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Jeschurun · 1893-06-30 · 26 (30.6.1893) · p. Seite 412

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
26 (30.6.1893)
Date
1893-06-30
Page
Seite 412 (sequence 10)
Language
German
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Seite 412 3 t f dj u r u n. h5- Nr. 26. kaum gedacht werden. Wir ersehen daraus, mit was für einem Volke wir Deutschen zu thun haben. Unter diesen Uustünden darf man sich nicht wundenn, wenn die Juden mit solchen ihnen erlaubten Mitteln den Sieg über das Germanentum erringen werden." Soweit der Wortlaut des Flugblattes. Da ich ein Original nur leihweise erhielt, kann ich Ihnen nur die Abschrift.einsenden, welches ich in der Voraussetzung thue, daß Sie dies vielleicht in Ihrem Blatte zum Gegenstände einer Besprechung machen. Ich enthalte mich jeder Bemerkung und will nur erwähnen, daß mir der Sinn des כל נךףי wohl bekannt ist, daß jedoch in der großen Menge des Volkes ein solches in seiner Sachlichkeit nicht widerlegbares Flugblatt dem Gesamtjndentum unberechenbaren Schaden zufügen kann, wie es denn als nächste Folge in Neustettin bereits größere Judenexzesse, deren Einzelheiten mir noch nicht bekannt sind, zu verzeichnen hat. * s. Aus Württenberg schreibt man uns: ״Die Schlacht ist aus die Hoffnung sinkt; geschlagen ist das Heer", so darf in unserem schonen Schwabenlande füglich der Antisemitismus klagen. Triumphierend und mit viel Lärm hatte die antisemit. Volkspartei in vier Wahlkreisen eigene Kandidaturen aufgestellt, um aber vor der Wahl zwei zurückzuriehen. In Stuttgart und in Ulm hofften die Herren Nübling und Kons, auf je ca. 2000 Stimmen; sie glaubten an Stimmfang bei den Konservativen. Wie ein kalter Wasserstrahl mag nun das Wahlresultat auf die Herren der ״Ulmer Schnellpost" gewirkt haben. Nicht 500 antis. Stimmen wurden im ganzen Lande für die Radaubrüder abgegeben. Die Brüder Konservativen stimmten für die nationalliberalen Kandidaten. Ein schöner Beweis wieder, daß in Wttbg. gar kein Boden für den Antisemitismus ist. Das schreiben auch die Blätter aller Parteien. Die nationallib. Neckarzeitnng schreibt ungefähr: ״Die antis. Partei vollends hat vollständig Fiasko gemacht .... Ein klägliches Resultat diese 435 Stimmen in Anbetracht der Hoffnung auf mindestens 2000 Stimmen." rc. In Wttb. steht übrigens auch diese Wahl unter dem Zeichen des Freisinns. In 17 Wahlkreisen find gewählt 4 Zentrum, 4 freisinn. (?) Volks- Partei, 2 Nationionallib. Von den 7^ Stichwahlen fallen wahrscheinlich, da mit Ausnahme von Stuttgart immer Demokraten gegen Nativnalliberale in die Stichwahl kommen und die Demokr. vorher schon die meisten Stimmen auf sich vereinigten und auch noch die soziald. Stimmen erhalten werden — noch weitere 6 Kreise der freisinn. Volkspartei und 1 Kreis der Sozialdemokratie zu. Wie aus einem soeben. mir zugekommenen Berichte ersichtlich ist, wurde auch in Baden, das ja schon lange der Tummelplatz der Antisemiten war, kein Antisemit gewählt und auch in die Stichwahl wird keiner kommen. Ja, auch in Baden bleiben die antisemitischen Stimmen hinter aller Erwartung zurück. * Es ist bezeichnend für den Geist, dessen Kind der anfangs Juli in Krakau zusammentretende Katholikentag ist, daß sein eifrigster Apostel, der Abgeordnete Prälat Chotkowski, den österreichischen Ahlwardt, der in Wien Schneider heißt, nach Galizien lud, wo dieser auf einer Rundreise durch das Land für den ״neuen Geist" Stimmung machen sollte. Der würdige Pater hat sich jedoch diesmal verrechnet. Er fühlte sich