Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 26 (30.6.1893)
- Date
- 1893-06-30
- Page
- Seite 411 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 26. ^Jeschurun. Seite 411. * Am I I. Juni d. I. versammelten sich die Lehrer des Rabbinatbezirks Bühl unter dem Vorsitze des Bezirks- Rabbiners Dr. Mayer in Baden-Baden zur diesjährigen Konferenz. Nach einer Begrüßungsansprache des Herrn Hofmann-Baden, und einigen geschäftlichen Bemerkungen des Vorsitzenden erhielt ersterer das Wort zu seinem Vortrage über „Vorschläge zur Erweckung des religiösen Gefühls bei der isr. Jugend." Vortragender schilderte die religiöse Gleichgültigkeit unserer Zeit ganz besonders unter der studierenden Jugend und sprach den Wunsch aus, daß die isr. Schüler der Mittelschulen und Gymnasien nicht nur im volksschulpflichtigen Alter, sondern auch analog den andern Konfessionen bis zu ihrer Entlassung Religionsunterricht erhalten sollten. (Ist zwar tn Baden teilweise durchgeführt.) Ferner verlangt Referent, daß vom 12. Lebensjahr ab der Religionsunterricht sich hauptsächlich auf nachbiblische Geschichte und Sittenlehre beschränken solle. Diestr Antrag stieß aber in der Diskussion auf Widerspruch. Dr. Mayer betonte hierbei ganz besonders, daß der Unterricht in der hebräischen Sprache, Übersetzen der Gebete und des Pentateuchs, nicht nur nicht gekürzt, sondern womöglich noch erweitert werden, also Hauptunterrichtsgegenstand bleiben müsse. Nach Schluß vereinigte inan sich zu einem gemeinschaftlichen Essen. Dr. Mayer schilderte, anknüpfend an den Sabbatabschnitt die hohe Aufgabe des jüdischen Lehrers und Erziehers. Sein Hoch galt dem Lehrerstande. Hauptlehrer Jaeob Bühl feierte hierauf in einer Erwiderung den Konferenzvorsitzenden als Freund und Berater des Lehrers und schloß mit einem Hoch auf denselben. Als Ort für die nächstjährige Konferenz wurde Hörden im Murgthal bestimmt. Kleine Chronik. Bürgerliche Verhältnisse. * Nach Zusammenstellungen der „Köln. Ztg." über die Ergebnisse der Reichstags-Hauptwahl hat die Zahl der sozialdemokratischen Wähler um etwa 372000 Stimmen zugenommen, die der Antisemiten sich um 442500 Stimmen vermehrt, dagegen haben die Freisinnigen mindestens 214300 Stimmen eingebüßt. Daß den Antisemiten der Kamm riesig angeschwollen ist, darf nicht Wunder nehmen. Und so bemerkt denn der Agitationsverband dieser Partei in Norddeutschland in einem Aufruf zu Geldbeiträgen: „Der Antisemitismus hat die Probe, der er sich unterworfen, glänzend bestanden. Hocherfreulich sind die Erfolge die er erzielt hat, und sie sind um so erfreulicher, als sie mit den denkbar unzulänglichsten Mitteln erreicht worden sind. Die antisemitische Stimmenzahl ist bedeutend gewachsen, und sie wird immer wachsen: dem Antisemitismus gehört die Zukunft." — Vielleicht auch nicht. * Der Prozeß Paasch, der seit nunmehr bereits über Jahresfrist der Erledigung harrt, ist am vorigen Dienstag abermals auf längere Zeit verschoben worden. Während bei den früheren Terminen Paasch durch die weitgehendsten Zeugenvorladungen den Prozeß zu verschleppen suchte, um dann hinterher vor der antisemitischen Gefolgschaft zu behaupten, daß die Gerichte an der Verschleppung schuld seien, war diesmal der Angeklagte selbst nicht zur Stelle, und es kam die