Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 28 (14.7.1893)
- Date
- 1893-07-14
- Page
- Seite 438 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 438. I e s ch u r u n. Nr. 28. chen des Staubes von der ganzen, großen, weiten Erde und nicht von einer einzigen Gegend, das heißt mit anderen Worten, entkleidet der morgenländischen Sprachhülle: der Mensch ist ein Weltbürger, geboren auf einem einzigen Punkte, ist er fähig und bestimmt, sich überall nieder zulasten, wo es ihm gefällt, wo er sich erhalten und entfalten kann. Nirgends ist der Mensch fremd, überall auf Gottes Erde hat er sein Heimatsrecht und kein Sterblicher darf so vermessen sein, seinen Mitmenschen zu verjagen und ihm mit frecher Stimme zuzurufen: Fort von hier, du bist fremd in unserer Mitte, weil deine Gesichtszüge einen anderen Ausdruck haben und deine Vorfahren vor Jahrhunderten in einem anderen Weltteile lebten. Das ist talmndische Moral! * Nach einem der berühmtesten griechischen Denker ist der Hals die Grenzscheide zwischen dem Haupte, dem Träger der Gedankenwelt und der geistigen Hoheit des Menschen, und dem Körper, aus welchem die tierischen Begierden und Gelüste sich erheben. Wie drückt dies der Talmud aus? In seiner Redeweise, indem er sagt: Der Leib Adams stammt aus dem Staube Babylons, dem Reiche der Sinnlichkeit, wo der Sinnenlnst zügellos gefröhnt wurde, sein Haupt aber vom Staube Palästinas, der Heimat von Propheten, Psalmisten und Gesetzlehren, des Landes, wo Verkünder der höchsten Idee, die Diener des einigeinzigen Gottes, ihre mächtige Stimme hören ließen. Ein einziger Mensch wurde geschaffen. Warum? Um, antwortet der Talmud, die Gleichheit der Menschen zum Ausdrucke zu bringen. Ob der eine gut und gerecht sei, der andere einen vewerflichen LebensNandel führe, der eine vornehm sich dünke, der andere als gering gelte, sie alle haben einen Ursprung, eine Wurzel, einen Stammbaum; was sie sind und was sie thun, es ist ihr eigereS Vergehen oder ihr eigenes Verdienst, persönlich ist ihre Hoheit, persönlich ihre Niedrigkeit. * Ein neuer Schöpfungsruf, mild und sanft klingend, wird vernommen: „Nicht gut ist es, wenn der Mensch allein ist" Und wie deutet der Talmud diese einfachen Worte? Siehe, spricht er, ohne die innigste Lebensgemeinschaft nnt dem Weibe fehlt dem Manne ein hohes G u t oder das wahre Lebensglück, das er vergebens außerhalb des Hauses im wüsten Taumel und im bunten Getümmel der Welt suchr. Ein anderer Weiser des Talmud geht noch weiter in der Wertschätzung und Würdigung des Weibes, indem er ausruft: Wahrüch, erst dann verdient der Mann Mensch genannt zu werden, wenn er einen sittlichen Lebens- und Liebesbund mit dem Weibe schließt. Die Frau allein unter allen Wesen ist seine Ergänzung, seine Vervollkommnung, leine Vollendung. -i- Adam genießt die Frucht vom Baume der Erkenntnis. Wie hieß dieser Baum? Die Thora schweigt darüber. Denn, bemerkt ein Weiser, nie sollte das Menschengeschlecht es erfahren, welche Frucht seinen Stammvater zur Sünde reizte, damit man nicht höhnend oder schmähend auf den Baum Hinweise: Siehe, er ist es, der Adam zu Falle gebracht hat. Welch' ein Zartfinn der Deutung gegenüber einem Wesen aus dem Pflanzenreiche! Mit Hohn und Spott überziehen sie den Talmud, diese salbungsvollen Prediger der Liebe, während dessen Lehrer Israel; ermahnen, zartfühlend und schonungsvoll gegen leblose j Gegenstände oder, wie es im Verfolge der Deutung ferner * heißt, gegen vernunftlose Wesen zn sein! j Wieder hören wir die Stimme Gottes im ernsten und j strafenden Tune: „Dornen und Disteln soll die Erde dir wachsen lassen!" Kaum hatte Adam diese Worte vernommen, erzählt der Talmud, fing er an bitterlich zu weinen und sprach: Wie, soll ich zum Tiere herabsinken, mit dem Esel zusammen aus einer Krippe essen? Da erwiderte ihm Gott: Im Schweiße deines Angesichtes wirst du Brot essen, arbeiten wirst du, um von der Erde deine Nahrung zu gewinnen — und sofort ward Adam beruhigt. Arbeit, rief er aus, sie wird mich und nieine Nachkommen von den Tieren unterscheiden, die Arbeit wird das Zeichen und das Zeugnis meiner Menschenwürde und meines Adels sein. Die Sonne neigte sich, die Schatten verlängerten sich, die Dunkelheit der Nacht näherte sich, zum ersten male war Adam von Finsternis eingeschlossen und Angst und Entsetzen bemächtigte sich seiner, als die junge Welt mit einemmale seinem Auge entschwand und ein Tohu Wabohu wie vor der Schöpfung ihn umfing. Wie, rief er mit bebender Stimme aus, ist das die Folge der Sünde? Soll ich immerfort in dieser lichtlosen Leere leben? Da bereitete ihm Gott, schließt der Talmud seine Schilderung, zwei Steine, die er aneinander rieb, der zündende und leuchtende Lichtfunke sprühte hervor, cs ward hell um ihn und voll Entzücken rief er aus: Gepriesen seist Du „o Gott" für dieses irdische Licht, das mir die Nacht aushellt. Nun fühle ich es, daß ich aus eigener Kraft, mich emporraffen und von den dunkeln Schatten der Sünde befreien kann. Es giebt ein inneres Feuer, das ich selbst zu schaffen, ein inneres Licht, das ich selbst hervorzubringen vermag: das ist Reue, Zermalmung und Zerbröckelung der harten Bösen, Läuterung, Erleuchtung, Besserung und Wiedergeburt. Ich preise dich, mein Gott, daß du mich durch diese Lichtfunken gezeigt hast, wie ich die Dunkelheit der Sünde verscheuchen und dem Lichte wieder nahen kann! * Das sind die Redeweisen der Talmudlehrer, in denen sie Adam charakterisieren und große Wahrheiten in eigentümlichen Bildern verbreiten. Der Mensch ist ein Weltbürger und überall auf Erden heimisch. Der Mensch ist ein zwiespältiges Wesen, des Erhabensten wie des Gemeinsten fähig. Der Mensch poche weder auf^ das Verdienst seines Stammes, noch svll er sein Vergehen durch seine Herkunft entschuldigen. Der Mensch erhält das Siegel seiner Vollendung in dem innigen Lebensbunde zwischen Mann und Weib. Der Mensch bewähre sich überall als ein zartfühlendes Wesen, gelte es auch dem Geringsten. Der Mensch arbeite und betrachte die Arbeit als den ihni verliehenen Adelsbrief des Schöpfers. Der Mensch verzweifle nicht, wenn er auch gefehlt har, sondern sammle seine besten Kräfte und erhebe sich von neuem zum Lichte durch Reue und Besserung. Haben diese Lehren talmudischer Weisheit ihren Wert in unserer Zeit verloren, oder haben sie bloß für Talmudjuden und nicht vielmehr für alle Menschen ohne Unterschied dieselbe hohe und wichtige Bedeutung?