Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 26 (30.6.1893)
- Date
- 1893-06-30
- Page
- Seite 406 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 406. Nr. 26. I e s ch u r u n. genommen hat auch nur einen einzigen andern Punkt des zionistischen Programms, resp. seiner Motivierung, zu widerlegen.*) Wir nehmen an, Herrn Lemberger sei der Beweis in bezug auf die Nutzlosigkeit diplomatischen Schutzes vollkommen gelungen. Was weiter, nachdem er sonst keinen andern der von mir angeführten Vorteile einer zionistischen Lösung der Judenfrage entkräftet, ja nicht einmal in Erwähnung gebracht hat?! Noch immer bleibt diese Art der Lösung aus vielfachen Gründen wünschenswert, ja einzig möglich. Ich will hier nicht wiederholen, man lese gütigst in meinem Artikel nach. Herr Lemberger weiß den größten Teil des ihm für seine „Entgegnung" zu Gebote stehenden Raumes besser auszufüllen, als mit langweiligen Gegengründen. Davon nicht ein einziges, winziges Fleckchen, nicht eine einzige grüne Oase; soweit der ästhetische und ethische Blick auch reicht, nichts als eine trostlose Wüste von Verdächtigung, Beleidigung und Herabsetzung von Personen. Sein erstes Opfer ist ein Toter, der hebr. Schriftsteller Peter Smolensky. Für die Beschimpfung dieses Mannes, der, ein Märtyrer seiner Ideen, jung noch verstarb, — fehlt mir der bezeichnende Ausdruck. Oder soll ich versuchen, Herrn Lemberger zu belehren? Eitle Mähe! Jedes seiner Worte verrät den unverbesserlich protzigen Bourgeois, der keine blasse Ahnung von den Kämpfen des Genie mit der gemeinen Wirklichkeit und wirklichen Gemeinheit hat; der Ideen „erfinden" läßt, weil er selbst als gutsituierter Bürger nicht nötig hat, nach abenteuerlichem Ersinderruhm zu streben. Herr Lemberger wendet dann seine Aufmerksamkeit meiner Wenigkeit zu. Ob ich Führer des Zionismus in Österreich bin, weiß ich nicht, aber als Hauptagitator desselben werde ich allgemein betrachtet, und so meint wohl Her Lemberger mich, indem er üüii dem „Führer und Hauptagitator des Zionismus in Österreich" redet. Er spricht mir die Eignung znm Führer ab, weil ich „schon vielfach das Zeremonialgesetz übertreten habe" und „auf den: Gebiete der jüdischen Litteratur ein wirklicher Laie bin " Was das erste Moment betrisst, so kann seine Geltendmachung von einem Manne nicht Wunder nehmen, der „solange den Zionismus als eine heuchlerische Spekulation" betrachtet, „solange ihm nicht bewiesen wird, daß die Zionisten in Österreich wirkliche, rechte und glaubenstreue Juden sind, die weder das Zeremonialgesetz verletzen, noch sonst mit den Satzungen des Judentums tausendfach in Kollision geraten." Herrn Lemberger ist eben das Charakteristische unserer zionistischen Partei nicht klar, daß sie sich in den Kampf der religiösen Meinungen nicht mischen darf, vielmehr in Berücksichtigung der augenblicklich drohenden Gefahr materiellen und sittlichen Verkommens unseres Volkes über den religiösen Parteien stehen, sie alle zum Existenzkampf einigen will Demgemäß giebt es streng orthodoxe und sreigeistige Zionisten. Unsere Sache ist eine weltliche und keine geistliche; die religiöse Überzeugung ist in unseren Reihen Privatsache, und ich fühle mich daher auch gar nicht benötigt, Herrn Lemberger über meine religiöse Überzeugung Rede und Antwort zu stehen; höchstens kann ich meiner Verwunderung Ausdruck geben, daß Herr Lemberger, den ich zu kennen nicht**) das zweifel- *) Er hat freilich nicht einmal die zweite Hälfte meines Artikels