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Jeschurun · 1893-07-14 · 28 (14.7.1893) · p. Seite 445

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
28 (14.7.1893)
Date
1893-07-14
Page
Seite 445 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 28. Seite 445. I e s ch u raten, der Kgl. Gymnasialdirektor, der Dirigent der höheren Mädchenschule, eine Anzahl von Lehrern und Lehrerinnen aller hiesigen Lehranstalten; alsdann folgte ein unabsehbarer Zug von Männern und Frauen unserer Gemeinde und anderer Konfessionen. Die Trauerfeier am Grabe begann mit dem vom Unterzeichneten rezitierten Luoscll kechozir jomow. Hierauf folgte die ergreifende Grabrede des Herrn Dr. Olitzki. Er knüpfte im Hinblick auf die im August dieses Jahres in Aussicht gestandene goldene Hochzeit des Verewigten das Prophetenwort: „Ich wandle euer Fest in Trauer und euere Lieder in Klagen," entwarf ein getreues Bild des Entschlafenen, schilderte ihn als Gatten, Vater und Beamten mit ausgezeichneten Berufselgenschaften, wie er von Jugend an bestrebt war zu lernen und zu lehren und bis zu den letzten Tagen seines Daseins die Säulen des Judentums Thora, Awoda, Gemiluth Chasadim hielt und zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. Mit Trostworten an die Hinterbliebenen schloß Herr Dr. Olitzki seine wohldurchdachte, herzinnige Rede. Hierauf trat Herr Sturmanu vor die Bahre und hielt, da er erst vor acht Tagen einen Bruder in der Vollkraft seiner Jahre verloren, „Lome eschkal gam schenechem jom echod“ beginnend, eine Abschiedsrede an den seit 25 Jahren mit ihm eng befreundeten Kollegen, schilderte ihn als Freund, Amtsbruder und Menschen unter Zugrundelegung des Psalmwortes Hirchakto mimenni ohew etc. und gedachte in beredten Worten auch seiner Thätigkeit auf den Versammlungen der Religionslehrer Ostpreußens zu Königsberg. Gebete des Rabbiners und Kantors beschlossen die Feier. Nicht nur die Familie und die hiesige Gemeinde sondern auch alle Kultusbeamten Ostpreußens trauern um den lieben Dahingeschiedenen. Er war eine Zierde, ein Stolz unseres Standes, ein nachahmungswertes Vorbild unserer Glaubens¬ und Berufsgenossen. W. Karo. * Anläßlich der goldenen Hochzeit des Großherzogs von Mecklenburg-Strelitz ist unser gesch. Mitarbeiter, Landesrabbiner Dr. Hamburger, zum Oberlandesrabbiner ernannt worden. * k Aus Budapest erhalten wir die Anzeige, daß der rühmlichst bekannte Theologe, Schriftsteller und Redakteur des „Ungarischen Israelit", Dr. Ignaz Back, am 5. d. M. nach kurzer Krankheit verschieden ist. Er hinterlüßt eine Witwe und zahlreiche Famile unversorgt. * Allgemein ist die Befriedigung und das Lob darüber, daß endlich die langerwartete und so dringend benötigte Synagoge in Karrachi (Bombay), welche von Herrn Schalome David auf eigene Kosten errichtet wurde, am 21. Mai zur Eröffnung gelangte. Zum ersten mal wurde ein hebräisches Gedicht in der Marathi-Sprache veröffentlicht. Herr Benjamin Samson übersetzte das unter dem Titel „Azarath" bekannte Stück für die Beni-Jsraeliten, deren größerer Teil hebräisch gar nicht versteht. * Zu den Aufsätzen über den Zionismus im „Jeschurun" bemerkt die Amerikanerin „Deborah:" Der Zionismus hat bloß eine Lichtseite; wenn er es ausführt, so und so viele Handelsleute nach Palästina zu bringen und sie dauernd für den Ackerbau zu gewinnen, hat er eine erlösende