Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 28 (14.7.1893)
- Date
- 1893-07-14
- Page
- Seite 446 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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^Jeschurun. r^- Nc. 28. Seite 446. halten es nicht mehr ans, wir werden euch alles zugeben, aber verschont uns endlich mit diesen ewigen Blutmärchen, die wir schon bis zum Ekel angehört und mit allen euren Räubergeschichten, wir stimmen für die Ausweisung, aber laßt uns einmal in Frieden. So wurde denn die Vertreibung der Juden zum Gesetz erhoben und, dank der Wachsamkeit der siegreichen Partei, mit wahrhaft moskowitischer Strenge durchgeführt. Nur in einem Punkte wurden die Sieger doch überstimmt: - die Juden durften ihr Hab und Gut veräußern und mitnehmen, und sie sagten — natürlich war es nur Heuchelei —, sie nähmen auch ein Stück Liebe zum deutschen Vate.lande mit, dem sie doch nicht so sehr grollen können, weil es selber von den Antisemiten genug zu leiden habe. Natürlich war es nur Verleumdung und der pure Ärger, der so ans ihnen heraussprach. Es dauerte etwas, bis mit allen Juden aufgeräumt werden konnte, und erst vor nicht langer Zeit haben die edlen antisemitischen Führer dem letzten Juden, der nach Jerusalem transportiert wurde, bis zum Schisse das Geleite gegeben, um sich mit eigenen Augen von seiner Abfahrt zu überzeugen. Es hatte mit diesem einige Schwierigkeiten, denn es war ein alter Soldat, der sich einst viele Wunden im Kriege für's Vaterland geholt, und man plaidierte für eine Ausnahme zu seinen gunsten. „Aber was Soldat? was Wunden?" überschrieen sie unsere braven Antisemiten, „Jud ist Jud, im Jordan soll er ersaufen!" Und sie hatten recht. Es ist ja, wie du siehst, jetzt eine wahre Wonne in unserm Lande, man atmet eine ganz andere Luft ein, nirgends spürst du einen semitischen Hauch, selbst Schacher und Wucher werden nicht mehr von Juden, sondern von waschechten Ariern betrieben, und jetzt erst kann man von einem wirklichen einigen Deutschland sprechen. Das leuchtete mir nur zu sehr ein, und ich hatte wirklich meine Freude an allem, was ich sah. — O, wäre ich jetzt erwacht, dann hätte ich den schönen Traum weiter fortträumen können, hatte mit Panglaß ausrufen können: wie ist doch alles am besten auf dieser besten der Welten! Bis jetzt war ja der Traum so schön, so herzerfreuend, warum mußte mich der Neugierdeteufel plagen, oder vielmehr ein wirkliches, warmes Interesse antreiben, mich auch nach dem Schicksale der großen Helden, der wackern Kämpfer, die dieses goldene Zeitalter hervorgerufen, zu erkundigen? Ich wollte wissen, was aus meinem lieben Ahlwardt und all den verdienstvollen Männern, so zu dieser Glanzperiode beigetragen, geworden ist. Sicherlich werden sie jetzt, sprach ich zu meinem Traumgeist von ihren dankbaren Mitbürgern aus Händen getragen, leben in ckules jubilo in prachtvollen Schlössern, die man ihnen aus Ehrengaben gebaut, sitzen auch wohl im Reichstage oben an und sind gar zu Präsidenten und Vizepräsidenten des Hauses erhoben worden? Bei dieser meiner Frage zuckte ein ganz eigentümliches Lächeln um die Mundwinkel meines Begleiters, das mir einen Stich ins Herz versetzte. Du kennst die Menschen wohl schlecht, gab er mir höhnisch zur Antwort, das ist ein kaum mittelmäßiger Rechner, wer auf die Dankbarkeit seiner Zeitgenossen zählt; man