Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 25 (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- Seite 396 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 396. Nr. 25. I e s ch u r u n. * g. Die Juden in Bulgarien haben beschlossen, einen Verein zn gründen, mit dem Sitze in Sofia und Komitees in allen Städten, der die Verteidigung ihrer Interessen sich zur Aufgabe zu machen hat. Der geringste jährliche Beitrng ist auf 2 Francs festgesetzt. * Das schreckliche Erdbeben in Zante hat, wie bekannt, diese Stadt völlig zerstört. Unsere Religionsgenossen, etwa 200 Seelen, befinden sich im gräßlichsten Elend. Die beiden Synagogen sowie alle von Inden bewohnten Häuser sind vernichtet. Zwar werden von allen Seiten Spenden eingesendet, aber für unsere Glaubensgenossen fällt dabei nichts ab. Dieselben wandten sich an die durch ihren Edelmut und ihre Menschenfreundlichkeit ausgezeichneten JudenJtaliens mit der Bitte um Hilfe, welche sicherlich auch bei unseren Glaubensgenossen in Deutschland ein Echo finden wird. Der Oberrabbiner von Mailand, Herr A. Da-Fano, ist zur Entgegennahme von Spenden bereit * Die Beförderung von jüdischen Auswanderern nach Palästina wird eingestellt, da die Pforte beschlossen hat, weitere jüdische Ansiedelungen in Palästina nicht zu gestatten. Die jüdischen Answandererzüge, welche die von Baron Hirsch eingesetzten Komitees im Laufe des Sommers bilden werden, sollen ausschließlich nach Argentinien grlenkt werden. — Was sagen unsere Zionisten dazu? * g. Die Inden in Tunis haben unter den Gewaltthätigkeiten und dem Hasse der muselmännischen Bevölkerung bitter zn leiden, und sie hoffen, bislang zwar vergeblich, daß sie von der französischen Regierung endlich geschützt werden, die augenblicklich nur Schwäche, Unentschiedenheit und Gleichglültigkeit bicfeiu unhaltbaren Zustande gegenüber zeigt. * Sir West Ridgeway, der britische Resident, hat Mogador besucht. In seiner Begleitung befand sich Herr Konsul White, ein bekannter Freund der Inden. Auch Sir West zeigte großes Wohlwollen für die Inden. Er besuchte die elendsten Inden-Quartiere und schien sehr ergriffen von dem, was er sah, denn er sprach voll warmen Mitleides mit den Bewohnern derselben. Tags darauf empfing er eine Deputation der jüdischen Gemeinde, die ihren tiefgefühlten Dank aussprach für die dauernden Sympathien, welche die britische Nation den unterdrückten Inden entgegenbringt. Der Empfang war äußerst freundlich und liebenswürdig. * Ein Philanthrop in Bombay, namens Samuel, macht seit einiger Zeit große Anstrengungen, den Kindern des ,,Beni-Jsrael"-Stammes eine gute Erziehung zu verschaffen. Großes Interesse ist für den merkwürdigen Stamm erweckt worden. Derselbe zählt nur 1000 ) Personen. Es wird angenommen, daß derselbe schon seit 1800 Jahren oder mehr in Indien wohnt. Traditionen sagen, daß die ersten Einwohner ihrer Rasse ans ,,der nördlichen Provinz" — nach einigen Galiläa — entflohen, um beständigen Einfällen zn entgehen. Diese Einwanderer litten Schiffbruch auf den Inseln unweit des Hafens von Bombay. Alle mit Ausnahme von 7 Männern und 7 Frauen ertranken. Ihr Eigentum ging' verloren, und sie mußten umherwandern, um ihren Lebensunterhalt mit der Zubereitung oou Öl zu gewinnen. Sie wurden unter dem Namen ,,Shanwar Telis" — die Samstag-Ölmänner — bekannt,und noch heute heißen sie so. Sie ruhen