Aufgabe erfüllt, wozu die Zionsschwärmerei bloß als Mittel zum Zwecke zu betrachten und zu achten ist. Wir halten fest an unserer Überzeugung, daß der Arme und die Armen nur durch Zuwendung zum Ackerbau aus r u n. Krihrem physischen und geistigen Elend erlöst werden können. Jeder Acker ernährt seinen Mann, macht den fleißigen Arbeiter frei, gesund und zufrieden. Personalien. Herr Volksschullehrer Broh ist von Kobylin nach Schwersenz; Herr S. Federlein, bislang in Zippnow, ist nach Neustadt a. Rbg. (Hann.); Herr Kantor Muschel von Löwen nach Rybnick versetzt. Fmiliknzkitimg. Der Zukunftsstaat der Antisemiten. Eine Vision von T. N. Maranlies. (Fortsetzung.) In erster Reihe verlegten sich ihre besten Köpfe gründlich auf das Studieren des Talmuds, anstatt, wie bisher, über denselben zu schimpfen, ohne ihn je gesehen zu haben; und nun gaben sie sich keine Blöße mehr, wenn ihnen ein Jude ein solches Buch vor die Nase hielt und die Leseprobe verlangte. Tag und Nackt saßen sie jetzt über jene Folianten gebeugt, bis sie wirklich große Talmudisten a la Rohling geworden sind. Beinahe hatten sie die eigene Muttersprache verlernt uud alles sonstige Wissen, das sie noch besaßen (viel war es nicht, entre nous gesagt), so sehr haben sie sich wie ein Maulwurf in den Talmud hineingewühlt. Und sie haben die Juden selbst darin übertroffen, unter denen es viele große Talmudisten giebt, die nichtsdestoweniger auch viel deutsches Wissen besitzen, gute Politiker, Ökonome und Schriftsteller sind. Wenn sie jetzt ihr Feldgeschrei: hie Talmud! erhoben, da wußten sie so herrliche Märchen mit jüdisch-theologischem Hintergründe zu erdichten, daß sie Gebrüder Grimm und Masäus total verdunkelten und ganz aus der Mode trachten. Das Volk liest gern Märchen und lohnte ihnen dafür mit zahlreichen Reichstagsmandaten, so daß sie nach und nach in ganz imposanter Majorität im Parlamente erscheinen konnten. Das alles hätte ihnen aber bei dem gesunden (pardon! ungesunden) Sinn der andern Reichsvertreter doch nicht zu solchem Siege verholfen, wenn sie nicht jetzt eine ganz eigene Methode befolgt und sie konsequent durchgeführt hätten. Die Parole wurde ansgegeben, jetzt absolut von nichts anderem als von den Juden zu sprechen; mochte der Präsident noch sv sehr mit Glockengeläute und Ordnungsrufen und Verweisung zur Tagesordnung dagegen protestieren, mochten die Minister noch so oft von ihren Sitzen ausspringen und alle Mitglieder des Hauses schier von einem Gähnkrampf ersticken, es half nichts. Es gab jetzt keine andere äußere, oder innere Frage mehr als die Judenfrage, man konnte jeden Gegenstand anregen, welchen man wollte, man konnte von Verbesserungen im Heere, im Kommunikations- oder im Schulwesen, oder von welchen Reformen immer sprechen, das ceterum censeo war: das wäre alles sehr schön, aber — vertreibt zuerst die Juden und es wird sich auch dieses alles von selber lösen. Anfangs lachte man über dieses Vorgehen und hielt es für wahnsinnig, aber es war eine Methode in diesem Wahnsinn. Wir wollen sehen, wer den andern verrückt macht, sagten sich unsere braven Helden, und kurz und gut, es kam zuletzt soweit, daß alle Abgeordneten des Zentrum, die Freisinnigen, die Sozialdemokraten und selbst die paar jüdischen Abgeordneten, die noch dort saßen, eines Tages erklärten: wir

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