Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 26 (30.6.1893)
- Date
- 1893-06-30
- Page
- Seite 414 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 26. Seite 414. I e sch auf der anderen Seite keine Rechte und sind nicht befähigt, irgend ein Amt zu bekleiden. Würden sich die Inden anfraffen und der christlichen Bevölkerung beweisen, daß es auch Inden giebt, die im stände sind, einen anderen Beruf als den Handel gn ergreifen, so würden bei der aufgeklärten Gesinnung der Portugiesen die hemmenden Schranken fallen. Unter gegenwärtigen Umständen ist wenig Aussicht dazu, was um so mehr zu bedauern ist, wenn man berücksichtigt, auf welcher Kulturstufe unsere Glaubensgenossen einst gerade auf der pyrenäischen Halbinsel gestanden haben. * b Reo. Jakob Nieto, früher Prediger an der Thefielder Gemeinde, ist zum Prediger der „Shearith Israel" in San Francisco berufen worden. Der Zukunstsstaat der Antisemiten. Eine Vision von T. N. Margulies. Ich habe einen ehrsamen Flickschneider gekannt, dem es einmal träumte er wäre Herrscher über ein großes Reich geworden, und welcher, da er an die Erfüllung des Traumes glaubte, seitdem immer die Nase sehr hoch trug. Als man ihn fragte, welche Regierungsfvrm, oder Verfassung er in seinem Zukunftsstaate einführen wiirde, entwarf er in wenigen Zügen ein für seine praktische Denkweise sehr charakteristisches Bild davon. Wenn ich zur Macht gelange, sagte er, so ist das Einzige, was ich zu thun gedenke, daß ich ein Gesetz erlasse, kraft welches mir allein das Recht zustehe, für sämtliche Unterthanen in meiner Haupt- und Residenzstadt die Kleider zu flicken und anständige Preise dafür einzuheben. In der Provinz sollen meine Verwandten und Freunde dasselbe Privilegium erhalten, jede andere Konkurrenz müßte dagegen aufs strengste untersagt werden. — Man könnte glauben, ich habe mir diesen Flickschneider bloß erdichtet, ich bin aber gern bereit, mit genauen biographischen Daten über ihn zu dienen, wenn sich einer der geneigten Leser für denselben interessieren und ihn selber weiter auszufragen Lust haben sollte — Am Ende ist dieser König im Traume keine gar so undenkbare Erscheinung und nur das Prototyp so mancher moderner, politischer Parteiführer und Weltverbesserer. Wie wenige kümmern sich heute um die wirklichen allgemeinen Interessen, um das Wohl aller Bürger, und wie viele Minoritäten giebt es in jeglichem Lande, die die Wohlfahrt der Gesamtheit der eigenen kleinen Partei so gern unterordnen, oder gar aufopfern möchten! Man frage bloß in Österreich, dem Staate babylonischer Sprachenverwirrnng. den braven Bruder Wenzel, wie er sich das Zukunftsbild vvrstellt, wenn er allein die Staatsordnung zu bestimmen und dem ganzen Reiche Gesetze vorzuschreiben hätte. Ein Huhn im Topf und einen Kolatsch mit Powidel für jeden guten Alt-, oder Jungczechen (je nach der Partei), dazu „nix Deutsch" und die Steuerlasten von allen andern nichtczechischen Nationalitäten getragen, mehr verlangen wir nicht, alle übrigen Staatsfragen sind uns — Wurst." So ungefähr würde die Antwort lauten, wenn sie — aufrichtig sein sollte. Fragt in Deutschland so manche Partei, und ihr werdet aus der Antwort, wenn ihr die gleißnerische Hülle, die sie umgiebt, entfernt habt, heraushören, wir werden für die Militärsrage stimmen, wenn ihr uns Schutzu r u n. Krzölle gebt, wenn ihr dem Junkertum wieder