Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 28 (14.7.1893)
- Date
- 1893-07-14
- Page
- Seite 436 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 436. 3 t f tlj « r u n. hs- Mr. 28. In seiner „Freis. Ztg." nimmt aber der Abg. Richter die Zentralleitung der Freisinnigen Volkspartei gegen den Vorwurf, freisinnige Wähler zu einem so bedauerlichen Verhalten angeregt zu haben, in Schuv. Es sei Thatsache, daß die Zentralleitung der freisinnigen Volkspartei sämtliche Wahlkomitees in Wahlkreisen, wo Antisemiten zur Stichwahl standen, dringend ausgefordert habe, den Sieg des Antisemiten unter allen Umständen zu verhindern, also auch durch Stimmabgabe für die Nationalliberalen oder Konservativen. Die Zentralleitung habe auch die Bekämpfung des antisemitischen Kandidaten nicht davon abhängig gemacht, daß die Nationalliberalen in anderen Wahlkreisen unter gleichen Verhältnissen für die Kandidaten der Freisinnigen Volkspartei einzutreten sich verpflichteten. Wo dergleichen Versuche gemacht worden, seien sie nicht von der Zentralleitung, sondern von einzelnen freisinnigen Wahlkomitees ausgegangen. Der Vorwurf des „Mandatsschachers" den die „Nation" der Zentralleitung gemacht, sei also durchaus grundlos. - Daß trotzdem sezes sionistisch e Blätter krampfhafte Anstrengungen machen, dem vielgehaßteu Abg. Richter etwas am Zeuge zu flicken und aus dem, was in der Erklärung der „Freis. Ztg/' nicht steht, alles mögliche heranszulesen, kann bei der Stellung der beiden freisinnigen Gruppen zu einander nicht Wunder nehmen; daß aber jüdische Zeitschriften, trotz der ehrlichen Erklärung in der „Freis. Ztg.", an der Verketzerung des Abg. Richter teilnehmen, ist zum mindesten sehr unvorsichtig. Wir können uns unmöglich der nicht allzu zukunftsreichen Gruppe Rickert mit Haut und Haar verschreiben und dürfen nicht die Abneigung, oder doch die Lauheit des linken Flügels der freisinnigen Partei unbedacht provozieren. Man sollte den Lenzmann*) nicht an die Wand malen. Wäre es nicht besser und heilsamer — so fragt das jüngste Glied der^jüdischen Fachpresse seine älteren und erfahrenen Genossen — man behandelte die leidige antisemitische Frage in unseren Zeitschriften bloz referierend, ohne ihr zahllose Zeitungsspalten zu widmen, und gewährte um so breiteren Raum dem jüdisch-konfessionellen Gedankens Ist es all den erfahrenen Männern, die an unserer Presse Mitarbeiten, noch inuner nicht klar geworden, daß wir auf der gegnerischen Seite nichts gewinnen können, während wir Gefahr laufen, in unserer eigenen Mitte alles zu verlieren? Wjffknschast und fillcratur. Der Talmudjude. Vier Reden von?r. Ad. Jellinek. Vierte Rede. Wer ist wie dein Volk, wie Israel, ein einziges Volk auf Erden! 2 Sam. 7, 23. Wieder haben wir heute von Josef in Ägypten gelesen, den nach dem Ausspruche des Patriarchen Jakob „die Pfeilschützen befehden". Wer sind sie? Nach den meisten Erklärern, wie z. B. dem Midrasch, R. Samuel ben Meir und R Obadja Sforno, sind es die Ankläger und Verkleinerer Josefas, deren Zungen Worte der Verdächtigung und Geringschätzung gleich scharfen Pfeilen gegen ihn schleudern. Unter ihnen ist der königliche Mundschenk eine eigentümliche Erscheinung. Wie spricht er von Josef, als er die Aufmerksamkeit des von Träumen *) Vergl. die Behauptung des Abg. v. Liebermann