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Jeschurun · 1893-06-30 · 26 (30.6.1893) · p. Seite 409

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
26 (30.6.1893)
Date
1893-06-30
Page
Seite 409 (sequence 7)
Language
German
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Seite 409 r Nr. 26. -s^ I e s ch u in ihren Tiefen Quellen sich sammelt, aus den Wolken hernieder und eilt in Bächen, Flüssen und Strömen dem Meere zu, um immer wieder seinen Kreislauf auf's neue zu beginnen. — Nun deckte sich der Tisch für zahllose Speisende, die da kommen werden. Die Keime, die Gott in die Erde hineingelegt hatte, brachen hervor und auf Gottes Befehl sproßte es überall und Gras und Pflanzen und Bäume allerlei Art deckten die Erde und in jeden Grashalm und jede Pflanze und in jeden Baum wurde die Kraft hineingelegt, Samen hinauszustrenen und immer neu aus der Erde hervorzuwachsen. Und so oft mit jedem Frühjahre alles sprießt und wächst, rufen wir sodann: „Du, o Herr! sendest deinen Geist und verjüngst die Gestalt der Erde." Durch den sich immer mehr klärenden Lust- — und Dunstkreis brach nunmehr die Sonne und das Heer der leuchtenden Himmelskörper hervor; sie waren auf Gottes Befehl die Lichtkörper geworden, an welche das Licht gebunden wurde, welches zuerst die Erde durchdrang. So schuf Gott die^ beiden großen Lichter, die Sonne und den Mond und auch Sterne, daß sie leuchten am Tage und in der Nacht und daß sie durch ihren periodischen regelmäßigen Laus als Mittel dienen zur Bestimmung der Zeiten, Tage und Wochen. Sie sind eine Gottesschrift die „ohne Rede und ohne Worte" vom Himmel herab dem Menschen die Größe Gottes künden, die aber zugleich den Menschen Bescheidenheit lehrt, denn, „wenn ich deine Himmel sehe, das Werk deiner Hände, Mond und Sterne, die du eingerichtet, was ist dann der Mensch, daß du sein gedenkst und der Erdensohn, daß du auf ihn stehst?" Das Wasser begann jetzt durch Gottes Wort zu wimmeln von unzähligen Wesen. Die Lüfte füllten sich mit Geflügel aller Art; der erste Vogel stieg jubilierend zum Himmel empor, der erste Laut wurde in der Schöpfung vernommen und Gott segnete die Fische im Wasser und die Vögel in der Luft und sprach: „Seid fruchtbar, mehret euch und füllet das Wasser und die Luft." Jetzt erst bedeckte sich die Erde auf Gottes Geheiß mit tausendgestaltigem und mannigfaltigem Getier, das sich der Lust, des Lichtes und der Nahrung sreuete, die es im Überflüsse vorfand; auch die höheren Arten der Tierwelt rief nun Gott ins Dasein und jedem Geschaffenen gab nun Gott Gesetz und Regel, daß keines seine Ausgabe verfehle." Aber das Wesen, welches ein Abbild Gottes ist, der Mensch, den Gott bestellt hat, daß er über alles Erschaffene herrsche, fehlte noch. Darum sprach Gott: „Wir wollen einen Menschen machen in unserem Ebenbilde und Gleichnisse, daß er herrsche über die Vögel unterm Himmel, über den Fisch im Wasser und über die Tiere des Landes." Und Gott bildete den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm ein von seinem Hauche, ver ihm zum Lebenshauche wurde und bestellte ihn, daß er herrsche über die Natur und ihre Kräfte, über die Erde und ihre Schütze, sowie über alle Schöpfungen daß er aber diese Herrschaft übe im Ebenbilde und Gleichnisse Gottes und selbst Gott immer unterwürfig bleibe. — Die Schöpfung des Menschen zeichnete sich von der aller übrigen Wesen der Erde aus. Während Gott die anderen Wesen der Erde durch die Worte ins Dasein rief: „Die Erde bringe hervor" und damit als vollständiges Erzeugnis der Erde kennzeichnete bildete Gott den Menschen unmittelbar und gestaltete ihn durch