auf die Beine helft, oder wenn ihr bei uns die Jesuiten wieder importiert; alles andere macht, wie ihr wollt, getreuesten und unverfälschtesten würdet ihr die politischen Grundsätze jenes schlichten Flickschneiders bei den Antisemiten verkörpert finden. Sie würden auch rundweg die ganze Staatspolitik und alles, was drum und dran ist, völlig überlassen; lasset sie dafür nur alles Geld den Juden abnehmen. In dieser Beziehung muß man den braven Antisemiten sogar Gerechtigkeit widerfahren lassen; sie sind säst die Einzigen, die ans ihrem Herzen keine Mördergrube machen nnd mit ihrem Wunschzettel zwar etwas plump, aber ziemlich offen und unverhohlen anftreten. Sie nehmen an den Reichstagsdebatten nur mit halben Ohre teil, bleiben von den Sitzungen oft weg, wenn sie in ihren eigenen Angelegenheiten auf Reisen gehen müssen, erscheinen aber vollzählig und bilden eine feste Phalanx, wenn sie eine jüdische Frage herauswittern, oder auch nur bei den Haaren herbeiziehen können. Sonst nicken sie, wenn sie schon anstandshalber andern Verhandlungen beiwohnen müssen, au ihren Pulten ein und schlafen auf ihren Sitzen den Schlaf der — Gerechten. Ich beobachte das Thun dieser edlen Genossen mit vielem Interesse und wenn die Fremdwörter jetzt nicht io verpönt wären, möchte ich sagen, ich habe ein großes „Faible" für sie; mir gefallen ihre Prinzipien, ihr Auftreten und die Sprache, die sie führen, ausnehmend gut und was besonders die erlauchten Führer dieser Partei betrifft, für die schwärme ich geradezu. Wenn sie einmal eine Dummheit, einen Fehler begehen — mein Gott, unfehlbar ist ja nur der Papst! — ärgere ich mich zu sehr, und ans diesem Grunde habe ich sie schon in einer früheren Schrift*) auf manche kleine Mißgriffe, die ihnen schaden können, aufmerksam gemacht. Sie nehmen es mir gewiß nicht übel, denn es geschieht ja unverkennbar nur in der besten Absicht, damit sie, wenn sie es einsehen, die Taktik ein wenig ändern können, solange es noch Zeit ist. Es ist heutzutage Mode, sich weniger mit der Gegenwart, als mit dem, was dereinst kommen wird, zu ' beschäftigen; jeder wird Baumeister und entwirft Pläne zu einem Staatsban, in welchem alle Menschen glücklich und sorgenlos werden leben können. Bellami und Bebel haben ihren Zukunftsstaat fix und fertig hingestellt; nicht ein.Nagel fehlt mehr an dem Gebäude. Auch meine Lieblinge, die Antisemiten, sind sich über ihren Zukunftsstaat vollkommen im Kla.en. Entfernt nur die Juden, dieses wirklich schädliche Element, und ihr werdet sehen, wie über Nacht, gleichsam durch einen Zauber, dieser Prachtbau aus dem Boden entstehen wird. Ich habe in die Pläne und Skizzen Einsicht genomm n und ich muß gestehen, es ist alles so schön, so human und zugleich so zweckmäßig und einfach ausgedacht. Allein, wenn ich auch kein Architekt bin, so hat man doch nicht umsonst etwas Geometrie gelernt und von griechischer und gothischer Baukunst da und dort etwas genascht, um nicht auch als Laie am größten Kunstbau etwas aussetzen zu können? Vielleicht war es aber nur das Auge der Liebe, das so scharf sieht, welches diesen Fehler entdeckt, denn das Gebäude zeigte gerade für diejenigen, welche am bequemsten drin wohnen sollten und für die es eigentlich besi immt war, für die teuern Oberhäupter selber, große Unzukömmlich- *) „Haman an die Antisemiten" (Verlag von Werner und Hörning, Lübeck.)