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Jeschurun · 1893-06-30 · 26 (30.6.1893) · p. Seite 413

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
26 (30.6.1893)
Date
1893-06-30
Page
Seite 413 (sequence 11)
Language
German
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Nr 26. I e s ch n r u n. Seite 413. Gemeinde, Synagoge und Schule. * a, Wie uns von anderer Seite mitgeteilt wird, ist für die Stelle eines Professors für jüdische Geschichte und Exegese an der jüdisch-theologischen Lehranstalt in Wien Dr. Adolf Büchler berufen worden. Der junge Gelehrte, ein Neffe des berühmten Neubauer in Oxford, hat seine Studien im Vorjahre an der Landesrabbinerschule in Budapest vollendet. * 6. Die Or Israel Zivn W'ruschvlaim-Gesellschoft beabsichtigt das angeregte Projekt des seligen Rabbiners Israel Sa lauter, die Erleichterung des Talmudstudiums betreffend, zu realisieren. Die Gesellschaft beabsichtigt mindestens 100 Rabbiner als Mitarbeiter anzuwerben) welche Hilfsmittel schaffen sollen, die das Studium des Tatmud ohne Lehrer ermöglichen soll. Dieses Hilfsbuch, welches über die Dialektik, Grammatik und Geschichte des Talmud handeln wird, soll in hebräischer Sprache geschrieben werden. * b Die Nachricht von dem Ableben des Karaitenoberhauptes, Uzum, erweckt wohl unser mitleidsvolles, aber nicht praktisches Interesse. Die leitende karaitische Gemeinde im südlichen Rußland, war schon längs in Bakh-cliiserai, in der Nähe von Sebastopol etabliert, woselbst die Synagoge auf dem Djufuk-Kale ein sehr bedeutendes historisches Interesse hat. Ungefähr zweitausend Fuß über dem Meeresspiegel gelegen, war ihr in Felsen gehauener Friedhof der Schauplatz der berühmten Firkowitsch'sche Forschungen. Dieser veröffentlichte angebliche Inschriften aus Denkmälern mit der Angabe, daß dieselben bis in das erste Jahrhundert d. g. Z. zurückreichen, während in Wahrheit keine von den Epitaphs älter als das vierzehnte Jahrhundert ist. Die Bsukuk-Xals-Gemeinde war in steteni Abnehmen begriffen. Im Jahre 1870 fand Herr Hendersohn daselbst 250 karaitische Familien; ^allein zur Zeit des Krimkrieges waren dort kaum 100, und gegenwärtig soll die karaitische Bevölkerung noch geringer als diese Zahl sein. Die Zahl , der Karaiten in Europa soll im Jahre 1874 kaum 6000 Seelen betragen haben. Es ist aber über die fortwährende Verringerung derselben sich nicht zu verwundern, denn die Karaiten haben niemal die Saat der Vitalität in sich enthalten. Nur als eine interessante Bewegung innerhalb des Judentums verdienen die Karaiten unsere Aufmerksamkeit. Die neuerlichen Doknmente, welche in bezug aus die Beziehungen zwischen den srühern Karaiten und Saadia und den letzten Gaonim, die uns unlängst einiges Licht brachten, werden eine vollständige Umarbeitung der Geschichte die Kämpfe zwischen Rabbaniten und deren Opponenten, den Karaiten, nötig machen. Die Karaiten hatten sich stets einer ausgezeichneten Reputation der Ehrenhaftigkeit und Einfachheit zu erfreuen. Doch nichts ist interessanter, als die Art und Weise, wie die Karaiten sich bei der russischen Regierung den Rabbaniten gegenüber aufspielten. Der verstorbene Zar sowohl als auch der jetzige Inhaber der kaiserlichen Würde besuchten oft das Oberhaupt der Karaiten, und Alexander I. sowohl als auch andere Füstlichkeiten zollten den Vorgängern des Heimgegangene Uzum ganz besondere Aufmerksamkeiten. Die Karaiten stehen bei den russischen Beamten in ganz besonderer Gunst, während die übrigen Juden von denselben auf jede Weise