Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 28 (14.7.1893)
- Date
- 1893-07-14
- Page
- Seite 444 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 444. -9^ I e s ch u r u n.Vs- Nr. 28. gefordert, in seinen Rechnungen für die Ortsgruppen zu dem Preise seiner Waren 2 pCt. aufzuschlagen, diese also mehr zu erheben und den Betrag der Zentralstelle einzusenden." Der unentwegte Kämpe für deutsche Wahrheit, Freiheit und Recht glaubt, daß der Brief gefälscht ist. Sofort erhebt sich ein Großhändler und erklärt, er sei bereit, zeugeneidlich vor Gericht zu erhärten, daß er 2 pCt. Aufschlag auf den Preis seiner Lieferungen für den Verein habe machen und diese dem Vorstande des Mitteldeutschen Bauernvereins zuwenden müssen. Das Si fecisti nega war nun freilich Herrn öckel unmöglich geworden, aber als echt „deutscher" Mann mit gewandten, ja sehr gewandten Manieren, wußte er sich in diesem kleinen Unfälle zu helfen: Die Gelder flössen in die Parteikasse. Bei einem Umsatz von mindestens 800,000 Mark — womit man sich rühmt — macht das ein hübsches Pöstchen für die Partei des Herrn Böckel. * Liebennann von Sonnenberg veröffentlicht einen Brief, den er am 28. Juni an seine antisemitischen Kollegen Böckel und Zimmermann gerichtet hat. Dieser Brief schlägt die Bildung einer antisemit. Fraktion unter Ausschluß von Ahlwardt vor. Er empfiehlt, um niemanden in seinen wirtschaftlichen oder politischen Sonderanschauungen zu beeinträchtigen, daß nur in allen die Judenfrage betreffenden Angelegenheiten Gesamtberatungen der Fraktion stattfinden sollen. Auf diesen Brief ist keine Antwort erfolgt. Als Antwort ist aber eine Veröffentlichung anzusehen, wonach sich die zehn antisemitischen Abgeordneten Böckelscher und Zimmermannscher Richtung zur Fraktion der „Deutschen Reformpartei" zusammengeschlosien haben. Liebermann v. Sonnenberg quittiert auf diese Veröffentlichung mit der Mitteilung, daß sich die deutsch-sozialen Abgeordneten nunmehr ebenfalls zu einer Sondergruppe vereinigen werden. * Tie „Vossische Zeitung" bringt aus Rostock die Meldung, dort sei zum ersten male seit die Stadt eine Gemeindevertretung habe, ein Jude, Rechtsanwalt Cohn, in die Vertretung gewählt worden. In Mecklenburg besteht erst seit Einführung der norddeutschen Bundesverfassung von 1867 die bürgerliche Gleichberechtigung der Inden. * Die ungarische Regierung ist wacker bestrebt, das liberale kirchenpolitische Programm durchzuführen. Vor dem Eintritte der Ferien wurde dem Parlamente ein Gesetzentwurf über die Religionsfreiheit unterbreitet. Trotz der „toten Saison" kann man von Ungarn nicht sagen: „Über allen Wipfeln ist Ruh". Vielmehr regt es sich auch in der Ferienzeit in den Komitaten lebhaft, um durch Vertrauenskundgebungen für die Regierung der Kirchenpolitik derselben durch Reform des Oberhauses (Magnaten-HauseS) zum Siege zu verhelfen. * Die Zahl der Juden in der „heiligen" Stadt Kiew beträgt 30,000 Seelen. Sämtliche Einwohner sind dort zum Aufenthalte berechtigt, weil sie zu jenen Klaffen gehören, die Privilegien besitzen; die meisten von ihnen sind entweder Invaliden, die noch unter Zar Nikolaus dienten, oder Handwerker; dazu kommen noch diejenigen Juden, welche eine höhere Schule besucht haben, wie Ärzte und Rechtsanwälte, endlich Kaufleute erster Gilde. Bei solcher bedeutenden Einwohnerzahl ist es kein Wunder, wenn der Mangel an Religionslehrern, die zum Aufenthalte in Kiew keine Berechtigung haben, sehr bemerkbar