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Jeschurun · 1893-06-30 · 26 (30.6.1893) · p. Seite 405

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
26 (30.6.1893)
Date
1893-06-30
Page
Seite 405 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 26 Seile 405. » | f ( df u r u n. «■ Religionsunterricht in den Schulen, wenn er nicht im Geiste der Liebe und im Geiste des uralten Christentums erteilt wird. Das sind nach unserer Meinung zwei Medikamente gegen den Antisemitismus. Sie sind gleichsam Hausmittel, deren heilende Wirkung nicht ausbleiben kann, Der Staat und die Kirche, die physische Macht der Regierung und die geistige Autorität des Christentums, müssen sich vereinen zu diesem großen, guten und gewiß gottgefälligen Werke, um den Antisemitismus unschädlich zu machen. Nicht von einer neuen Religion, wie sie Professor Lombroso vorschlägt, ist das ^eil zn erwarten, sondern von der alten in ihrer Ursprünglichkeit, unterstützt von der Gewalt des Staates. Die „drei Wochen." Von X. Ans den Ruinen einer großartigen Vergangenheit sitzt Israel seit achtzehn Jahrhunderten und trauert, besonders in diesen „drei Wochen" zwischen dem 17. Tag in Tamus und dem 9 Tag in Ab. Es hat geklagt, geweint gejammert, seine Trauerlieder könnten Steine erweichen, aber es hat nie die Herzen der Volker bewegt, die Geister sind kalt geblieben, Hohn, Spott und Verfolgung statt Mitleid und Mitgefühl, Steine statt Brot, das war das Echo aller Trauerlieder und schmerzensreicher Klage. Nun hat das arme Volk seit einigen Jahren zu trauern aufgehört, weil es schien, daß die Sonne der Freiheit, des Rechtes und der Humanität durch die Wolken breche und einen hellen wonnigen Tag der leidenden Menschheit verkünde. Da krochen die armen Leute heraus aus ihren niedrigen, dumpfen Hütten und atmeten freie Luft und labten sich am Sonnenglanz und gaben sich der schönen Hoffnung hin, das kranke Herz wird genesen, die verkrüppelten Glieder werden sich strecken, der Jude wird unter Menschen Mensch sein dürfen. Rasch war der schöne Traum zerflossen. Als wäre die Bosheit und die Ungerechtigkeit der Menschen unerschöpflich, als wäre die Dummheit und Schlechtigkeit der in Rassen und Klassen zefetzten, von Wahn und Aberglauben durchfressenen Menschheit unverwüstlich und unverbesserlich, bricht die Schmach, das Unheil, die Tollwut roher Horden und vertierter Führer über das Haupt des gehetzten Volkes herein, und es toben die Stürme wie vor Jahrhunderten, derselbe Spott und Hohn, wie ehedem, dieselben Fußtritte für die Armen wie zu allen Zeiten. Jetzt wollen wir nicht länger jammernd im Staube sitzen, nicht länger Klagelieder anstimmen, jetzt wollen wir uns erheben und vom Standpunkte des Rechtes und der Verminst mit der Welt kämpfen und rechten. Die Erlösung Israels kann nur durch die Erlösung der Menschheit aus den Banden der Dummheit und Unwissenheit errungen werden. Der allgemeine Sieg der Freiheit und der Gerechtigkeit, der Vernunft und der Humanität ist der einzige Messias, der dieses Volk, der alle Völker erlösen kann. Die Vergangenheit beweinen, die Gegenwart beklagen führt zu keinem Ziele. Für die Zukunft streiten kann zum Siege führen. Unsere Väter haben die Mission übernommen, für Licht und Wahrheit, für Recht und Vernunft zu kämpfen, und sie haben wacker gekämpft und manchen Sieg errungen. Mit dem Dulden und Klagen sind wir auf falsche Bahnen geraten, sind von unserer Mission abgekommen, sind furchtsam und feige geworden. i Wir wollen nicht länger weinen, kämpfen sollen und wollen j wir mit allen uns zu Gebote stehenden Waffen, kämpfen i gegen Wahn und Unvernunft, gegen Unrecht und Bosheit; kämpfen und nicht klagen, handeln und nicht dulden, an der Spitze oder an der Seite aller guten Menschen wollen wir dem Fluge der Menschheit entgegentreten, und nicht in abgeschlossenen Betstnben trauern. Statt drei Trauerwochen wollen wir fünfzig Wochen der That in den Kalender schreiben, statt Klagelieder wollen wir Kampfgesänge für Gott und W.chrheit anstimmen! Meine Antwort. Von Di-. Nathan Birnbaum. Wien, 18. Juni. Mit steigender Verwunderung las ich den in No. 24 dieses gesch Blattes enthaltenen Aufsatz eines Herrn Robert Lemberger aus Wien, — auf meine, wie mir doch jeder zngestehen wird, streng sachlichen Ausführungen eine recht aniinose, überaus persönliche Antwort. Trotz eifrigsten Suchens konnte ich darin nur eine einzige sachliche Erwiderung, einen einzigen Punkt des zionistischen Programmes entdecken. Herr Lemberger führt nämlich die argbehandelten Protestanten in den baltischen Provinzen des russischen Reiches und die unterjochten Katholiken Englands als Beweis dafür an, daß auch glaubensverwandte Potentaten, Gesandte und Konsulate nichts helfen können, wenn in irgend einem Staate ihre Konfession vergewaltigt wird. Gegenüber dieser Ausführung will ich mich hauptsächlich auf den Beweis beschränken, daß der diplomatische Schutz, welcher von einem nationalen Zentrum ausgeht, natürlich nicht als ein absoluter nnd in jedem Augenblicke nach allen Richtungen hin wirksamer gedacht werden kann, aber in der That ein relativ sehr wertvoller und nimmer versage der ist. Die Wichtigkeit des Bestandes eines Deutschen Reiches für die baltischen Deutschen, — ich bleibe bei dem Beispiele des Herrn Lemberger, ohne seine etwas seltsame Hervorkehrung des konfessionellen Momentes zu aeeeptieren, — ist nur für den Augenblick verdunkelt. Es wird wohl schon die Zeit und Gelegenheit kommen, wo sie zu Tage tritt. Und, — würde es vielleicht den baltischen Deutschen nicht noch ärger gehen, wenn kein Denschland da wäre? Besteht denn nicht noch ein himmelweiter Unterschied zwischen der Art, wie Rußland seine Deutschen nnd wie es seine Polen oder gar Juden behandelt? Und überhaupt, kann man nicht gegenüber diesem einen oder noch einem zweiten und dritten Falle, in welchen der diplomatische Schutz in seinen Wirkungen verblaßt, aus allen Zeiten und Ländern hunderte Beispiele für sein eminent wohlthätiges Watten anführen? Dort, wo dies für eine gewisse Zeit nicht der Fall ist, werden es wohl Machtgründe sein, welche dies bewirken; unsere diplomatisch nicht geschützten Inden müssen sich aber selbst von einem Rumänien alles gefallen lassen. — Kurz und gut, es ist geradezu lächerlich, an der bisher von niemandem als Herrn Lemberger bestrittenen Wahrheit, daß es für ein Volk nützlich ist, eine Stimme im Rate der Völker zn besitzen, zu zweifeln. Nun aber will ich, ohne auf die Herrn Lemberger gelegentlich der eben besprochenen Einwendung unterlaufenen Sonderbarkeiten und Unhöflichkeiten näher einzugehen, ausdrücklich konstatieren, daß dieser Herr sich nicht die Mühe

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