abgewartet, um loszngehen. **) Vielleicht doch, denn „Lemberger" ist ein Pseudonym. — Die Red. hafte Vergnügen habe, angeblich so gut von meinem religiösen Verhalten unterrichtet ist. Auch das kann ich mir nicht versagen, zu erwähnen, daß das nichtnationale Judentum, besonders, wenn es sich um Führung in weltlichen Angelegenheiten handelt, ohne Gewissensskrupel Männern folgt, gegen die ich in „zeremonialgesetzlicher" Beziehm g sicherlich die Unschuld selbst bin; das gilt auch von orthodoxen Nichtzionisten, welche sich in der Mehrzahl der Fälle keinen Augenblick überlegen, jüdischen Tagesgötzen, die in ihrem Leben noch kein einziges Zeremonialgesetz beobachteten, zu huldigen. Das zweite Geschoß des Herrn Lemberger gegen meine Wenigkeit ist schon massiverer Natur. Es mag ja sein, daß ich die von ihm mit mir anzustellende Prüfung in sämtlichen Fächern eines Rabbinerseminars nicht zu seiner vollen Zufriedenheit bestehen würde; — aber die eine Versicherung möge er entgegcnnehmen: Ich tausche mein jüdisches Wissen gegen das seinige nicht ein. Es wurde mir von berufenerer «Leite, als Herr Lemberger ist, bestätigt, daß ich für den hebräischen Sprach- und für den jüdischen Volksgeist ein feines Verständnis besitze, — und mehr braucht man doch wohl nicht, um Führer einer weltlich-jüdischen Partei sein zu dürfen. Was beweist übrigens die von Herrn Lemberger gegen mich erhobene Beschuldigung der Unwissenheit, selbst wenn sie mit Recht gegen mich resp. mein Führertum erhoben wäre, wider die Sache selbst? Doch nur soviel, daß sich die Zionisten einen ungeeigneten Führer ausgesucht haben; jedenfalls nicht, daß der Zionismus schlecht ist. Oder vielleiht doch? „Wären eben die österreichischen Zionisten," — sagt Herr Lemberger — mit der jüdischen Wissenschaft auf gutem Fuße, so würden sie einsehen, daß die Juden seit der Zerstörung Jerusalems ihre nationalen Attribute verloren haben, daß die Juden nichts mehr und nichts weniger als eine Glaubensgenossenschaft bilden u. s. w." Ei, das hat Herr Lemberger sehr klug angestellt, daß er urplötzlich für den Begriff „Zionisten" den Begriff „österreichische Zionisten" substituiert. Was geschieht nun, wenn wir Nachweisen, daß selbst unter diesen ein größerer Prozentsatz jüdisches Wissen hat, als unter den nichtzionistischen österreichischen Juden? Was aber erst, wenn wir die „Unwissenheit" der österr. Zionisten des Spaßes halber zugeben und nur Nachweisen, daß z. B. die russischen Zionisten auf gutem Fuße mit der jüdischen Wissenschaft stehen. Brauchen wir das überhaupt noch zu beweisen? Ist es nötig, einer wissenschaftlichen Null von der Art des Herrn Lemberger*) gegenüber, die notorische Thatsache hervorzuheben, daß in Rußland eine großartige neuhebräische Litteratur, bearbeitet von mehr oder weniger freigeistigen Zionisten, sich entfaltet, und unübertreffliche Talmudschulen, geleitet von zionistisch gesinnten strenggläubigen Rabbinen, wahren gone hador, blühen? Nun wackelt doch der Schluß des Herrn Lemberger, da ja der österreichische Zionismus gleiche Ziele mit dem russischen hat. Entweder besteht die von Herrn Lemberger beliebte Relation zwischen jüdischem Wissen und der Ansicht über das Nationsein der Juden nicht, dann hat sich Herr Lemberger eben geirrt, oder sie besteht, dann muß er die russischen Zionisten als in jüdischem Wissen wenig unterrichtet bezeichnen. Ich habe von der Kühnheit des Herrn Lemberger *) Na,! an Herr „Lemberger" ist ein bekannter Privat-G e le h r t er in Wien. — Die Red.