ist. Die Heranwachsende Generation muß geradezu auf den Religions-Unterricht ganz und gar verzichten. Diesem Übel abzuhelfen versuchen jetzt zwei Glaubensgenossen, die Herren Kazenelensohn und Aschkenasi; sie richteten ein Gesuch im Namen ihrer Brüder nach St. Petersburg und machten die Regierung auf den Schaden, welchen die irreligiöse Erziehung Hervorbringen kann, aufmerksam. Die Juden von Kiew leben nun in der Hoffnung, daß diese Bitte, den Religionslehrern den Aufenthalt in Kiew zu gestatten, ihnen ohne Zweifel gewährt werden wird. * In einer Besprechung der jWahlen in Deutschland begrüßt der Pariser „Petit Corporal" die Erfolge des Antisemitismus sehr freudig und verlangt, daß das hiermit gegebene „gute" Beispiel auch in Frankreich, wo man den Antisemitismus zu schlapp betreibe, eifrige Nachahmung finde. Der Verbrecher des Artikels schließt mit den Worten: „Ich betrachte es als eine Schmach für Frankreich, daß cs noch nicht einmal einen Ahlwardt hat erstehen sehen. Nehmen wir ein Beispiel an Deutschland und wir werden uns Wohlbefinden." — Kaiser Friedrich hat bekanntlich etwas anderes für eine Schmach erklärt. Über den hier kundgegebenen Geschmack wollen wir mit diesem Kauz nicht rechten, er ist jedenfalls sehr sonderbar. Das geht auch daraus hervor, daß er den „Rektor aller Deutschen" auf gleiche Linie mit Garibaldi und Parnell stellt. Das ist der ärgste Schimpf, der diesen Männern angethan werden konnte. * Die russische Frage, insoweit sie die in Amerika ansäßigenJuden betrifft, ist in eine neue Phase getreten durch die Weigerung des russischen General-Konsuls in New- Ivrk den amerikanischen Bürgern jüdischen Glaubens die Pässe zu visieren, damit es ihnen möglich werde, nach Rußland zu reisen. Die Sache ist umso bedeutungsvoller, als der russische Vertreter gar kein Hehl daraus machte, daß er laut Höherenorts gegebener Ordre handle. Der gewesene Minister der Vereinigten Staaten, Oskar Straus und Oberst John B. Weber haben nun einen Protest gegen die Handlungsweise des General-Konsuls, oder besser gegen das Gesetz, nach welchem die Konsule zu handeln verpflichtet sind, ausgearbeitet und sich mit demselben an den Staats-Sekretär Gresham in Washington gewendet. - Dieser läßt die Sache nicht auf sich beruhen, und die Folgen dieses Protestes gegen die ungleiche Behandlung amerikanischer Juden in Rußland, wo amerikanischen Bürgern laut Vertrag die gleichen Rechte wie den meistbegünstigten russischen Unterthanen zugesagt sind, lassen sich nicht absehen. Gemeinde, Synagoge und Schule. * Über die Bestattung des verblichenen Kollegen, Herrn Tonn in Allenstein wird uns geschrieben: Um 1 Uhr setzte sich vom Trauerhause aus der imposante Zug, wie er hier wohl selten zu sehen war, in Bewegung, vorbei an der Synagoge nach dem Friedhofe. Voran schritten, vom Unterzeichneten geführt, Schüler und Schülerinnen der Religionsschule, jüdische Schülerinnen der höheren Töchterschule und jüdische Gymnasiasten, Kränze und Palmen tragend. Dann folgte der Leichenwagen mit der irdischen Hülle des Heimgegangenen, geleitet an den Seiten von ehemaligen Schülern. Hinter der tiefgebeugten Gattin, den drei Töchtern und zwei Enkelkindern gingen unser Rabbiner, Herr Dr. Olitzki, Herr Prediger Sturm ann aus Osterode und mehrere aus der Ümgegend herbeigeeilte Kultusbeamte, hierauf der Synagogen- Vorstand, die Repräsentanten, die Vorsteher des Kranken- und Beerdigungsvereius, der Bürgermeister mit den Stadt-