welt, höre ich meinen gesch. Leser fragen, hat denn eine Privatkorrespondenz mit einer Geliebten, mit einem Ungeheuer und mit dem Distanzritt zu thun? In der That könnte ich diesen Zusammenhang nicht rechtfertigen, wäre mir nicht von vornherein klar, daß der fragliche Punkt wieder einmal die Bestätigung jenes alten philosophischen Grundsatzes enthält, der schon zu seiner Zeit ähnliche heterogene Fragen zum Gegenstand eines Ausgleichs machte, des Grundsatzes nämlich: „Der Streit ist der Vater der Dinge." Ja, wir können, obgleich im Zeitalter der Versöhnung und des Friedens, fast täglich die Beobachtung machen, daß Widersprüche und Extreme sich berühren. Doch nun zu unserer Privatkorrespondenz in Verbindung mit der Geliebten und dem Distanzmarsch: Schrieb mir da kürzlich ein wackerer Kämpe des ungeschmälerten Judaismus eine zornerregte Epistel über die neueste Entscheidung der Schüchtsrage in Sachsen und der Schweiz. Die gute Seele klagte über allgemeine Gleichgültigkeit und führte in ihrer edlen Entrüstung einige Belagstellen für die israelitische Schlachtmelhvde an, als da sind: Hosea 5, 2, Jerem. 9, 7 w. Die Ethymologie daselbst lehre ausdrücklich, daß nur die jüdische Schüchtmethode gemeint sei. Mit der Autorität des A. T. müßte man doch endlich dem Treiben jener Leute ein Ende machen u. s. w. Wer nun mit der Kampfmethode der „Tierschutztruppe" gehörig vertraut ist, wird den Eindruck wohl ermessen können, den die erwähnte briefliche Apologie auf mich machte. Wer da weiß, daß schon wiederholtermaßen, nebst der Autorität der Thora auch die Stimmen der maßgebendsten Faktoren vergeblich ins Treffen geführt wurden, dem kann solcher Eifer — auch ein Zeichen der Zeit — nur ein mitleidiges Achselzucken abgewinnen. Indessen man sollte meinen, wenn irgend etwas, so müsse doch jener bekannte Satz des A. T. geeignet sein, der Lieblosigkeit Halt zu gebieten, ist er ja doch vom neuen Glauben als alleiniges Privilegium adoptiert worden, er lautet sv'schön: „Liebe Deinen Nächsten" — — Doch halt! dieses Wort ist ja von der modernen Forschung noch nicht genügend erklärt worden. Die rationelle jüdische Exegese erblickt zwar hierin jedes Wesen, welches nur menschliches Antlitz trägt; natürlich Götzen- und Jdolenonbeter immer ausgeschlossen. Das wird nun einmal wegdisputiert und nach der neuesten Heilslehre der edlen sächsischen Tierrechtsanwälte hätten wir — horribile dictu — in jedem Straßenmops den langgesuchten „Nächsten" als Herrn Kollegen zu begrüßen. Nette Aussichten das! Sollte aber, so muß man doch ernstlich fragen, kein Ausweg vorhanden sein, um erfolgreich und wirksam gegen ein brutales Vorgehen, wie das bezeichnet^ einzuschreiten? Man müßte vollends an den Sieg der Gerechtigkeit und an den Humanitätssinn in jedes Menschen Brust verzweifeln, so dies der Fall sein könnte, und gewiß ist uns ein Ausweg eröffnet. Auf diesem aber giebt es keinen Tummelplatz für Fallsüchtige und tückische Gehässigkeit, denn hier sind es die offenkundigsten, schreiendsten Thatsachen allein, welche zu Recht und Rechenschaft herausfordern, mehr denn alle biblischen Zitate. Ehe wir diesen Weg betreten, mag an jene Fabel erinnert werden, worin das Gebühren der Verteidiger alter Tierrechte und der Unterdücker menschlicher Glaubensrechte so treffend gekennzeichnet wird: Ein treulos entlaufener Omnibusgaul, ein Köter und ein armer