den göttlichen Lebenshauch zu einem gottentstammten, in der Ähnlichkeit mit ihm geschaffenen Wesen. In ihm vereinigte mt. Gott den Himmel und die Erde, das Irdische und Göttliche zu einem wunderbaren Gebilde. Das Irdische ist in dem Menschen verklärt, durch den göttlichen Hauch, den Gott ihm verliehen hat und das Göttliche tritt in dem Menschen in die Erscheinung hinaus durch den irdischen Körper in dem der göttliche Geist sich offenbart. Der Mensch ist darum äußerlich schon ausgezeichnet, er gehl aufrecht, damit er mit einem Blicke die Schöpfung überschaue; er hat die Hand, durch welche er die Natur nach seinem Willen formt und bildet; er hat die Sprache, diese reinste Schöpfung des Geistes, damit er seine Gedanken dem Nebenmenschen mitteile. Sein göttlich und darum köstliches Teil ist der Geist, in welchem die Macht des Menschen liegt und durch den er die ganze Natur bezwingt. Mit der Schöpfung des Menschen war das Werk der Schöpfung vollendet. Und es war Abend und es war Morgen der sechste Tag. Gott übersah nun das Werk der Schöpfung und „siehe es war sehr gut", und sogar das, meinen die Lehrer des Talmuds, was der Mensch als das Schlimmste erachtet, der Tod, denn durch den Tod, durch das fortdauernde Werden, Vergehen und Neuwerden ist der Schöpfnng eine fortdauernde Jugend gesichert. Gott setzte nun den siebenten Tag zum Ruhetage ein und segnete ihn und heiligte ihn; er segnete ihn durch den Seelenfrieden und die Heiterkeit, welche die Feier des Sabbats uns schenkt, und heiligte ihn durch die Ruhe von der Arbeit, durch die wir erst Herren unseres Besitzes werden, denn ohne die Feier dieses heiligen Tages würde der Mensch kort und fort arbeiten und nicht der Herr, sondern der Sklave seines Besitzers sein. Klar und schlicht beantwortet die Schöpfungsgeschichte die Frage, welche die Denker aller Zeiten beschäftigt hat, die Frage nach dem Ursprünge aller Dinge, indem sie erzählt, daß „durch das Wort des Herrn die Himmel sind entstanden und durch seines Mundes Hauch alles, was den Weltenraum füllt". Und damit war das Heidentum und seine verderbliche Anschauung überwunden. Den Heiden fiel Gott und Natur zusammen, sie dachten sich Gott und die Natur ebenso unzertrennlich verbunden, wie der menschliche Geist mit dem menschlichen Leibe verbunden ist. Darum hatten sie so viele Götter, wie die Natur Kräfte hat, verehrten sie in Geschöpfen mit unreinen Trieben und sinnlichen Neigungen ihre Götter und nahm ihre Religion einen sinnlichen Charakter an, der wenig Raum für die Gebote der Sittlichkeit ließ. Die Schöpfungsgeschichte, wie die heilige Schrift sie erzählt, lehrt, daß „am Anfänge Gott Himmel und Erde erschaffen," daß Gott der Schöpfer, die Welt sein Werk sei, daß die Welt erst geworden, während Gott von Ewigkeit an gewesen ist. Einer heidnischen Anschauung treten auch die Lehrer des Talmuds entgegen, indem sie uns die Sage überliefern: die Welt sei in dem Herbstmonate Tischri erschaffen worden. Die heidnische Anschauung setzt das goldene Zeitalter in die älteste Zeit und läßt auf dasselbe eine immer zunehmende Verschlechterung der Menschheit folgen, die heilige Schrift verlegt das goldene Zeitalter in die Zukunft und glaubt an eine fortschreitende Veredlung der Menschen. Demgemäß denken sich die Lehrer des Talmuds die Welt im Herbste erschaffen, denn wie sich die Menschen durch die Rauheit des Herbstes und Strenge des Winters zu den schönen Tagen des Frühlings hindurchai beiten müssen, so können die gepriesenen Tage der Zukunft, die wir die messiauische nennen, nur durch die Arbeit der

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