Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 25 (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- Seite 399 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 25. | £ f dj haben, daß kein Jude, der Christ geworden, keine Jüdin, die Christin geworden, dieses Ghetto oder gar ein jüdisches Hans betreten dürfe, widrigenfalls dein Petroffenen oder der Betroffenen das Gefängnis oder die Galeere oder gar der Galgen drohe. Signor Beniamino, der selbst ein Konvertit war, hat mit Thränen in den Augen diese drakonische Maßregel gelesen, durch welche die Obrigkeit von Venedig die Bande der Verwandtschaft zwischen den Inden und ihren gekauften Angehörigen zu zerreißen suchte. Pietätsvoll ging Signor Beniamino allen Spuren seiner Altvordern nach. Er hat auch einmal die spanische Synagoge besucht, wo noch sein Großvater als Jüngling gebetet hatte. Signore, noch heute verteilen sich die venetianischen Juden auf vier Synagogen, die spanische, die levantische, die aschkenasische (deutsche) und italienische. -Die spanische allerdings ist die größte. Ein vornehmer Baumeister, vielleicht Longhcna, hat das Haus, das Jahrhunderte alt ist, mit den vier großen Bogenfenstern gebaut, die nach dem Campiello delle scuole gehen. Signor Beniamino verweilte mit Rührung auf der Andachtsstätte seiner Väter und Vorväter. In den Opferstock, unter welchem noch yeltte die spanischen Worte ,,Pobres vergonhosos;‘ stehen, hat er einen reichen Obolus für die verschämten Armen geworfen. Er stand nicht wie ein Fremder vor der marmornen Bundeslade, vor welcher das ewige Licht brennt und kleine Öllämpchen zuni Andenken, an dem stimmungsvvllen Saale mit den vieleil Fenstern, durch welche die Sonne mit den festlich leuchteliden, messingenen Kandelabern um die Wette brennt. Er stieg zu der von Säulen getrageneil Tribüne, diesem Tempelchen, empor, das der Bundeslade gegenübersteht, wo noch sein Großvater zuweilen die Auszeichnung genoß, den Segensspruch angesichts der Thora zu sprechen. Er schaute zu der hölzernen Galerie hinauf, wo heute die Frauen sitzen und wo seine Urgroßmutter manchulal gesessen. Dann stieg er hinunter, ging auf den großen Platz, wo die drei marmornen Cisternen stehen, schäkerte mit den Töchtern Juda's die mit kupfernen Eimern das Wasser 51t schöpfen kamen. Wenn nun solche eine Schöne ihre Stimme erhob und ein Lied voll Sehnsucht sang, das italiellisch lautete und spanisch klang und doch ein Lied von Zion war, da fühlte sich Signor Beniamino im Geiste von Venedig nach Spanien entrückt, wo einst die großen Scheiterhaufen für seine Ahnen loderten. . . . Signore, mein Vater, der sein Gondoliere war, hat sich nur schwer von diesem guten Manne aus England getrennt, als er urtferer Venezia den Rücken kehrte und noch ein letztcsmal zum Rialto zurückblickte, wo seine Väter in finsteren Krämerläden Handel getrieben, und noch einnial ein Lebewohl dem Ghetto zuflüsterte. Er ging von Venedig nach Spanien. Von dem jungen Ruhme seines Namens berauscht, hegte er, der sich schon im Glanze des Londoner Geistes- und Geburtsadels gesonnt hatte, doch das innige Bedürfnis, mit seinen Gedanken in die Dämmerung des Ghetto zurückzutauchen und in umgekehrter Ordnung die Leidensstationen zu durchmessen, welche die Familie D'Jsraeli in Jahrhunderten und die Kinder Israels in Jahrtausenden zurückgelegt hatten. Er ging von Spanien — nach Palästina. . . . Signore, er