Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 29 (21.7.1893)
- Date
- 1893-07-21
- Page
- Seite 452 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 452. I e s ch u r u n. Nr. 29. dem Nachweise weltlicher Bildunng versehen sind, so manche , geben, welche eine gediegene, oder wenigstens genügende theologische Bildung besitzen und die durch sahrelanges, verdienstvolles Wirken sowie durch edle Charaktereigenschaften des Rabbineramtes sich würdig zeigen können Aber wie sollen die Gemeinden entscheiden zwischen falsch und echt, würdig und unwürdig? Darum richten wir zur Ehrenrettung des Judentums unsere Bitte an Sie, die dahin geht: Die Knltusgemeinden wollen bei der Anstellung eines von dein Nachweise weltlicher Rildung dispensierten Rabbiners die Autorisationszeugnisse desselben behufs Prüfung und Begutachtung an das Ober-Rabbinat in Prag einsenden und die Rabbinerwahl erst nach dessen unparteiischem Urteile vornehmen." Es läßt sich mit Sicherheit annehmen, daß dieses Rundschreiben ebenso wenig Erfolg haben werde, wie die bislang geführte Polemik in der jüdischen Fachpresse, denn in allen Fällen, wo es sich um Wahrung der Selbständigkeit handelt, hört die Sentimentalität auf. Dem Übel, unter welchem die Rabbiner Böhmens leiden, wäre nur abzuhelfen durch Abschaffung jener Klausel, die jeder Gemeinde, welche eine Gemeinde genannt sein will, die Anstellung eines Rabbiners vorschreibt! — — Während dieses Ereignis aus dem Böhmerlande auf allgemeines Interesse keinen Anspruch machen kann, indem es in Wahrheit nur als eine Grenzstreitigkeit zwischen den Rabbinern einerseits und den Lehrern und Kantoren andererseits angesehen werden darf, ist e'ne aus Krakau eintreffende Nachricht einer größeren Beachtung wert. In den er ste.r Tagen dieses Monats nämlich wurde dasel ist ein Katholikentag abgehalten. In der letzten Plenarsitzung desselben hielt der Universitätsrektor Graf Tarnowski einen Vortrag über die der katholischen Kirche in Galizien drohenden Gefahren. Diesesind der Liberalismus, die jetzige Wissenschaft und — man höre und staune — die allzu große Anzahl der galizischen jüdischen Bevölkerung, die, dank der Gleichberechtigung, an dem Kampfe gegen den Katholizismus eifrig teilnehmen könne. Hierzu bemerkt die „Neuzeit": Also die galizischen Juden, die größtenteils keine europäische Sprache lesen können und entweder den Talmud oder den Sohar eifrig studieren, gefährden den Bestand der katholischen Kirche. Sie sind, nach der Meinung des Grafen, gefährliche Missionäre, welche für den Talmudismus oder den Chassidismus Propaganda machen und die galizischen katholischen Bauern der katholischen Kirche entfremden können. Was muß nun geschehen, um diese Gefahr abzuwenden? Graf Tarnowski ist Präsident der Akademie der Wissenschaften in Krakau, und als solcher kann er doch nicht mit Schneider und Ahlwardt Hand in Hand gehen; er erklärte daher, daß er den Antisemitismus als unchristlich und gefährlich verdamme, erblicke jedoch in der Errichtung katholischer Geschäfte ein wirksames ökonomisches Mittel zur Bekämpfung des jüdischen Einflusses, und in der That wurde auch auf dem galizischen Katholikentag die Errichtung katholischer Geschäfte beschlossen. — Die Polen sind ein Märtvrervolk, sie leiden und hoffen. Was würden nun die Teilnehmer am galizischen Katholikentag sagen, wenn russische Aristokraten, hohe geistliche Würdenträger und Vertreter der Wissenschaft die Bekenner der orthodoxen Kirche ermahnen möchten, nichts von katholischen Kausleuten zu kaufen, sondern bloß von russisch-orthodoxen Glaubensgenossen, damit die russische Kirche nicht erschüttert werde? Die Polen haben die