russischer Auswanderer begegnen einander aus dem Wege nach dem gepriesenen Lande der Tier-Emanzipation. Der russische Flüchtling muß wohl verzweifelt dreingeschaut haben, dennaufdieFrage der beiden,ob er denn keinen Menschen kenne, ein solcher könnte ihm doch aus Not und Bedrängnis helfen, hat er keine andere Antwort als, er kenne nicht das Wort und das Wesen Mensch, bloß Kosaken und Muschiks seien ihm bekannt. Sie kommen an das Thor einer sächsischen Provinzialstadt. Gaul und Köter werden eingelassen und der jüdische Emigrant abgewiesen. Wer ist denn das Wesen mit dem durchstechenden Blick? fragt erschrocken der Gekränkte. Ja, das ist ein Mensch; uns und unseres gleichen gewährt der menschliche Tierschutz freien Durchzug durch das ganze Sachsenland, lautet die bellende Antwort, hinter dem wiedergeschlossenen schweren Eichenthore. — Ein hoher Grad von Unverfrorenheit, hören wir einwenden, mit Witz und Fabel zu operieren, wo eben Sitte und Gesetz sprechen sollten. — So möge denn der Beweis erbracht 'werden, daß in Sachen des Tierschutzes und des Zartgefühls das jüdische Schrifttum und somit auch jüdische Sitte den Andersgläubigen lange Zeit vor- und nachher weit überlegen war. Schon der Stammvater Jakob bekundet eine tiefe innere Herzensregung, wenn er im Angesichte der Gefahr, die ihm seitens des grimmerfüllten Esau droht, ausruft: „Siehe doch, mein Herr, die Herde ist mir anvertraut und verlasse ich sie einen Tag, so stirbt das ganze Kleinvieh!" (I M. 33. 13.) Welcher hohe Herzensadel erweist sich in seinem Benehmen nach dem glücklichen Ausgange: Kaum ist er der Hand seines brüderlichen Erbfeindes entronnen, ist seine erste Sorge, dem Viehe ein schützendes Dach zu bereiten: „Und für seine Heerde erbaute er Hütten." (1 M. 33. 17.) Doch das mag ein einzelner Fall sein, der noch nichts zu beweisen vermag. So blättere und lese man doch weiter im Geschichts- und Sittenbuche Israels, was da geboten ist über die Ruhe der Haustiere: „Sechs Tage sollst Du arbeiten und am siebenten rasten, damit es ruhe dein Ochfe und dem Lasttier u. s. w." Welch tiefsinnige Teilnahme selbst dem gedankenlosen Tiere gegenüber! Was drücken nicht die 2 Wörtchen „lemaan jonuach“ an ergreifender Empfindung aus, wenn man nur dem schlichten, ergreifenden und ungefälschten Tone der Bibel gerecht zu werden bestrebt ist! Aber das sind Zeugnisse, denen ja auch andere Glaubensrichtungen Hochachtung zollen, denen ja auch der hochwohllöbliche Tierschutzverein zu Leipzig seine Statuten entnommen; später, ja später änderte sich die Sache, von da ab schwindet jede Spur von Schutz und Schonung der Tiere. Nun, wir lassen auch einen Späteren Revue passieren und dessen Äußerung hören: „Achte stets auf den Wohlstand des Kleinviehes und wende deine Äufmerksamkeit dem Gedeihen deiner Heerden zu!" (Spr. 27. 23.) Auch da war die Schonungslosigkeit noch nicht so fortgeschritten, als unter den späteren Talmudisten, von da an datiert die Kollision mit dem humanen Tierschutz. Nun denn! Ein Blick in jenen vielgeschmähten Talmud überzeugt uns vom graden Gegenteil. Denn selbst dort, wo es sich um das allerwichtigste mosaische Gebot, um Ausrottung des Götzentums handelt, dringt noch der rührende Ton der Talmudisten hervor . nd nimmt teilnahmsvoll Stellung gegen etwaige Herzlosigkeit in den Worten: „Ist nicht irgend eine Tierquälerei zu befürchten?" (Sanhedrin