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Jeschurun · 1893-06-23 · 25 (23.6.1893) · p. Seite 398

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
25 (23.6.1893)
Date
1893-06-23
Page
Seite 398 (sequence 12)
Language
German
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Nr. 25. Seite 898. -^Jeschurun. lernet zur Verbreitung gewisser Teile des Talmuds in solchen Gesellschaftszirkeln beigetragen, die nur durch klare und lesenswerte Bücher zu belehren sind. * b. Das Oberhaupt der Karaiten, Uzum, ist nach einer Mitteilung von dessen Tochter Esther in sehr hohem Alter vor einigen Tagen in Baktschi Serai unweit Sebastopvl's gestorben. Er war ein hochangesehener Mann, dem der verstorbene Kaiser Alexander II. sowohl als auch der jetzige, so oft sie in Jalta residierten Besuche abstatteteu. Er war nicht nur unter seinen Glaubensgenossen, sondern auch unter den Russen beliebt und allgemein bekannt. Personalien. Herr Dr. M. Blnmenthal, Zögling der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" in Berlin ist in diesen Tagen zum Rabbiner in Frankfurt a. O. an Stelle des jüngst verstorbenen Dr. Löwenmayer gewühlt worden. FainjliknMullg. D Israeli. Über Benjamin D'Jsraeli ist in einem Feuilleton von S. Münz in der „Neuen freien Presse" Interessantes zu lesen. Der Feuilletonist läßt sich in Venedig von einem Gondoliere umherführen und kommt auf den jüdischen Friedhof. Der Gondoliere glaubt auf einem Grabsteine den Namen „D'Jsraeli" zu lesen und beginnt nun die Geschichte der D'Jsraelis und eine Episode aus dem Leben Benjamin D'Jsraelis zu erzählen. Hören wir, was er zu berichten weiß: „Dieses Haus hat durch mehr als ein Vierteljahrtausend in Venedig bestanden. Auch sie vertrieb die Inquisition von Spanien. Sie legten, als sie in Venedig anlangten, ihren spanischen Namen ab und wollten fortan D'Jsraeli heißen „aus Dankbarkeit gegen den Gott Jcckob's, der sie durch beispiellose Prüflingen und unerhörte Gefahren geleitet hatte". Sie lebten hier bis in unser Jahrhundert. Im Jahre 1748 siedelte ein Benjamin D'Jsraeli nach England über. In Venedig, Signore, ist der Name D'Jsraeli nun erloschen, doch in Triest soll cs noch heute Verwandte dieses Hauses geben. Auch die Issels, eine jüdische Familie in Genua, sind eigentlich D'Jsraelis, die ihren Namen, ihren schönen Namen, damit er weniger jüdisch klänge, modifiziert haben. Signore, mein Vater hat mir erzählt, daß es in Venedig roch vor Jahrzehnten zwei arme Frauen des Namens D'Jsraeli gab, die von Zeit zu Zeit von London aus non einem Isaak D'Jsraeli Unterstützungen bekamen. Dieser Isaak war der Sohn jenes Benjamin D'Jsraeli, der Hon Venedig auswanderte und in England zu Reichtum kann Isaak war aber auch der Vater eines Benjamin D'Jsraeli, der, wie es wohl zu Euren Ohren gekommen sein dürfte, der Königin von England die Kaiserkrone von Indien auf's Hiupt gesetzt haben soll." „Pietro", sagte ich zu dem Gondoliere, „Ihr verunglimpfet das Andenken Lord Beacvnsfield's, der mit der Königin von England getäfelt hat, wenn Ihr davon sprechet, daß er "in Enkel des Ghettos und ein Landsmann Shylock's gewesen." Und darauf Pietro: „Signore, Ihr täuscht Euch, wenn Ihr meint, daß er solch ein eitler Dutzend-Konvertit war, der sich seiner Vergangenheit schämte. . . . Signore, als Knabe pflegte ich meinen Vater, der Gondoliere war, so