Gastfreundschaft aller Kulturstaaten in Anspruch genommen, sie sind daher verpflichtet, für den Sieg der Freiheit, der Duldsamkeit und der Humanität einzustehen, besonders, wenn es sich um Juden handelt. Die jüdischen Bewohner von Russisch-Polen sind vielen Leiden ausgesetzt, weil sie zu den Polen halten und würden vom Czar reichlich belohnt und ausgezeichnet werden, wenn sie im Dienste des exklusiven Russentums stehen wollten. "Nun haben sie den Dank für ihre Anhänglichkeit. Der galizische Katholikentag beschließt die Errichtung von katholischen Geschäften, um die sehr armen galizischen Juden zu bedrängen und deren materielle Not noch zu steigern. Viel, sehr viel dulden die Juden durch die Ausbrüche, Verhetzungen und Verfolgungen des Antisemitismus, blicken aber mit Bedauern auf ihre christlichen Mitbürger, die aus einem sehr niedrigen sittlichen und religiösen Niveau stehen; denn es ist weder moralisch noch religiös in den Kampfesrus der geschäftlichen Intoleranz einzustimmen. Wir glauben nicht, daß ein so weiser, milder und humaner Papst, wie Leo XIII., ein Losungswort des Fürsten Alois Liechtenstein und des Grafen Tarnowski sanktioniert. Leitende Artikel. Zum neunten Aw. 0. W. Wien, 14. Juli. Die heißesten Tage des Jahres sind gekommen, und wer es irgendwie in seiner Macht hat, der flüchtet aus der stauberfüllten Atmosphäre der Städte nach irgend einem Punkte, wo die Landschaft Reize bietet, wo die Natur zum Genüsse ladet. Die Ferienzeit des Jahres ist gekommen für die Großen und für die Kleinen, man wetteifert in der Veranstaltung von Vergnügungen und dem Jodler von der hohen Bergzinne antwortet das Jauchzen vom See und vom Thale. Es gehört da einiger Mut dazu, uns in jene elegische Stimmung zurückznversetzen, welche in den „drei Wochen" und noch mehr in den „neun Tagen" ehedem in unseren Gemeinden und Häusern, in unseren Synagogen und Lehranstalten herrschte — eine Stimmung, welche zu einem modernen Gesellschaftsbilde genau in schroffem Gegensätze steht, wie Selbstvertiefung, Schmerz und Trauer zu frerem, oft überschänmenden Lebensgenüsse. Die verschiedensten Nationen und Kulte haben nach dem Beispiele des Altertums ihre Trauerfeste, um den Schmerz des Daseins zu feiern. Aber kein zweites Trauerfest ist von einer solch ergreifenden poetischen Pracht umgeben, wie der neunte Aw. Seine Gedichte sind Trauerfahnen, riesengroß, wie mit goldener Inschrift versehen, durch die Jahrhunderte rauschend; ein Katafalk scheint aufgerichtet, es flammen und leuchten Tausende von Kerzen; gegenüber der Heiligung und Verherrlichung des nationalen Schmerzes, wie die jüdische Dichtung sie vollbringt, erscheint das prächtigste Trauerzeremoniell unbedeutend. In den schlechtesten Gewändern saßen sie auf niederen Schemeln hart am Fußboden in der schmuck- und glanzlosen Synagoge; aber „die Gedichte — uns gab ein Gott, zu sagen, was wir leiden." Die gewaltige Vision Jesajas, sie geht dem neunten Aw voran, wie ein Herold, den die Weltgeschichte, den der Weltgeist selber bestellt hat. Dann kommen am neunten Aw die Elegieen des Propheten Jeremias, die in der Weltlitteratur nicht ihres Gleichen haben. Als Epilog folgt ein zweites Prophetengedicht; die Verkündigung der Wiedergeburt. Und der alte Jude durchlebte das alles und die Palmen der Hoffnung wuchsen ihm empor neben den Trauerweiden. Es wurde nachgedichtet, es wurde mit schöpferischer Originalität dazu gedichtet, teilweise mit echter nicht zu übertreffender Meisterschaft, wie in der Zionide des Jehuda Halevi; aber das große Geheimnis des neunten Aw, das Geheimnis des Judentums ist in diesen Visionen und Gedichten doch nicht mit vollkommener Deutlichkeit