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Jeschurun · 1893-06-30 · 26 (30.6.1893) · p. Seite 415

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
26 (30.6.1893)
Date
1893-06-30
Page
Seite 415 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 26. Seite 415. ^Jeschurun. leiten. Fürwahr das Auge der Liebe fand es heraus, daß für sie selbst im Zukunftsstaat am wenigsten vorgesorgt ist. Vielleicht hat auch jener brave Flickschneider in seinem so wohl durchdachten Regierungsplan etwas übersehen, denn was mochte er thun, wenn seine Unterthanen aus rebellischem Geist erklärt hätten; wir wollen uns partout unsere Kleider nicht flicken lassen und sie solange am Leibe tragen, als es nur geht? — Meinen teuern Freunden rechtzeitig einen guten Wink zu geben, ist eben der Zweck dieser Zeilen, und wohlgemeinter kann kaum ein Zuruf sein, als hier mein: Caveant consules! — Es ist leicht möglich, daß ich aus den Defekt gar nicht gekommen wäre, wenn mir nicht vor kurzem in mondesheller Nacht eine merkwürdige Vision erschienen, die mir die Zukunft jener biedern Heer- ' sichrer so düster ausgemalt hatte, daß ich ganz entsetzt darüber ward. — (Fortsetzung folgt.) Mairnonides. Historische Erzählung von Dr. M. Dessauer. (Fortsetzung.) Es brach der Abend herein, und sie gingen den Hügel hinab und beteten au der noch vorhandenen Mauer des einstigen herrlichen Tempels, und ein himmlischer Friede zog in die Gemüter der Betenden ein; alle Sorgen waren vergessen, jeder Kummer verscheucht. Das Abendrot vergoldete die Ruine, und unwillkürlich stieg die alte goldene Zeit mit dem salomonischen Glanze, die Zeit des großen Moses, der Richter und Könige, die Zeit der Propheten mit ihrer begeisterten Bildersprache, mit der zündenden Kraft ihrer erhabenen Reden in ihrer Erinnerung lebendig auf. Ein geheimer Zauber hielt sie da stundenlang festgebannt. Als sie heimkehrten, sagte Moses: „Nicht ohne Grund heißt der alte Name dieser Stadt: Salem, Friede wahrlich ein höherer Friede weilt an dieser Stätte und eine wohlthuende Gemütsruhe scheint in uns alle eingekehrt zu sein. Sie verdient heute noch ben Namen „heilige Stadt." Drei Tage lang streifte die Familie in den Straßen Jerusalems umher und auf den Höhen und Tiefen, welche die Stadt lieblich umrahmen, sie blickten gen Osten von einer Tiefe zur anderen, bis zum Kessel des toten Meeres hinab, dann jenseits des Wasserspiegels aus die Spitze des Pisga, von wo aus Mose das Land nur überblicken durfte. Im Norden des Salzmeeres breitete sich das Jordanthal aus, und von Osten nach Norden gewandt schimmerten ihnen in der Ferne die Höhen des Gebirges Ephraim, unter ihm deutlich der Berg des Fluches Ebal, und gegenüber der höchste Gipfel dieses Gebirges, Garisim, wo nach dem Einzuge der Israeliten der Segen über das Volk ausgesprochen wurde. Dann zogen sie nach Hebron, beteten einen ganzen Tag in der Höhle, welche Abraham von den Hethiten zunächst zum Begräbnisort seiner Frau Sara erstanden, und die nachher das geweihte Erbbegräbnis der Patriarchensamilie geworden. Die Stätte wird ebenfalls von den Anhängern der drei Religionen, Juden, Christen und Muhamedanern in gleicher Weise verehrt. Von da aus endlich gingen sie nach Egypten und nahmen ihren dauernden Wohnsitz in Fostat. Fünftes Kapitel. Erst in Fostat beginnt jene wunderbare, geistige Kraftenfaltung des Maimonides, welche ihn zum „Führer der Verirrten" erhob, zum „zweiten Moses", den Gott zur Belebung des erschlafften Volkes erweckt bat." Erst von hier aus strahlte sein Geist in die entlegensten Striche, wo Israel kümmerlich sein Dasein fristete, von hier aus sendete er Trost und Rat den entferntesten Gemeinden. Sein Ruhm erscholl bald im Morgenwie im Abendlande, man pries seinen Namen, blickte verehrungsvoll zu ihm empor und hoffte, er werde wie einst der große Mose seinen Arm erheben, um den ermatteten Geist des Volkes zu beleben und ihm in Kampf und Not zum Siege zu verhelfen. In den ersten Jahren zwar lebte er dort still und zurückgezogen, seine beständige! Gesellschaft waren Kummer und Sorgen, seine ermutigende Trösterin die Wissenschaft. David mußte mit aller Kraftanstiengung nicht nur den Bedarf seines Hauses, — er hatte sich mittlerweile verheiratet — sondern auch den der ganzen Familie herbeischaffen. Der Vater konnte ihm nicht mehr beisteben, denn die Mühseligkeit und die Schrecknisse der Fahrt hatten seinen Körper völlig aufgerieben. „Ich habe immer gesagt" seufzte die Mutter, „man darf keinen alten Baum verpflanzen." Er fiel einige Monate nach der Übersiedelung aus das Krankenbett, von dem er nicht wieder aufstand. Als der greise Maimuu verschiedin war (1166), da konnte man sehen, welchen Rnf die Familie in der alten Heimat zurückgelassen. „Es hat meinem Herzen wohl gethan", schreibt Maimun unter anderem an seinen Freund Jephet in Akko, „aus den entferntesten Ländern, aus Spanien und Afrika Trostschreiben empfangen zu haben." Nach Beendigung der vorgeschriebenen Trauerzeit drückte Moses krampfhaft dem jüugern Bruder die Hand, und während eine Thräne über seine Wangen rollte, sagte er: „Wir müssen uns ermannen, David, die Sorge für unsere Familie erheischt es. Du bist fleißig, auch ich will mir einen Erwerb verschaffen, und Gott wird unserer Hände Werk segnen. Du weißt, ich habe von jeher Neigung zur Medizin gehabt und habe auch einiges Verständnis dafür; vielleicht gelingt es mir, hier damit manche Einkünfte zu erlangen." „Und wenn wir nur für uns streben, was sind wir?" fiel David ein, „Du selbst hast diesen Satz aus den Sprüchen der Väter in Deinem Mischnakomemntare dahin erklärt, daß wir verpflichtet sind, auch für die Seelenerhebung Sorge zu tragen, nicht nur dem Leibe, sondern auch dem Geiste Nahrung zuzuführen. Du klagst nicht mit Unrecht über die Geistesarmut unserer Glaubensgenossen hier zu Lande; wohlan! cher Weise, heißt es, muß dem Einfältigen den Mund öffnen; Du darf Deine Kräfte nicht schlummern lassen und durch Brotsorgen sie schwächen. Der Juwelenhandel, den wir betreiben, nährt uns leidlich; ich will ihn noch mehr aus dehnen, will Reisen zu Wasser und zu Lande unternehmen, nur laß Deine Feder nicht rosten. Beginne, wie es Deine Absicht ist, unsere verworrenen und mißverstandenen Traditionen, die ganze Gemara, systematisch zu ordnen und dem Volke mundgerecht zu machen. Du wirst dadurch allen Talmudbeflissenen einen hohen Dienst erweisen und den Vater im Grabe erfreuen, wie Du sein Herz mit dem Sirag' (Mischnaerklürung) erquickt hast, an dessen letzten Seiten Du jetzt schreibst."

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