so sehr einig im Geiste mit seinem Freunde, daß er darüber vergaß, daß man in Galizien Ware eigener Produktion besitze und durch den Import von außen keine Konkurrenz wünsche. Die galizische Presse empfing den Stampiglienfälscher und Meineidswerber, der ihr in's Handwerk pfuschen wollte, sehr kühl; manche Blätter empörten sich über den Deutschen, der nach Polen kam, um da ein Wort mitzureden. Mit dem Teil der Bevölkerung, auf den er zumeist gerechnet hatte, nämlich den Kleingewerbetreibenden, kann sich der Hetzbold einfach nicht verständigen, weil er nicht polnisch und jener nicht Deutsch versteht. * Die jüdische Auswanderung in Rußland geht jetzt zumeist über Libau nach Rotterdam. Kürzlich reisten mit einen! großem Dampfer fast 3000 Juden ab. In allen Gebieten des Reiches werden die Maßregeln gegen die Inden mit wachsender Strenge durchgeführt. * Wie verlautet, verwendet sich das jetzt in St. Petersbürg anwesende Stadthaupt von Libau dafür, noch auf zwei Jahre den Juden das Wohnrecht zu gewähren. 6000 Juden müßten jetzt die Stadt verlassen. * Nach der trefflichen Schrift ״Kultnrdefizit" von Dr. Markus Hirsch zählt das französische Heer außer 5 Divisionären und 2 Brigadiers 5 Obersten, 0 Oberstlentnants, zwölf Bataillonschefs der Infanterie, 4 Bataillonschefs des Geniekorps, 5 Eskadronschefs der Kavallerie, 4 dergleichen der Artillerie, 90 Hauptleute, 89 Leutnants und 104 Unterleutnants jüdischen Glaubens und Namens. Nimmt man dazu die große Zahl der in Frankreich vorhandenen jüdischen Verwaltungsbeamten — nach Dr. Hirsch nennt das r.An11uaire des Archives Israelites 1991/92" einen Präfekten, zwei Unterpräfekten, einen Präfekturrat, einen Generalinspektor der Post und Telegraphie, einen Jngenieurchef für Brücken und Straßen, einen directeur des constructions navales, den Präsidenten des Appellations- Hofes von Paris, den Präsidenten eines Provinztribunals und eine große Anzahl staatsanwaltschaftlicher Beamten als solche — so wird man begreifen, wenn Dr. Hirsch behauptet, daß Deutschland an einem ,,Knltnrdefizit" leide, während Frankreich an der Spitze der Kultur schreite. * Fürst Ferdinand von Bulgarien und die Fürstin Marie Louise empfingen in Gegenwart des gesamten Hofes die Deputation der Juden Bulgariens, unter Führung des Großrabbiners Dr. Grünwald. Auf dessen Glückwunsch und Willkommengruß in Sofia beehrte der Fürst den Großrabbiner mit folgender, in französischer Sprache gehaltenen Anrede: ״Herr Großrabbiner! Wollen Sie der israelitischen Bevölkerung, deren trefflicher Dolmetsch Sie gewesen, meinen Dank übermitteln. Ich bin von der Treue und dem Patriotismus der Israeliten meines Fürstentums überzeugt Ich war und werde stets ein Beschützer der Israeliten meines Landes sein/' * b Der junge Khedive von Cgypten hat seit seiner Thronbesteigung als Vize-König viele Beweise seiner Zu- Neigung für die Juden im allgemeinen und für einzelne Personen in Alexandrien und Cairo im besonder!! gegeben. Viele Inden sind tägliche Gäste im Palast des Khediven. * Amerikanische Blätter bringen die Predigt eines besonders judenfreundlichen Priesters in St. Louis. In derselben heißt es unter anderem: Der Christ ist ein Jude seiner Religion nach und die meisten Juden sind viel bessere Christen als Millionen, de diesen Namen tragen. Juden und Christen glauben und fühlen gleich in religiösen' Dingen, mit Ausnahme kleiner Verschiedenheiten, und der Antisemitismus ist daher die unsinnigste, verdammenswerteste Be-! wegnng dieses Jahrhunderts.

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