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Jeschurun · 1893-06-30 · 26 (30.6.1893) · p. Seite 404

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
26 (30.6.1893)
Date
1893-06-30
Page
Seite 404 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 26. Seite 404. 3 s f dj u r u m r<~ würde, ist nur unter dem Borwande des „Überwucherns" der Juden im Advokaten-Beruf ausgeheckt und wird, wenn zum Gesetze erhoben, vornehmlich gegen die Juden angewendet werden. Die jüdischen Advokaten, obwohl sonst nicht besonders von jüdischer Solidarität beseelt, haben diesmal alle gegen die Vorlage gestimmt, blieben aber in der Minorität. Das „Überwuchern" der Inden im Advokatenstande hat in Galizien, wie überall, seinen Grund darin, daß den jüdischen Studenten außer dem ärztlichen Berufe nur noch die Advokatur offen steht, da ihnen der Weg zu jedem Amte, welches ein akademisches Studium erfordert, verschlossen ist. Der Plan eines numerus clausus für den Advokatenberuf, der von der polnischen „patriotischen" Presse mit Jubel begrüßt wurde, hat unter der studierenden jüdischen Jugend eine tiefe Verstimmung hervorgeruseu. Und auch aus dem Ungarland tiifft eine unangenehme Nachricht ein. „Magyar Allam" veröffentlicht nämlich ein Memorandum der ungarischen Bischöfe an den Papst vom 3. März, welches seither unbekannt war. Dasselbe ist schärfer gehalten, als das im „Jeschurun" s. Z. wiebergegebene Memorandum an den König. Die Bischöfe verwerfen unter anderm die Judenrezeption, weil der Übertritt zum Judentum dogmatisch unerlaubt sei. Auf die Rezeption der Juden übergehend, wird sodann darauf verwiesen, daß die Juden seit dem Jahre 1368 die gleichen politischen Rechte mit den Christen besitzen. Nicht so bezüglich der die Religion betreffenden Rechte. Das Memorandum zählt die Rechte, welche die Religion betreffen auf, in welchen Die Juden nicht mit der christlichen Religion gleichgestellt sind, und daun heißt es: „Wenn die Juden auch in dieser Beziehung durch die Rezeption i den Katholiken gleichgestellt werden sollten, so dürfte in i erster Reihe ein Christ Jude werden, wodurch die weltliche Macht leugnen würde, daß das Christentum einen idealen Charakter dem Menschen aufdrücke. Es würde dadurch ausgesprochen, daß zwischen Christentum und Judentum gar kein Unterschied bestehe. Daraus gehe hervor, daß man die Rezeption der Juden in diesem Sinne nicht acceptieren könne." — Ob der Papst an zuständiger Stelle interveniert habe, darüber verlautet bisher nichts. Cesare Lombroso und der Antisemitismus. Von Dr. Ad. Jellmek. Baden bei Wien, 13. Jnni. Als wir in der „N. Fr. Presse" vom 11. Jnni die Überschrift des zweiten Leitartikels „Der Antisemitismus. Von Cesare Lombroso" lasen, waren unsere Erwartungen hoch gespannt. Professor Cesare Lombroso ist einer der berühmtesten Vertreter der Psychiatrie in unserer Zeit, welcher die Resultate seiner Forschungen im Strafrecht praktisch zur Geltung bringen will. Von einem solchen Manne konnte man erwarten, daß er den Ursprung der antisemitischen Krankheit, ihren Fortgang und ihre Heilung nickt wie ein Publizist, sondern wie ein erfahrener Arzt behandeln wird. Denn in der That gehört der Antisemitismus in den Hörsaal der Psychiatrie, wo über die Verwirrungen des menschlichen Geistes wissenschaftliche Vorträge gehalten werden. Wir wurden aber enttäuscht! Das Resultat seiner Prüfung und Erörterung ist das Bekenntnis der Ohnmacht. Er schlägt nämlich die Vereinigung von gebildeten, geistig bevorzugten Israeliten und Christen zur Verschmelzung ihrer Religionen zu einer neuen Religion vor, und bezeichnet selbst diesen Vorschlag als eine Utopie, zu deren Verwirklichung noch nicht einmal die ersten Anzeichen sichtbar sind. Wir aber erlauben uns anderer Meinung zu sein und es für möglich zu halten, den Antisemitismus wirksam zu bekämpfen und unschädlich zu machen. Der Gebrauch des ersten Mittels hängt von den Regierungen ab. Sie dürfen es nimmermehr zulassen, daß die bürgerliche Stellung, das Recht, die Ehre und der Name der Juden von antisemitischem Raubgesindel in öffentlichen Versammlungen, in Vereinen, in Journalen und Flugblättern angegriffen werden. So wenig sie böswillige und gemeine Agitationen gegen irgend einen nichtjüdischen Teil der Staatsbürger dulden würden, ebenso wenig dürfen sie einem dolos far niente huldigen, wenn es sich um die Ruhe und Sicherheit der Juden handelt. Offen und unziveideiltig müsseri sie öffentlich gegen den Antisemitismus Front machen | und ihn als verderblich, staatsgefährlich und unsittlich ver-; dämmen. Dies geschah in Ungarn. Dort haben verschiedene j Minister ihr Verdikt über den Antisemitismus ausgesprochen,! und er ist vom ungarischen Kriegsschauplätze verschwunden.! In England und in Italien hat der Antisemitismus auch j nicht eine handbreit Boden gefunden. Denn dort gehen i die Regierungen mit dem guten Beispiele voran, daß sie weder im Heere noch ini Staatsdienste einen Unterschied der Konfession kennen. Der König von Italien, die Königin von England und der Prinz von Wales haben zu wiederholten Malen ihre Völker durch ihr eigenes Beispiel über die Rechtsgleichheit der Staatsbürger belehrt. Auch in den Parlamenten müssen die Präsidenten ihres Amtes streng und gerecht walten und nicht zulassen, daß gemeine, antisemitische Subjekte durch Reden und Zwischenrufe die jüdischen Staatsangehörigen beschmutzen. Die parlamentarische Redefreiheit hat ihre Grenzen: sie darf nicht in Schmähungen und Bedrohungen ausarten. Über das zweite Mittel gegen den Antisemitismus verfügt d e Kirche. Das echte, unverfälschte, uralte Christentum belegt das antisemitische Wühlen und Wüten mit dem Banne. Ein echter Christ kann kein Antisemit sein. Die Apostel, welche aus der Mitte des Judentums hervorgegangen sind, haben doch nicht eine Religions-Lehre verbreitet, um die Juden in antisemitischer Weise zu bedrängen und zu bedrohen und den jüdischen Stamm, aus dessen Mitte Christus hervorgegangen ist, zu schmähen, zu verlästern und ihm jede gute Seite abzusprechen. Auf den christlichen Kanzeln muß mit der Autorität der Kirche und durch die Macht des lebendigen Wortes der Antisemitismus als durch und durch sündhaft und antichristlich gebiandmarkt werden. Es darf keine Hetzkapläne geben. Jeder Hetzkaplan verleugnet Christus, steht nickt im Dienste der Kirche und gehört nicht vor den Altar. In den christlichen Religionsschulen muß die Heranwachsende Jugend eindringlich belehrt werden, daß die geschichtliche Darstellung des neuen Testamentes keinem Christen Haß und Lieblosigkeit gegen die Juden unserer Zeit einflößen darf, und daß jeder echte Christ seine jüdischen Mitbürger als seine Mitmenschen oder Nächsten betrachten und sie wie sich selbst lieben soll. Denn eine Hauptquelle der fortdauernden Vorurteile gegen die Juden fließt aus dem

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