Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 26 (30.6.1893)
- Date
- 1893-06-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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1898* Nr. 26. Tilsit, den 30. Juni. M» -m Erscheint an jedem Freitag. Zu beziehen durch die Post, die Expedition und alle Buchhandlungen des In- und Auslandes. mm Herausgeber: A. Kevin in Tilsit. Preis vierteljährlich 2 Mark. Anzeigen die viergespaltene Petitzeile 20 Pfg. Beilagengebühr nach Übereinkunft. Anhalt: Wochenübersicht. Cesare Lombroso. Von Oberrabb Dr. Jellinek sWien^I Die „Drei Wochen " Von £. Meine Antwort. Von Chefred. Dr. Birnbaum sWierZ Ackerbau und Handwerk unter den Juden. II. Von Provinzialrabb. Dr. Munk fMarburg^I Die biblischen Erzählungen. Von Rabb. Dr. Bäck sLissa^I Protokoll des Vereins Mitteldeutschland. Kleine Chronik. Der Zukunftftaat der Antisemiten. Von S. N. Margulies [Sii&ecf] Maimonides. Von Landrabb. Dr. Dessauer sMeiningeui Aphorismen. Von W. Frank sWesterburg^I Lose Blätter. — Wochenkalender. - Anzeigen. Wolhkliiibkrjlltzt. * Die in den letzten Tagen vollzogenen Stichwahlen haben das gehalten, was die Hauptwahlen zum deutschen Reichstage versprachen. „Besiegt und geschlagen das tapfere Heer," das unverzagt für uns Juden einzutreten pflegte; die Partei Rickert kann kaum noch eine „Partei" genannt werden; sie wird schwerlich auf die zur Bildung einer Fraktion erforderlichen, fünfzehn Mandate bringen, und auch die Gruppe Richter ist in der Hitze des Wahlkampfes unheimlich zusammengeschmolzen. Gewonnen haben in dieser Wahlkampagne nur die Sozialisten und Antisemiten. Zwar ist Herr Stöcker beseitigt, allein dafür sind seine kongenialen Genossen Ahlwardt, Werner und Zimmermann zweimal gewählt, und ziehen Böckel und Liebermann in Begleitung mancher neuen bassermanischantisemitischen Gestalten ungeschwächt und — ungebessert in das Parlament. Die „Kreuzzeitung" versucht die Wahlerfolge der Freunde zu ihrer Linken ein wenig abzuschwächen, indem sie darauf hiuweist, daß die Zunahme der antisemitischen Stimmen zum Teil auf Kosten der Konservativen erfolgt sei, allein diese Verkleinerung wird in leickt erkennbarer Absicht seitens des erzreaktionären Organs versucht, und darum dürfen wir uns durch die Auslassungen desselben nicht beirren lasten, sondern lieber von vornherein eiugeftehen, daß wir von dem buntscheckigen neuen Reichstage schwere Stunden erwarten. Besonders darf hierbei der Umstand nicht außer Acht gelassen werden, daß auch die konservative Partei als etwas ganz anderes zurückkehrt, als was man bisher unter ihr verstand. Sie hat bei dre Aufstellung der Kandidaturen bereits alle gemäßigten, gouvernementalen, nicht agrarischen Elemente, die bisher in ihr einen starken Flügel bildeten schon vorher beseitigt; und dieser Prozeß ist durch die Wahlen vollendet worden. Was jetzt als konservativ in den Reichstag einzieht, ist stramm agrarisch, antisemitisch, zur Opposition gegen die Regierung in Fragen der Wirtschafts- und Handelspolitik entschlossen. Diese Partei wird mit den Antisemiten, die ihnen in Sachsen die Mandate abgejagt haben, gut Freund sein und nachdem Herr Ahlwardt durch das Feuer einer zweiten Wahl gegangen ist, wird man selbst über diesen angenehmen Bundesgenossen milder denken. Schwere Tage, weilzwei neue schmerzlich fühlbare Beschräukungen, stehen auch den Juden Galiziens bevor; die eine betrifft die politischen Rechte, die zweite ist ökonomischer Natur. Bei den Wahlen zu den Gemeindevertretungen der Provinzstädte war bisher der zweite Wahlkörper, der ein Drittel der Gemeiuderäte zu wählen hat, den Handel- und Gewerbetreibenden Vorbehalten. Da dieser Stand meist von Juden vertreten wird, so hatten diese auch in dem genar.nteu Wahlkörper die Majorität und pflegten jüdische Kandidaten durchzubringen. Die Gemeindevertretungen waren auch die einzigen behördlichen Körperschaften im Lande, wo die jüdische Bevölkerung eine ihrer Anzahl annähernd entsprechende Vertretung fand. Nun soll das anders werden. Der Landesausschuß beschloß, alle kommunalen Beamten zweiten Ranges — natürlich beinahe ohne Ausnahme Nichtjuden — von der ersten Kurie, worin sie bisher wählten, in die zweite zu versetzen, ohne deshalb die auf die erste entfallende Anzahl der Gemeinderäte zu verringern, oder!die zweite zu vermehren. Nun verlieren die Juden, welche fernerhin auch in dieser Kurie in der Minderheit feilt werden, alle Aussicht auf eine entsprechende Vertretung im Gemeinderat, sie werden froh sein müssen, wenn sie es überhaupt dahin bringen, einen jüdischen Kandidaten durchzusetzen. Die zweite Beschränkung wird, wenn sie zu stände kommt, sich der jüdischen Jugend in besonders herber Weise fühlbar machen. Die Lemberger Advokaten-Kammer hat sich nämlich dem Beschlüsse eer antisemitischen Kollegen in Graz angeschlossen, bei der Regierung dahin zu wirken, daß ein numerus clausus für den Advokatenberuf eiugeführt werde. Das Ministerium Gautsch ist ähnlichen Beschränkungen nicht abgeneigt; außerdem wird die Frage diskutiert ob sich die Sache nicht auf dem Wege der Landesgesetzgebnng durchbringeu ließe. Wenn letzteres de'' Fall wäre, so kann man die Vorlage als "wreits zu Recht bestehend anseheu. Diese Beschränkung, welche die jüdische studierende Jugend hart treffen