degradiert und geschmäht werden. Falsch ist aber die Annahme, daß die Karaiten antitraditionell sind. Nur in gewissen Punkten, namentlich in den Sabbat-Gesetzen, in der Fixierung des Kalenders durch persönliche Beobachtung des Mondes und in den Eheg esetzen hinsichtlich der Grade weichen die Karaiten von den Rabbaniten ab und bestreiten die Forderungen des Talmuds. Im ganzen und großen sind sie eben solche Anhänger der Tradition, wie die strengsten Talmudisten. Die Karaiten Haberl aber stets das Interesse der christlichen Könige auf sich zu lenken gewußt, wie z. B. der Königs Carl II. von Schweden, welcher im Jahre 1690 eine Spezial-Untersuchungs-Kommission absandte, um die Konditionen und Grundsätze der Karaiten, den jüdischen Protestanten, wie die Nachfolger des Anan (8 Jahrhundert) irrtümlich genannt werden, zu prüfen. Obgleich die Karaiten das Verdienst besitzen, den jüdischen Grammatikern den Anstoß zum systematischen Studiiun der Bibel gegeben zu haben, so haben sie dennoch seit Jahrhunderten keinen eminenten Schriftsteller, dessen Werke einer allgeineinen Beliebtheit sie erfreut, hervorgebracht. * Der Vorstand der israel. Gemeinde in Sofia hat an den ehemaligen Oberrabbiner Dr. Dankowitz eine Zuschrift gerichtet, in welcher er im Namen der Juden Bulgariens ersucht wurde, nach Bulgarien zurückzukehren und das Oberabbinat wieder zu übernehmen, was aber Herr Dr. Dankowitz ablehnte. Infolge dessen wurde Herr Dr. M. Grünwald auf Empfehlung des Herrn Dr. Jellinek in Wien zum Oberrabbiner von Bulgarien gewühlt. — So wird aus Wien gemeldet. * Die jüdische Gemeinde in Lissabon besteht aus ea. 50 Familien (300—400 Personen), welche fast allesamt Handel treiben, von denen sich jedoch nur 3—4 Häuser eines gewissen Renomees erfreuen. Die Mitglieder der Gemeinde, die seit 60—70 Jahren existiert, stammen fast ausnahmslos aus Afrika (Fez und Marvcco) — in den jüdischen Familien wird viel Arabisch gesprochen — und sind größtenteils noch heute englische Staatsbürger resp. stehen unter englischem Schutze. Es giebt dort drei Synagogen, vielmehr Betsäle, die in belebten Straßen liegen, jedoch nur in einem wird Montag und Donnerstag gebetet, während in den andern nur Freitag Abend und Sabbat Gottesdienst stattfindet. An jeder Synagoge ist ein „Ehacham" angestellt, der alle religiösen Funktionen versieht; ein eigentlicher Rabbiner existiert nicht. Von Wohlthütigkeitsanstalten ist bei den beschränkten Mitteln, über welche die Gemeinde verfügt, nicht viel die Rede; einen einzigen Verein Sonach Nophlim, der ein Kapital von ca. 9000 Mark besitzt und von afrikanischen durchreisenden Glaubensgenossen stark in Anspruch genommen wird, jedoch weder ein Hospital noch ein Waisenhaus. Das einzige Eigentum der Gemeinde ist der Friedhof, den sie gekauft und mit ca. 5000 Mark bezahlt hat. Die Kinder besuchen die portugiesischen Schulen und werden von den Chachamim privatim im Hebräischen vorbereitet. Im allgemeinen erfreuen sich die Juden großer Toleranz und leben unbehelligt in friedlicher Eintracht mit der übrigen Bevölkerung; so sind z. B. die afrikanischen Juden die einzigen Menschen, die man täglich in Kaftan und rotem Fez über die Straße gehen sieht, und es wird keinem Portugiesen beifallen dem Manne „jucleo“ nachzurusen, was man heutzutage in unserem lieben deutschen Vaterlande nur allzuoft erleben kann. Die portugiesischen Staatsbürger jüdischer Konfession brauchen nicht Soldaten zu werden, genießen allerdings

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