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Jeschurun · 1893-07-14 · 28 (14.7.1893) · p. Seite 437

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
28 (14.7.1893)
Date
1893-07-14
Page
Seite 437 (sequence 3)
Language
German
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Nr 28. I e s ch n r u n. herbei und spendet euer Bestes und Kostbarstes, um mein Lieblingsgeschöpf zu schmücken, das ich nach meinem Ebenbilde formen will." ״Als Moses", trug einst ein talmudischer Weiser vor, ״diese Stelle niederschreiben sollte, wurde er bedenklich, machte eine Pause und erlaubte sich die schüchterne Frage: O Herr, werden diese Worte nicht Veranlassung zu Mißverständissen und falschen Auslegungen geben? Werden nicht die einen eine Mehrheit von Göttern auf grund des Wörtchens ״wir" behaupten und die anderen mit menschlichen Zügen Dich ausstatten und darstellen? Genügte cs nicht, wenn ich wie am ersten Schöpfungstage bloß schriebe: Und Gott sprach: es webde ein Mensch und er ward?" ״Schreibe nur nieder, was du vernommen hast, o Moses", tönte es ihm entgegen, ״mögen auch einzelne es mißverstehen und verkennen. Es ist so wichtig, daß der Mensch erfahre und beherzige, daß er ein himmlisch-irdisches Geschöpf, das edelste in meinem Ebenbilde geschaffene, mit der höchsten Würde geschmückte Wesen sei, bestimmt zu Gott allein als zu seinem Ideale oder Vorbilde emporzuschanen, um durch Entwicklung unb Fortschritt immer besser und vollkommener zu werden, daß diese Worte nimmermehr wegen der Schwachen und Irrenden unterdrückt werden dürfen." Hat Moses wirklich so gefragt und Gott ihm wirklich so geantwortet? Nein! Denn niemand konnte dieses Zwiegespräch belauschen. Es ist bloß eine bei den Talmudlehrern beliebte rednerische Vortragsweise, Wichtiges in die Form eines Gespräches zu kleiden, um cs lebendiger und eindringlicher zu gestalten — und wahrlich, hier handelte es sich um etwas gar Wichtiges. Ja, sehr wichtig ist es für die Fürsten des Geistes und die Führer der Völker zu lesen und zu hören, daß große, erhabene, weltbewegende, weltverbessernde und welterlösende Wahrheiten nicht abgeschwächt oder gar verschwiegen, bloß als Geheimnis einigen Jüngern gelehrt werden dürfen ans Furcht, es könnten einige Hunderte oder Tausende unter Millionen sie falsch auffassen und^Mißbrauch mit ihnen treiben, oder wegen des ängstlichen Bedenkens, ob denn die passende Zeit bereits angebrochen und die Menschheit schon reif sei, diese offen und laut verkündeten Wahrheiten in Besitz zu nehmen. Gott ist die Wahrheit, sein Siegel die Wahrheit, seine Thora die Wahrheit und seine erkorenen Geißer sollen Boten der Wahrheit sein! In ähnlichem Sinne antworteten einige angesehene Inden auf eine Frage römischer Philosophen. Diese sprachen nämlich: ״Wenn euer Gott Vielgötterei und Bilderdienst verpönt, warum vernichtet er nicht die ganze Götzen- Welt?" ,,Soll die Wekt der Thoren wegen zu gründe gehen?" erwiderten jene hierauf. ״Seht, die Völker vergöttern Sonne, Mond und Sterne; sollen diese etwa zu leuchten aufhören? Nein! Diese schöne Welt setzt ihren regelmäßigen Gang fort, es strahlt die Sonne, es schimmert der Mond, es funkeln die Sterne und die Thoren, welche dem Sonnengotte Menschen und.der Mondgöttiu die Keuschheit opfern, werden einst zur Verantwortung gezogen werden." Auch wir rufen denen