ist nicht wieder nach Venedig gekommen, aber die Venetiauer haben von ihm gehört Er hat einen Roman „Venecia" geschrieben. Er hat auch unserem Vaterlande Italien wohlgewollt uub ist demselben nützlich gewesen. Signore, ich bin ein Gondoliere und r u N. Seite 399. habe nie seine Schriften gelesen, doch sagt man mir, daß etwas von der Poesie unserer Lagunen und der süßen Dämmerung des Ghetto darüber sei. . . . Doch nicht D'Jsraeli allein, auch der Nachkomme manches anderen dieser spanischen Inden, die hier am Lido modern, hat Lorbeern in der Welt gepflückt". Maimonides. Historische Erzählung von Dr. M. Deffaner. (Fortsetzung.) „Ich sehe schon," sagte Jephet, „ich werde da nicht loskommen können und muß es möglich zu machen suchen. Was die Gelehrsamkeit anbetrifft, brauchst du keine besseren Führer als deinen Vater und Bruder: es ist hier jedoch allerdings ratsam, auch einen ortskundigen Freund an der Seite zu haben. Nun, wir werden sehen." Und zu David gewandt, sprach der Rabbi: „Ich muß von einem dauernden Aufenthalte in unserm Lande abraten. Hier leben unsere Glaubensgenossen ärmlich und mühselig. In Egypten dagegen ist ihre Stellung eine viel günstigere, da sind große jüdische Gemeinden: in Alexandrien wohnen etwa dreitausend israelitsche Familien, ebensoviel in Bilbe'is, in Kahira zweitausend, auch Fostat (Alt Kahira) hat eine sehr bedeutende Gemeinde. Dort werdet ihr bestimmt eine freundliche Aufnahme und auskömmlichen Lebensbedarf finden. Zwar möchte ich euch nicht raten, schon alsbald dahinzugehen. Egypten bietet in dieser Jahreszeit für einen Fremden einen traurigen Anblick. Es ist gerade die siebenwöchentliche Zeit der heißen aus dem Süden strömenden Winde. Die Hitze ist unerträglich, der Boden ist zerborsten und löst sich bei jedem Windhauche in Staub auf. Das Grün der Auen ist fast ganz verschwunden, der Palmbaum allein behält in der Dürre sein grünendes Laudach; im Mai und anfangs Juni pflegen dort Pest und andere Krankheiten zu wüten. Auch ist jetzt zuweilen der erstickend heiße, giftige Samum höchst lästig und gefährlich. Der Fremde, der die Natur des Landes noch nicht kennt und keinen Schutz und kein Heilmittel für diese Widerwärtigkeiten weiß, kann denselben leicht erliegen. Erst Ende Juni beginnen die kühlenden Nordwinde zu wehen, die Nacht des siebenzehnten Juni heißt die Nacht des Tropfens. Von dieser Zeit an kommen kräftige Regen vom Himmel, von welchen der Nil allmählich anschwillt, dessen Austreten den Egyptern Fruchtbarkeit und Fülle bringt Der Nil ist ihr Ernährer, der sie reichlich mit Lebensmitteln versorgt. Oberhalb Kahira hat der noch ungeteilte, schöne Strom einen bezaubernden Reiz für das menschliche Auge. Wenn auch nicht mehr das fröhliche Gewimmel und Getümmel der mit den Gütern des Landes gefüllten Fahrzeuge, wie im Altertum, seine Wasserfläche bedecken, und er nicht mehr, wie in der Pharaonenzeit, sieben Millionen Menschen ernährt und versorgt, so ist doch heute noch die Bevölkerung wohlhabend, und ihr werdet dort ohne allzugroße Mühe euren Lebensunterhalt finden. Gehet, wenn ich raten darf, im Herbste nach Fastat, wo ich Freunde habe, welchen ich euch empfehlen will. Die Stromanschwellungen in jener Jahreszeit und die Freude der Einwohner, daß der Nil wieder, wie ein gütiger Vater, seine reiche Hand weit aufthut, um seine Kinder zu speisen, machen das Land dem Fremden angenehm und wohnlich."