braucht einen solange man ihn eben nötig hat, dann aber heißt es, wie im Zauberlehrling von Göthe: in die Ecke Besen! du hast den großen Umschwung gesehen, der sich in so kurzer Zeit im ganzen deutschen Reiche vollzogen; aber die großen Männer, die ihn bewirkt, die Schöpfer der neuen Ära wurden bald vom Volke vergessen und wie eine ausgepreßte Zitrone bei Seite geworfen. Die unerhörte Undankbarkeit hat sich erst am krassesten bei einer jüngsten Rtichstagswahl (du mußt nämlich wissen, der Reichstag wurde in den vergangenen sieben Jahren zu wiederholten malen aufgelöst) gezeigt. (Schluß folgt.) Maimonides. Historische Erzählung von Dr. M. Dessauer. (Fortsetzung.) Sechstes Kapitel. Es war ein fröhlicher Tag für die jüdische Gemeinde in Fostat. Ihr berühmter Rabbi verehelichte sich mit der Schwester des Geheimsekretärs, des Gatten jener Schwester. Jung und alt war im Festgewande, alles stand vor der Synagoge, um den Hochzeitszug zu sehen. Maimuni hätte diesen Tag gern so geräuschlos wie möglich gefeiert, doch die Gefühle der Liebe und Verehrung gegen ihn ließen sich nicht zurückdrängen. Der Gemeindevorstand hatte beschlossen, die Ältesten und Angesehensten der Stadt bei einem frohen Festmahle zu vereinen, und die Familienfeier nahm dadurch unversehens den Charakter eines Gemeindefestes an. Man sah bei diesem feierlichen Anlasse, welche Hochachtung und Ehrerbietung dem weisen Manne von allen Seiten gezollt wurde. Von nah und fern liefen Huldigungsschreiben ein, brachte man ihm Ehrenbezeigungen und Geschenke dar. Selbst die Frau des Sultan, in deren Diensten der Geheimsekretär Abulmaali stand, die Mutter des spätern Sultans Ala'fdhal, soll einen schmeichelhaften Glückwunsch nebst einem Geschenk gesandt haben. Hoch und niedrig, arm und reich nahm innigen Anteil. Aus den erleuchteten Sälen erscholl rauschende Musik; Tanz, Spiel und Gesang wechselten ab, Männer und Frauen, Knaben und Mädchen tummelten sich vergnügt bis in die späte Nacht hinein. — Bezaubert vom Schimmer des Festes und trunken von den zahlreichen Huldigungen, die besonders ihrem Gatten dargebracht wurden, sagte die junge Frau beim Eintritt in ihre reich geschmückte Wohnung: „Ich will es versuchen, geliebter Mann, die Ehre und den Glanz, welchen Dein berühmter Na:ne über meine verdienstlose Person verbreitet, durch weibliche Tugenden, eheliche Pflichttreue und Innigkeit zu verdienen." „Sprich nicht allzubescheiden von unverdienten Ehren", wehrte er ab, „Du bringst Glanz und Freude in mein verödetes Haus, Deine Liebe macht mich glücklich, sie gewährt mir nicht nur Halt und Stütze in meinen vier Pfühlen, sondern macht mir auch die Heimat wieder lieb und teuer." „Nur nicht schwärmen", scherzte sie, „ein Philosoph darf kein Wort zu viel reden; was er behauptet, muß er beweisen." „Ich spreche nicht zuviel, es ist leider wahr", sagte er in ernstem Tone, „daß ich hier, trotzdem ich beinahe zwei Jahrzehnte hier in Egypten lebe, nicht recht heimisch werden konnte, weil ich meines Lebens nicht froh ward. Gleich im ersten Jahre starb mir der gute Vater, der zugleich mein treuer Lehrer gewesen, einige Jahre nachher der Bruder, der auf meinen Knieen großgewachsen ist, und dessen Tod mich hilflos und einsam gelassen, nicht lange darauf die teure Mutter. Als sollte mein Vertrauen und mein Mannesmut im fremden Lande geprüft werden, wurde