wie ich, auf seinen Fahrten durch die Lagunen zu begleiten. Er machte Dienste bei einem hohen Herrn aus England, der in einem marmornen Palaste am Canalazzo residierte. Eines Tages stieg bei diesem ein junger Brite mit blassem Gesichte und schwarzein gelockten Haare und etwas thearalischem Anzuge. ab. Es fehlte nicht die venetianische Halskrause. Er sprach etwas Spanisch, auch, obzwar gebrochen, Italienisch, liebte sehr unser Vaterland und mehr als alle Städte Italiens, unsere Stadt Venezia, die er seine adnatische Braut nannte Er besah alle Merkwürdigkeiten von Venedig, doch mehr als anderswo trieb Signor Beniaminiv sich im Ghetto herum, und anch auf dem Rialto blieb er gern stehen. Er war der Enkel jenes alten Beniaminiv, der einst bei uns gewohnt und als Jude, neunzigjährig, drüben in England gestorben. Signor Beniamino, der Enkel, der noch als Knabe getauft worden, machte, wenn er auch in seinem brennenden Ehrgeize große weltliche Pläne hegte, kein Hehl aus seiner Liebe zu seinen Ahnen im Ghetto. Er sagte sich, daß man sich solcher Väter, die verfolgt wurden und gelitten haben, auch wenn sie einen durch das Vorurteil der Großen und des Pöbels, die so oft Verbündete sind, verachteten Namen führten, eher rühm n dürfe, als solcher Ahnen, die unter der Maske eines glänzenden Namens straflos unterdrückt, verfolgt und beleidigt haben. Mein Vater pflegte den Signor Beniamino einfach durch den Canalazzo unter dem Bogen des Rialto zum Ghetto zu gondeln. Hier schleuderte der vornehne junge Mann aus England stundenlang herum und blickte träumerisch zu den hohen verwitterten Häusern auf, in welchen die Hebräer nisten. Signore, noch heute sehet Ihr gleich beim Eingänge des alten Ghetto solch ein achtstöckiges Haus, das von unten bis oben von Menschen bewohnt ist. Signor Beniamino hat es nicht gescheut, über die dunklen, feuchten hölzerne» Treppen, auf welchen die Ratten tanzen, zu den armen Insassen, unter denen noch sein Großvater gelebt hatte, cmporzusteigen, sie aufzusuchen und sich mit ihnen zu unterhalteu. Signore, es ist eine Fabel, wenn man sagt daß es bei diesen rmeu im Ghetto schmutzig sei. Geht einmal hin und Ihr werdet bei ihnen nicht nur Reinlichkeit, sondern sogar einen gewissen bescheidenen Prunk finden. In der Küche hängt blankes kupfernes Geschirr; wenn die Ostern kommen, steht der Tisch in vollem Staate. Der steinerne Boden ist stets rein gefegt, von der hölzernen Decke hängt der blumige Armleuchter von Murauv. Signor Beniamino, der die Abenteuer liebte, hat gern mit den Töchtern Zion's auf den sonnigen Terassen geplaudert, von welchen aus man Venedig mit seinen Thürmen genießt, und dann wieder rveit hinausscharrt, wo nur Wasser ist und keine Paläste mehr schwimmen. Er sagt sich: So wie diese hier leben, lebte einst hier meine Urgroßmutter urrd deren Mutter. Er war aufmerksam und liebenswürdig gegen diese seine Schwestern vom Ghetto, brachte der Einen einen Strauß von feurigen Nelken vom Lido und der Anderen gar eine weiße Katze. Signor Beniamino hat hier manches Herz erobert. Er hing mit allen Fasern der Persönlichkeit an seiner Vergangenheit. Noch heute, Signore, seht Ihr im Ghetto eine marmorne Tafel, die fast zweihundert Jahre alt ist, auf welcher geschrieben steht, daß die Mächtigen von Venedig beschlossen

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