zu, welche den Talmud, das Werk von Jahrhunderten und zahlreicher hochbegabter Geister, preisgeben möchten: soll er zu gründe gehen und verschwinden der Thoren wegen, die ihn mißverstehen und mißbrauchen, die an der Sonne nicht das hellstrahlende Seite 437. Licht, sondern nur kleine Flecken wahrnehmen? Nein! Der Talmud ist nach der Bibel der wichtigste und umfangreichste Teil unserer alten Litteratnr, das Archiv unserer Religivnsgeschichte,' die Protokolle scharfsinniger Gerichts- Verhandlungen, in denen die Gerechtigkeit den Vorsitz führt, die Schatzkammer goldener Lebensregeln und kostbarer Aussprüche, tiefer Weisheit und erhabener Moral: wir wollen ihn bewahren, studieren, erforschen, verwerten — mögen die Thoren ihr Narrenwerk fortsetzen. Ja, wir behalten den Talmud und beherzigen den Ausspruch desselben, daß Staaten zu gründe gehen, wenn Haß und Feindschaft unter deren Bewohnern immerfort geschürt wird, wollen daher als Talmudjud'N zugleich treue und loyale Staatsbürger sein und uns von denen fernhalten, welche den Frieden und die Eintracht in unserem Vaterlande untergraben und dadurch die Kraft desselben schwächen. Wir behalien den Talmud und richten uns nach dessen Lcbensregel: Wer ist ehrwürdig oder ,,Ehrwürden?" Nicht jeder, der ein geistliches Gewand trägt und in salbungsvollem Tone redet, sondern der seine Mitmenschen ehrt, sie nicht schmäht, schändet, verspottet und verlästert. Wir behalten den Talmud und lernen von ihm, daß man in den Tagen der Not, in dieser rauhen Jahreszeit jüdische wie nichtjüdische Arme bedenke, ihnen Nahrung, Kleidung, Feuerung mit freigebigiger Hand spende. Wir behalten den Talmud und horchen auf dessen scharfes Wort'), daß derjenige, der nicht etwa gegen eine ganze Religionsgenossenschaft, sondern auch nur g-egen einen einzelnen Menschen die giftige Lästerzunge erheht und Verlenmdungen ansstreut und verbreitet, ein Gottesleugner ist, der da leugnet den Gott der Wahrheit und des Wissens, den Gott, der gerechte Wage verlangt, nicht bloß, wenn es gilt Waren, sondern auch den Wert eines Menscheu oder eines Stammes zu wiegen. Ihr klaget über den Verfall des Gottesglaubens; wer aber soll an einen Gott glauben, dessen Diener Haß, Bedrückung, Verfolgung predigen, indem ihre Lästerzungegegen ruhige und friedfertige Mitbürger sich immerfort regt? Wir behalten den Talmud und trösten uns durch dessen Ausspruchs, daß ״das böse Auge" oder die^Mißgunst nicht zu schaden vermag, sobald man seine Schuldigkeit thut, gegen alle Menschen seine Pflichten und die Gebote der Liebe erfüllt. Josef war dem bösen Auge oder der Scheelsucht seiner Brüder und des königlichen Mundschenks ausgesetzt und dennoch ging er, der für Ägypten in den Tagen der Not vorgesorgt hatte, triumphierend aus dem Kampfe hervor als ein Mann der Friedfertigkeit, der Liebe und der Versöhnung. * Gott bildete den Menschen aus Staub von der Erde. Von welcher Erde, von welchem Weltteile, welchem Lande, welchem Orte? Etwa von dem Staube der späteren Ur- Heimat der Semiten, der Germanen oder der Slaven? Diese Hand voll Staub, aus welchem der Mensch geformt wurde, antwortet der Talmud, enthielt die feinsten Teil- *) כל המספר לשון הרע כאילו כפר בעיקר- (ערכין טיו): 8) אנא מזרעא דיופף קא אתינא דלא שלטא ביה עינא בישא <ברכות כ״א)•

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