überraschende Meldung, daß er sich Verletzungen beigebracht habe, infolge deren er vernehmnngsunfähig sei. Angesichts des bisherigen Vorgehens Paasch's sprach der Staatsanwalt den Verdacht aus, daß es sich möglicherweise wieder um einen Verschleppungsversuch handeln kann und auf seinen Antrag wurde der gerichtliche Physikus mit der nochmaligen ärztlichen Untersuchung Paasch's betraut. Dieser gab das Gutachten ab, daß die Verletzungen, die sich Paasch beigebracht, seine Vernehmung nicht hindern würden, daß das ganze Wesen von Paasch aber den Eindruck mache, daß er an Verfolgungswahnsinn leide, also nicht zurechnungsfähig sei. Auf^ grund dieses Gutachtens beschloß der Gerichtshof, Paasch zur Beobachtung seines Geisteszustandes der Jrrenstation der Eharitee zu überweisen. — Daß wir den Träumer Paasch fortgesetzt als wahnsinnig bezeichnet haben, werden unsere Leser sich zu erinnern wissen. * Daß Herr L. von Svnnenberg auch Poet ist, ist weit und breit unbekannt. Er hat aber einen Band „Gedichte" bei Th. Fritsch in Leipzig veröffentlicht, über^welche die antisemitische „Tägl Rundschau" u. a. das Urteil fällt: „Als Poet gehört er zu dem Kreise, der durch Scheffel und Baumbach bezeichnet wird. Aber auch der Einfluß Heines ist in mehr als einem der Lieder erkennbar, und zwar nicht in den schlechtesten; eine Thatsache, die immerhin den einseitigen Verlästerern Heines zu denken geben sollte." - Die lyrischen Schutzpatrone des Antisemitenhäuptlings sind also Scheffel, der Deutschland vor dem Rassenhaß bewahrt wissen will, Baumbach, der den Antisemitismus für pöbelhaft erklärt hat, und Heinrich Heine, der Jude, der Undeutsche, der Vaterlandsverrüter . . . Germania, verhülle dein Haupt, Liebermann von Sonnenberg, die Säule des Deutschtums, ist gefallen! * mh. Man schreibt uns aus Jastrow: Nachfolgend übersende Ihnen die wörtliche Abschrift eines Ahlwardtschen Flugblattes, das in Hunderten, vielleicht tausenden von Exemplaren im Neustettiner Wahlkreise verbreitet ist. Der Wert des jüdischen Eides. ,,^rau keinem Fuchs auf grüner Haid, 'Noch einem Jnd auf seinen Eid." (Dr. Martin Luther.) Durch dieses Blatt soll das deutsche Volk über eines der wichtigsten Gebete der Juden aufgeklärt werden. Aus demselben ergießt sich selbst für diejenigen, der den Juden freundlich gesinnt gegenübersteht, die innere Notwendigkeit, nun end'ich bei sich Einkehr zu halten und nachzudenken über den unheilvollen Einfluß, den das jüdische Volk auf das Germanentum auszuüben imstande ist. Am Versöhnungsfeste, Jom Kipur genannt, das als heiligstes Fest selbst bei den weniger gläubigen Juden in der ganzen Welt gefeiert wird, beten die Juden folgendes Gebet, genannt Kol Nidre, das in allen jüdischen Gebetbüchern der Welt in hebräischer Sprache zu finden ist. Dieses den Juden heiligste Gebet leitet die Feier des Versöhnungsfestes ein. Es lautet im hebräischen Urtext und in deutscher Übersetzung folgendermaßen: (folgt vyi} mit nebenstehender deutscher Übersetzung, beides wortqet-eu nach dem Machsor von S. G. Stern, Wien 1889) Ein Volk, das nicht allein die Schwüre, die es geleistet hat, sondern auch diejenigen, die es im Zeiträume von einem Versöhnungstage zum andern leisten wird, für nicht bindend erklärt, kann wohl gemeingefährlicher und verderbter