Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 29 (21.7.1893)
- Date
- 1893-07-21
- Page
- Seite 453 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 29. I e sch ausgesprochen. Da saßen sie in den Synagogen und lasen von den alten Reichen der Assyrer und Babylonier und wie der Herr über diese Reiche zu Gericht saß, weil sie Jerusalem zerstört hatten. Zum ersten Male wurden die Klagelieder angestimmt. Und merkwürdig genüg, während der zweite Tempel noch aufrecht und der nationale Staat noch nicht verschwunden war, hatte man die Klagelieder in Bereitschaft für den Tag, wo ein unerbittliches Geschick sich vollziehen werde. Und sie lasen von den Kämpfen ihres Volkes, welche mit beispielloser Hingebung und Tapferkeit geführt wurden, und sie lasen vom Siege des Römers und von den grausamen Strafen, welche die Cäsaren über das Volk verhängten. Und dann lasen sie auch vom Untergange des römischen Reiches. So studierten sie die Weltgeschichte im Gottesdienste, das Altertum zog an ihnen vorüber, die semitische, griechische und römische Welt in lebendigen Gestalten, in deutlichen Bildern, und sie sahen nur, daß unser Gott ein König ist über die Rationen. Und wenn die Sterne heraufzogen gingen, sie getröstet nach Hause, denn der Herr hatte aus der Geschichte zu ihnen gesprochen. Das letzte Wort aber, das Mysterium des Tages und das Mysterium des Judentums, wo ist es ausgesprochen, wo wenigstens angedeutet? Aberglaube und Haß suchen ja nach den Geheimnissen des Judentums; hier lüge das Geheimnis offen, wenn sie es begreifen könnten. Die Flammen, die den Tempel verzehrten, sind so heilig, wie die Flammen des Sinai und die Offenbarung des neunten Aw ist so gewaltig, wie die Offenbarung, welche Mose vermittelte. Die Wolke, in welcher der Herr erschienen war, ruhte noch ans dem Sinai, und sie fielen ab und kehrten zurück zu den alten Göttern. Rach der Offenbarung auf den Ruinen Zions gab es keinen Abfall mehr, sondern Israel bewahrte die Treue durch alle namenlosen Leiden der Jahrtausende. — Die Rettung, Säuberung, Hebung und Vervollkommnung des geistigen Gehaltes, des Gedankens, der Idee durch die Zertrümmerung der Form — das ist der neunte Aw. Die größte Reformation, der jemals das religiöse Leben eines Volkes unterworfen wurde, vollzog sich an diesem Tage. Er machte mit einem Schlage dem Opferkult im Judentum ein Ende und das Judentum war die Religion geworden, die es noch heute darstellt, das Bekenntnis des Einen Gottes, der, erhaben über Raum und Zeit, die Unendlichkeit erfüllt und beherrscht; das Bekenntnis war frei geworden von jeder nationalen oder politischen Beimischung und Trübung. „Seit der Zerstörung Jerusalems hat Gott nur die vier Ellen der Halacha;" mit diesem Ausspruche des Talmuds ist das Geheimnis wenigstens angedeutet. Wir folgen bei der Auslegung dem Essay des Maimonides (Einleitung zu den Sprüchen der Väter), daß erst nach der Zertrümmerung der nationalen und politischen Organisation die Gottesidee im Sinne des Judentums ihren wahren Triumph feiert in den „vier Ellen", im Zelte und Wohnraume derjenigen, welche die Gottesidee bewahren und pflegen. Run war das ganze Volk zu Heiligen und Priestern geworden, wie Korah es einst verlangt. Das war die Reformation, das war die Revolution des neunten Aw und sie hatte die größte weltgeschichtliche Bedeutung. Der Bruch, der sich vollzog, sich vollziehen mußte, war der schmerzlichste, von dem eine Ration getroffen werden kann. Der Midrasch erzählt, wie die Propheten, die Urr u N. *6- Seite 453. Väter, die Urmütter, zuletzt auch Mose, vor Gott erschienen, um ein gewaltiges Schicksal abzuwenden, um Gott anzuflehen, daß er den harten Beschluß widerrufe. Das ist ein Gleichnis, wie durch die Zerstörung Jerusalems die ganze Vergangenheit des Volkes mit Trauer und Schmerz umkleidet werde. Die Blütentrüume der Patriarchenzeit, die Großthaten Moses, die Stimmen der Propheten, die Gesänge der Könige, die wunderreichsten Begebenheiten und Heldenthaten welchen Wert hatten sie noch, nachdem der Tempel in Asche gesunken, nachdem das Volk aus dem Lande vertrieben war, das Gott dem Abraham verheißen hatte? Es sollten Leiden ihren Anfang nehmen, wie kein Volk sie bestanden, eine Mission sollte beginnen, wie kein Volk sie durchgeführt hatte. Gegeißelt und mit Striemen bedeckt, eine göttliche Dornenkrone auf dem Haupte und das Buch Gottes als Schild, so zog Israel durch die Jahrtausende. Als die Flammen den Tempel verzehrten, da triumphierten die Dämonen: die Opfer, die man dem Adonaj brachte, haben ein Ende. Eine Stimme vom Himmel aber rief, die Opfer nehmen erst ihren Anfang. Und die Opfer nahmen ihren Anfang. Man war erfinderisch in Qualen und Verfolgungen, und die Juden bewahrten ihren Idealismus im Denken und Dichten. Der neunte Aw — die Zerstörung des ersten Tempels; der neunte Aw — die Zerstörung des zweiten Tempels; der neunte Aw — die Vertreibung der Juden aus Spanien. Auf der Pyrenäenhalbinsel zeigten sich die Juden würdig jedes Rechts und würdig jeder Ehre, und gerade dort waren sie das Ziel einer grausamen Verfolgung. Ein Volk von Märtyrern, ein Volk von Blutzeugen für die Einheit und das Dasein Gottes. Was auch ihre Beschäftigung war, ihre Gesinnung, ihr Leben, wenn man sie zur Hinrichtungsstätte führte, sangen sie den „Jigdal": „Größe und Preis dem lebendigen Gott, er ist und unendlich ist sein Dasein". Aber nicht das allein erfüllt uns mit Genugthuung, daß wir uns überhaupt im Dasein behauptet haben, sondern daß uns auch die Eigenschaften geblieben, um als gute und tüchtige Bürger jedes Staates Geltung beanspruchen zu können, daß uns die volle Empfänglichkeit bewahrt ist für das Gute und Schöne, daß wir den Zusammenhang mit der Vergangenheit nicht verloren haben und daß noch heute die Mission unser Eigen, die dem Abraham übertragen wurde: Zeugenschaft zu bieten für den einzigen und lebendigen Gott. Wo sind die Götter des Olymps, wo die Götter der germanischen Wälder? Nicht nur das Judentum, auch die Gottesidee wurde der härtesten Probe ausgesetzt und sie hat sie siegreich bestanden. Glossen zum Kapitel des Distanzes. Bon T. Mandl. Sonst hättest Dn dergleichen weggeflucht. Doch jetzo scheint es Dir zn frommen; Denn wo man die Geliebte sucht. Sind Ungeheuer selbst willkommen. Faust II. T. II. Aufz. Der geneigte Leser, der aus Folgendem etwa ein pikantes Distanzliebesabenteuer mit dramatisch-ungeheuerlichem Ausgang zu erfahren hofft, möge gleich vorweg verzeihen, wenn er sich nur teilweise befriedigt sehen wird, denn er soll nur von Dingen hören, die wohl frei von jedem dramatischen Zug, aber dafür ungeheuer zu sein scheinen. Für den