Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 25 (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- Seite 395 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 25. Seite 395. -5*|ffdjuruit. hs_ bic Herren anzuherrschen.' Als der betreffende „Frevler" darauf erwiderte, er verzichte auf die Belehrung über Sitte und Anstand, und sein etwas verspätetes Abnehmen des Hutes mit dem Umstände entschuldigte, daß er in der einen Hand den Stock, auf den er sich stützte, und in der anderen die Klinke der Ihür gefaßt habe, geriet der Herr Assessor dermaßen in Harnisch, daß er den Herren drohte, er werde sie bei weiterer Gegenrede durch den Gerichtsdiener hinauswersen oder verhalten lassen. Kaum hatten, um unter gegebenen Umständen dem Herrn Assessor keine Veranlassung zu geben, seine Drohung zur Wahrheit zu machen, die Angeherrschten schleunigst das Amtslokal verlassen, da richtete der erregte Herr Assessor an seine Umgebung die Frage: „Wer waren denn diese unverschämten Juden?'' worauf ihm erwidert wurde, daß es der Graf Roger von Seherr-Thoß auf Rosnoch ru und der Baron v. Wallhofen auf Trawning gewesen wären. . . * Die Wiener Börse war jüngst der Schauplatz einer heiteren Szene. Ein Börsenbesucher christlicher Konfession — es giebt auch solche — war nicht in der Lage, einem Börsenagenten jüdiscker Konfession — es soll auch solche geben — die Differenzen zu zahlen. Auf die Mahnung des Agenten wurde der insolvente Börsenmann rabiat und benützte das antisemitische Rezeptierbuch, welches gegen jede Krankheit, auch gegen die insolventia acuta, Mittel besitzt, indem er ansrief: „Einem Juden zahleich überhaupt keine Differenzen" Großer Tumult, Aufregung, Geschrei unter den jüdischen Börsenmännern. Da beruhigte ein Bankier rein arischer Abstammung und christlichen Glaubens die erregten Gemüter mit folgender Apostrophe: „Der Mann lügt, er ist gar kein Antisemit; er hat mir auch nicht gezahlt, und ich bin ein Christ!" Allgemeines Gelächter. Der Rest ist die schwarze Tafel — noch eine der wenigen Institutionen, vor welcher alle insolventen Menschen gleich sind. * Wie unsere Leser aus der politischen Tagespresse werden erfahren haben, waren nach der Ernen.iung des Herrn Max Judd zum Generalkonsul der nordamerikanischen Union in Wieu Gerüchte in Umlauf, nach welchen die österreichische Regierung dem nominierten neuen Generalkonsul das Exequatur verweigern wollte. Als Grund für diesen ungewöhnlichen Vorgang wurde von seiten gewisser politischer Kreise die Konfession des neuen Generalkonsuls angegeben, während vom Auswärtigen Amte, welches die Verhandlungen mit denl amerikanischen Gesandten diesbezüglich führte, auf das bestimmteste erklärt wurde, daß konfessionelle Rücksichten gar keine Rolle bei der Erteilung des Exequatur spielen, sondern ausschließlich nur Bedenken bezüglich der Staatsangehörigkeit obwalten. Herr Judd ist nämlich ein geborener Österreicher, der sein Vaterland im Alter von 10 Jahren verließ und schon seit vielen Jahren in Nordaiuerika naturalisiert ist. Das „Auswärtige Amt hatte seine Bedenken, einen geborenen Österreicher, als handelspolitischen Vertreter einer auswärtigen Macht zur Bestätigung vorzuschlagen, Bedenken, welche nach langen diplomatischen Verhandlungen endlich beseitigt wurden; denn, wie wir erfahren, steht die Erteilung des Exequatur an Herrn Judd, der bereits seit zwei Wochen in Wien weilt, als nordamerikanischen