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Jeschurun · 1893-07-14 · 28 (14.7.1893) · p. Seite 447

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
28 (14.7.1893)
Date
1893-07-14
Page
Seite 447 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 28. I e sch ich gleich Hiob mit schweren Schicksalsschlägen heimgesucht; es schien, als müßte ich den Leidenskelch bis zur Neige leeren, dazu verlor ich noch mein Vermögen und meine Gesundheit. Das ganze Leben war mir vergällt, und trotz Amt und Würden wollte das unbehagliche Gefühl der Fremde nicht aus meiner Seele schwinden. Soll ein neues Vaterland, dies habe ich oft erfahren, das alte vergessen lassen, so muß man sich zunächst darin wohl fühlen. Erft in den letzten Jahren hat mir das Glück seine freundliche Seite zugekehrt, seine milden Strahlen werden nur noch von wenigen Wolken verschleiert; und mit Deinem Eintritt in mein Haus, hoffe ich, ist meine Glückssonne zur Mittagshöhe emporgestiegen „ „Und ich habe gemeinsam mit meinem Bruder Abulmaali Dir eine goldene Fessel geschmiedet, welche Dich noch fester mit unserer Heimat verbinden soll. Du würdest sie schon heute als Hochzeitsgeschenk erhalten haben aber — es konnte noch nicht geschehen." „Du machst mich überaus neugierig." „Wenn Du raten kannst," sagte sie mit schelmischer Miene, will ich Dir eine Andeutung geben. Mein Bruder hat mit dem Vezier Alfadhel, der Dein Gönner ist, in der Angelegenheit gesprochen, dieser meinte jedoch, vor der Hand wäre es noch unthunlich, da der Sultan des Aufruhrs wegen lange Zeit Kahiro nicht besuchen könne." „Ah, Abulmaali's Lieblingsgedanke, seinen Schwager als Leibarzt des Sutans zu sehen. Hofgunst ist eine Sonne, die, allzu nahe, versengt; nach Ehrenämtern, glaube mir, sehne ich mich nicht mehr, als ein lendenlahmes Roß nach schweren Bürden. Wenn ich sie annehme oder gar sie suche, /so thue ich es lediglich meiner leidenden Glaubensbrüder wegen, die an vielen Orten verfolgt werden, um durch Beziehungen zu den Hofkreisen und durch den Einfluß auf die leitende Staatsgewalt hier ihre günstige Stellung zu befestigen, dort ihr schweres Loos zu erleichtern." — Als die junge Frau eines Tages die Schriften und Papiere ihres Mannes ordnete, fesselte ein Brief aus Alexandrien ihre ganze Aufmerksamkeit, sie hielt inne und las ihn zweimal durch. , „Wer ist dieser Ibn-Akni ix, lieber Mann," fragte sie „der für Dich zu schwärmen scheint und an Liebesbeteuerungen in Poesie nnd Prosa mich bei weitem übertrifst? Seine beiliegenden hebräischen Gedichte verstehe ich zwar wenig, aber da Du, sonst kein Freund von Versen, gestern bis in den späten Abend hinein in diesen Blättern gelesen hast, so müssen sie nicht unbedeutend sein. „Ihr Inhalt zeugt von Geist und Geschick; ich habe Mitleid mit dem jungen Verfasser," erwiderte er. „Kennst Du ihn denn genauer?" „Er teilt mein früheres Schicksal, das erweckt schon von vorn herein meine Sympathie für ihn. — Jbn-Akniiü ist aus meiner früheren Heimat, Maghreb, aus der Stadt Centa, nicht sehr weit von Fez. mußte durch Unduldsamkeit Abdulmumens, wie wir, zum Scheine der Religion Muhammeds huldigen, während er zu Hause im Verborgenen in der Lehre Mosis, in Bibel und Talmud unterrichtet wurde. Er scheint auch gleich mir eine Vorliebe für Heilkunde und Mathematik zu hegen. Auch er ist, um dem schmachvollen Gtaubenszwang zu entgehen, ausgewandert und lebt jetzt in Alexandrien; es geht ihm aber in Egypten wie mir in der ersten Zeit: er fühlt sich da nicht heimisch, r u n. K- Seite 447. ist betrübt nnd unglücklich und möchte in meinem Hause Halt und Stütze suchen." „Nach seinem Schreiben wünscht er nichts sehnlicher, als Dein Schüler zu werden; nimm Dich seiner an, nach Deiner Schilderung vedient er unsere innigste Teilnahme." „Ich will noch heute an ihn schreiben," sagte Maimuni, „und ihn einladen hierher zu kommen " — Kurz nach Empfang des Briefes eilte Aknim mit pochendem Herzen nach Fostat, um dort zu den Füßen des von aller Welt gepriesenen Meisters zu sitzen, der wie keiner vor ihm die biblische Wahrheit mit der griechischen Weisheit, die talmndische Überlieferung mit profaner Wissenschaft innig verschinoiz. Er sehnte sich, den Mann von Angesicht zu Angesicht zu schauen, den man das „Licht Israels," den „Einzigen des Zeitalters" genannt hat, den berühmten Verfasser der zwei großartigen Werke Mischnaerklürung nnd Mischneh-Thora (Gesetzkodex.) (Fortsetzung folgt.) Kr md Wider. Die „drei Wochen." In dem gepriesenen Zeitalter des Fortschrittes und der Erleuchtung will jeder sein Licht ausstrahlen und leuchten lassen, ohne zu bedenken, daß das Licht manchmal sehr gefärbt erscheint. Und es muß ein eigenartiges Interesse sein, hinter den Koulissen die Wirkung solcher Geistesraketen zu beobachten. Die Leser des Artikels mit obiger Spitzmarke werden gestaunt haben ob des Orakels, welches ihnen verkündet worden. Nur heraus ans Tageslicht, damit wir erkennen, wer Israel eine neue Botschaft bringt, ein neues Feld der Thätigkeit, eine neue Bestimmung zu diktieren sich bemüßigt fühlt! Kämpfen soll Israel?! Freilich soll es kämpfen! Der Kampf Israels ist so alt wie es selbst. Es soll bekämpfen den Abfall in seiner Mitte, die Genußsucht, den Afterglauben. Es soll kämpfen um die erhabenen Güter unserer Vorfahren. Es soll sich zurückerobern seine Freude, sein Vergnügen an der ml?,, die angestammten Tugenden: Überwindung, Entbehrung nnd Selbstaufopferung. Es soll nicht mehr trauernd und weinend der verflossenen Zeiten gedenken? Ein Unterschied ist zwischen den Gedenktagen der Weltgeschichte und dem Tag von Jerusalem. Wer sich für diese veloren gegangene Herrlichkeit nicht begeistern kann, um sie ans innerm Herzen zu betrauern, der hat überhaupt die Begeisterung für seine Religion verloren. Wie haben sie denn gekämpft, unsere Vorfahren? Etwa jemals anders, als mit den Waffen des Geistes, aus dem Studium der heiligen Lehre geholt! Diese Trauertage sind höchst notwendig nnd nützlich. Und gar in der jetzigen, glorreichen Zeit! Wir haben alle Ursache, zu fasten und zu trauen ob des Niederganges des wahren Judentums, wir brauchen notwendig solche Tage der Einkehr, an denen uns die Frage beschäftigt: wie begegnen wir den uns in Innern und Äußern drohenden Gefahren. Eeheben wir nicht unsere Stimme zur Macht und zum Recht? Reden unsere jüdischen Blätter nicht deutlich gengu?

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