am zweiten Ahlwardttage" im verflossenen Reichstage. beunruhigten Königs auf ihn lenkt? „Dort, im Gefängnisse war mit uns ein junger Mensch, ein Hebräer, ein Sklave", mit diesen Worten führt er Josef bei Pharao ein, um zu verhindern, daß er als Lohn seiner geschickten Traumdeutung zu hohem Ansehen gelange, durch diese Empfehlung erfüllt er die Pflicht der Dankbarkeit gegen denjenigen, der ihn in den trüben Tagen der Haft getröstet hatte. Und der Talmud, dessen Geschicke, wie dies bereits am vorletzten Sabbat bemerkt wurde, im Leben Josefs uns bildlich entgegentreten, war nur zu oft die Zielscheibe frommer Pfeilschützen, die ihn durch spitze und stechende Worte verdächtigten und verleumdeten und auch an Personen gleich dem Mundschenk Pharao's fehlt es ihm nicht, an Männern, die wohl für ihn ihre Stimme erhoben, aber in einer Weise, die ihn herabsetzte, als verdiente er es nicht, neben den großen Litllraturwerken anderer Völker wegen der Mannigfaltigkeit seines Inhaltes und wegen seiner reichen Beiträge zur Geschichte des Rechts, der Poesie und der Volksweisheit einen hervorragenden Platz einzunehmen. Woher nun diese wiederholten Angriffe? Warum füllen die Pfeilschützen, besonders die in deutscher Jägertracht, immer von neuem ihre Köcher, um den Talmud zu befehden? Gewiß sind zumeist blinder und bitterer Haß gegen das Judentum, falscher Religionseifer, Böswilligkeit, Herzenshürte und Gemütsroheit die Ursachen, daß von Zeit zu Zeit sich immer neue Schützen finden, die ihre Pfeile gegen den Talmud losdrücken. Allein wir wollen nicht alle gleichmäßig, wir wollen einige milder beurteilen, indem wir sie bloß als Irrende und Fehlende betrachten. Die Lehrer im Talmud nämlich, die Tannaim wie die Amoraim haben eine eigentümliche Rede- und Vortragsweise, die beim ersten Anhören fremdartig, sonderbar, bisweilen lächerlich klingt, allmählich aber einen eigenen Reiz gewinnt und ein eigenes Seelenbehagen erzeugt, sobald man sie versteht und mit ihr befreundet wird. Die bildliche Sprache des Talmud erschließt sich nur demjenigen ganz und voll in ihrer orientalischen Farbenpracht, s der ihr vorurteilsfreie Empfänglichkeit, Sinn für poetische Formen und die schuldige Pietät vor den Lehrern des Judentums entgegenbringt und sich bemüht, mit ihrem zarten Sprachgewebe vertraut zu werden. So lange ein Dolmetsch zwischen Josef und seinen Brüdern vermittelt, sind sie einander fremd; sobald aber Josef selbst in der Sprache seiner Heimat und seines väterlichen Hauses redet, schwindet die Entfremdung und die Söhne Jakob's erkennen einander: ebenso verhält es sich mit dem Talmud. Ein Dolmetsch, der dessen Sprache wörtlich übersetzt, öffnet uns nimmermehr dessen Inneres, dessen Herz, dessen Seele; erst wenn wir ohne wortgetreuen aber geistlosen Vermittler mit ihm uns verständigen können, fühlen wir uns heimisch und angezogen in seiner Nähe. Dies wollen wir an talmudischen Aussprüchen über Adam im einzelnen Nachweisen und über die Rede- und Vortragsweise der Talmudlehrer uns heute verstänoigen. * Das letzte und vorzüglichste aller Wesen, Adam oder der Mensch, soll ins Dasein treten und im Weltenraume ertönt der feierliche Schöpferruf: „Wir wollen einen Menschen machen in unserem Ebenbilde und nach Ähnlichkeit mit uns! Auf denn, Himmel und Erde, schaffet