nämlich am Samstag von ihrer Arbeit aus. — Im erwähnten Schiffbrnche waren alle ihre heiligen Bücher verloren gegangen; nur ein Bibel-Vers (welcher? Red.) blieb ihnen, der von ihnen in allen ihren religiösen Zeremonien hergesagt wird. In jüngsten Zeiten dienten viele von ihnen in der Armee oder erwarben sich als Kommis und Hospital-Diener ihren Unterhalt. * Der Einwa iderungskommissär im Hafen von Netv- Aork, Dr. I. H. Senner, wurde von dem Einwanderungs- Komitee einem Verhör unterworfen, in welchem er sich gegen die Einwanderung polnischer Inden aussprach und ans die Frage Senator Chandler's nach seiner Religion antwortete, daß er ein Christ sei, jedoch auf weitere Fragen zugeben ninßte, daß er früher Jude gewesen sei, sich aber, ehe er in dieses Land kam, habe taufen lassen. — Wir glauben nicht irre rn gehen, wenn wir behaupten, daß Dr. Senner, richtiger Samuely, in Galizien geboren sei, und wissen positiv, daß er als Jude die Tochter eines reichen Nikolsbnrger Inden, namens Isaak Friedläuder geheiratet hat, daß Dr. Samuely in Brün, wo sein Vater Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde war, immer als Jude galt — das Gegenteil Hütte nach den österreichischen Gesetzen bekannt werden müssen — und, daß er bei der raschen Natur seiner Übersiedlung nach Amerika kaum Zeit gefunden haben dürfte, seine Religion zn ändern. Gemeinde, Synagoge und Schule. * b. Fräulein Olitzka, die Tochter des Kantors an der Adaß Jisroel-Gemeinde in Berlin, welche eine sehr geschätzte prima donna des Hamburger Theaters fft, wird in London ebenfalls debütieren. Der vortrefflichen Sängerin geht ein bedeutender Ruf voran. * Ans Berlinwird geschrieben: Die Allstritte aus dem Judentum, bez. der Berliner Gemeinde, mehren sich in bedauerlicher Weise. Sv haben irenerdings ein Professor und ein Jnstizrat für sich und ihre Angehörigen den Austritt ans dem Judentum der Verwalrnng der Berliner Gemeinde angezeigt. Zn lvelchen unliebsamen Weiterungen noch lange Zeit nachher derartige Austrittserklürnngen führen können, lehrt ein jetzt die Berliner Gemeindeverwaltung und das Polizeipräsidium beschäftigender Fall. Ein Kreispyhsikus uub Professor der Medizin hatte vor mehr als 20 Jahren sein totgeboreues Kird ans dem Friedhofe in der Schönhauser Allee beerdigen lassen. Vor einigen Jahren lvar derselbe ans dem Jud ntnm ausgetreten und wurde seine bald darauf verstorbene Gemahlin auf dem Kbminnnalfriedhvf in Friedrichsfelde bestattet. Vor kirzem verlangte derselbe von der Verwaltung des jüdischen Friedhofs in der Schönhauser Allee die Exhumierung des dort etwa vor 22 Jahren beerdigten Kindes, da dasselbe nachträglich neben feiner verstorbenen Gemahlin in Friedrichsfelde beerdigt werden solle. Die Friedhvfskammission lehnte das Ansuchen ab und ließ, als der Professor sich bei dem Bescheid nicht beruhigte, ein Rabbinatsgutachten ausarbeiten, welches sich dahin erklärte, daß die Exhumierung eines Tvtgeboreuen nach religiösen Anschauungen unstatthaft sei, weil eine derartige Überführung der Gebeine nur zum Zweck einer besonderen Ehrung gestattet und vorgesehen sei. Der Betreffende hat sich an das Polizeipräsidium als die zuständige Aufsichtsbehörde gewandt; jedoch auch hier ist der Bescheid nicht in seinem Sinne ausgefallen. * Am 9. Juni beging Rabb. Dr. Frank in Köln seine silberne Hochzeit, deren offizielle Feier auf Sainstag beu