Generalkonsul unmittelbar bevor. * Ein Ritnalmord-Schwindel wurde kürzlich in Un garisch-Hradisch abgeurteilt. Am 9. d. Mts. fand beim dortigen Kreisgerichte die Schlußverhandlung gegen die Dienstmagd Karoline Schnula statt, die der Verleumdung angeklagt war. Karoline Schnula, die in Hvlleschau bei dem Produktenhändler David Tandler bedienstct gewesen, kam in der Nacht des 19. November mit gebundenen Händen und Schnittwunden daran zu einer Dienstvermittlerin und erzählte dieser, sie sei um S/41 Uhr nachts von einigen Juden überfallen, in den Hof geschleppt und dort gebunden worden. Dann habe man ihr an den Händen Schnittwunden zur Blutabzapfung beigebracht. Sie sei überzeugt, daß man sie zu „rituellen Zwecken abgeschlachtet" hätte, wenn sie nicht geflohen wäre. An der Stimme habe sie in einem der Männer den David Tandler erkannt. Diese Angaben des Dienstmädchens erwiesen sich als Lügen, trotzdem daß die Angeklagte auch bei der Verhandlung bei ihren früheren Angaben blieb. Sie wurde des Verbrechens der Verleumdung schuldig erkannt und zu dreizehn Monaten Kerkers verurteilt. * g. Der frühere französische Minister Constaus, der in vielleicht nicht ferner Zeit die Präsidentschaft überninimt, hat in seiner in französischen und auswärtigen Blättern vielbesprochenen Rede die er in Toulouse gehalten, ein ganzes Programm entwickelt, und auch das Verhältnis des Staates zu den verschiedenen Konfessionen berührt. Er sagte: „Wir dürfen und wollen die Freiheit des Einzelnen nicht antasten. Möge jeder Bürger, wenn er Katholik ist, in die Messe, wenn Protestant, zur Beichte, wenn Israelit in die Synagoge gehen. Das sind Gewissenssachen. Der Staat hat sich darum nicht zu kümmern, er muß gleiches Wohlwollen für alle Konfessionen hegen, und nur durch gleiche Behandlung aller wird religiösem Zwist und Hader vorgebeugt, die bereits die Farbe häßlicher, gefährlicher Rassekriege angenommen haben." — Wo von den höchstgestellten, einflußreichsten Männern solche Ansichten offen und rückhaltlos ausgesprochen werden, kann der Antisemitismus wohl Augenblickserfolge erzielen, aber niemals dauernd zur Herrschaft gelangen. * Beim Empfange der Behörden in Toulouse (Frankreich) durch den Ministerpräsidenten, Herrn D u p n y sagte derselbe in Erwiderung einer Ansprache des Rabbiners Oury: „Ich halte darauf, es hier öffentlich auszusprecben, daß die Israeliten in Toulouse sowie diejenigen anderswo durchaus nicht die Anfeindungen und Aufreizungen zum Rassenhasse verdienen, denen sie in einem Linde ausgesetzt sind, welches eine Revolution gemacht, um allen Kämpfen der Rassen und Klassen ein Ende zu machen." — Auch der Präfekt, Herr Leon Cohn, ein Sohn des unvergeßlichen Albert Cohn, richtete im Namen der Provinz einige Begrüßungsworte an den Minister, welche dieser erwiderte. * Der Bü'germcister von Libau ist nach Petersburg gereist, um an höchster Stelle die Rücknahme des die dortigen Juden betreffenden Ausweisungs-Erlasses zu erwirken, da dur h diese Maßregel, die sich'gegen 6000 handel- und gewerbetreibende Personen richtet, die Stadt einer wirtschaftlichen Krise ausgesetzt werde, deren Folgen unabsehbar wären. Die rumänische Regierung wies in folge der Beschwerde zahlreicher israelitischer Reservisten die Präfekten an, daß das den Jremdenaufenthalt in Landgemeinden beschränkende Gesetz ans solche Nichtstaatsbürger, die der rumänischen Militärpflicht genügt haben, keine Anwendung findet.