Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 25 (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- Seite 393 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 393 Nr. 25. -5* | e f rfj 1t r 1t 1t. k־~ Wir haben also, das sieht der denkende Lehrer nach einiger Zeit ein, mit dem alten Schlendrian kein Glück, die Kinder schwänzen die Schnle, und die furchtsamen, welche kommen, treiben Alotria oder schlafen ein. In der bisherigen Weise, das sehen wir klar ein, geht es nicht weiter. Wir suchen nach neuen Hebeln des Interesses, und da ist das erste, das sich naturgemäß uns darbietet -- die Grammatik. Wir versuchen es damit: סוסי״ mein Pferd, סוסך dein Pferd סוסו sein Pferd" 1t. s. w., das geht famos! Die Kinder wachen aus, sie drängen sich dazu, an die Reihe zu kommen, die Kinder sind glücklich und der Lehrer noch mehr: Gott sei dank, ׳אנכי בדרך נחני ה״ jetzt bin ich auf dem rechten Wege! — Sollte ich mich irren mit der Annahme, daß Herr Dreyfuß in diesem Stadium an seinem eigenen Glück die Kollegen Teil nehmen lassen wollte? Ich habe nicht die Ehre, Herr D. zu kennen: aber sollte ich irren, wenn ich mir ihn als jungen Anfänger vorstelle? Es ist das gewiß nichts Verletzendes für ihn: wie gern möchten wir Alten noch ״junge Anfänger" sein, auf die Gefahr hin, alle die Jrrtümer, vor denen das Alter uns schützt, noch einmal zu begehen! — Und daß ein ״junger Anfänger" von seinen Berufsgenossen Rechenschaft ablegt, ist gewiß nur unseres Dankes wert. — Sollte aber meine Vermutung nicht zutreffen, sollte Herr D. Jahre lang hindurch die erfreulichen Erfahrungen durch die Zuhilfenahme der hebräischen Grammatik gemacht haben, dann-gratuliere ich demselben aufrichtig, nicht zu dieser seiner Entdeckung, sondern zu seinem besvndern pädagogischen Talent. Denn nur dieses und nicht die Grammatik kann sich dann das Verdienst um die erfreulichen Erfolge zuschreiben. Ich für meine Person habe die Erfahrung gemacht, und ebenso alle Lehrer, die unter meiner Inspektion standen, daß es mit der Grammatik dieselbe Bewandnis hat, wie mit jedem andern Gegenstände: solange der Reiz der Neuheit ihm zu gute kommt, fesselt sie; sobald dieser aufhört, dann . . . muß man ihr ebenso, wie jedem andern Gegenstände, mit den Hilfsmitteln der Methode zu Hilfe kommen, um das Interesse wach zu erhalten. Die Voraussetzung einer jeden Methode ist aber das nötige Maß von Zeit, hexen kann man eben nicht, und wenn kein Gelehrter vom Himmel fällt, so muß man eben hier auf Erden alles lernen, u. z. lernen in dem von den psychologischen Gesetzen bestimmten Tempo. Wo also die Zeit fehlt, da wird man keinen nennenswerten Erfolg erzielen, und ohne Erfolg erlahint jedes Streben, das wesentlichste Element des Interesses. Mit Recht sagt daher Herr Leopold Katz in Nr. 23 des ״Jeschurun": ״dem Wunsche des Kollegen Dreyfuß . . . nach gründlicher Behandlung des hebräischen Sprachunterrichts schließen sich gewiß alle Bernfsgenossen an. Wir fürchten nur, der Wunsch wird zu den ״frommen Wünschen" zrr zählen sein: Die knappe Zeit steht hindernd im Wege." Dabei habe ich noch manche Bedenken gegen den Versuch, die Grammatik zuin einzigen Hebel des Interesses zu machen, außer Acht gelassen, z B. den Umstand, daß die vollständige Beherrschung der hebrü ׳sehen Grammatik eine Forderung an den Lehrer ist, der das Seminar nur mit Vernachlässigung mancher andern Aufgabe entsprechen könnte. — Ferner muß man in unseren Verhältnissen immer als oonäitio sine qua non den Umstand hinstellen, daß unsere Kinder vor allem geläufig lesen lernen, — und das ist bei dem Tempo der Synagoge gar nicht wenig. Dann kommt die Vertrantheit mit dem Gebetbuch, was auch nicht unterschätzt werden darf, bei der großen Menge von Einschaltungen und Ausschaltungen an den verschiedene-׳ Tagen unseres religiösen Jahres: in unserem Gebetbuch steckt fast der halbe ״Schulchan Aruch“ ,,Orach chajim“. Endlich ist ein gewisses Verständnis der Gebete doch sicher in erster Linie als Ziel zu erstreben. Wenn man nun eine gründliche Kenntnis der hebräischen Grammatik erstrebt, so muß man mehrere Jahre 2—3 Stunden wöchentlich darauf verwenden: wo bleibt dann die Zeit für die obengenannten Ziele? Alle Kenntnis der Grammatik wird den Eltern keinen Ersatz bieten für ein mangelhaftes Lesen, oder wenn das Kind nicht weiß, was am ,,Neumond" gebetet wird und dergleichen, darüber koinmen wir nicht hinaus. In dieser Hinsicht können wir nicht die Pädagogik anfragen, was sie als Ziel des Unterrichts hinstellt, sondern einzig und allein die Eltern, oder die Gesamtheit der Eltern: die Geineinde. Wer darin rein p ü d a g g o i s ch verfährt, der handelt ohne Berücksichtigung der thatsächlichen Verhältnisse, und der muß über kurz oder lang Enttäuschungen erleben. Mit Recht sagt daher Herr Katz ebenfalls an der schon zitierten Stelle: ״Das kleinste Ziel des hebräischen Sprachunterrichts ist: Kenntnis der hauptsächlichsten Gebetstücke. Wir sagen mit Absicht: Das kleinste Ziel, u. z. in Berücksichtigung der geringen Zeit, die für die Pflege des hebräischen in der Jetztzeit entfällt." — Soll nun aber die Grammatik im hebräischen Unterricht unserer Religionsschule gar nicht gepflegt werden? Das zu behaupten, bin ich weit entfernt. Ohne Zweifel hat Herr Dreyfuß recht, wenn er die grammatikalische Behandlung des Übersetzung-Stoffes für interessanter erklärt, als das schematische Übersetzen. N u r soll die G r a m m a t i k nicht als das Universal-Heil- »n 111 e I für alle kranken Seiten unserer R e l i g i n o s s ch u l e n h i n g e st e l l t werden. Die Grannnatik kann nicht alles leisten, aber doch immerhin etwas. Ist sie auch nicht im stände, allein den Kampf gegen den Jndifferentismus siegreich zu bestehen, so kann sie doch an diesem Kampfe teilnehmen und zum Siege beitragen. — Wer sind nun die andern Bundesgenossen im Kampfeder Schule gegen den Jndifferentismus? Der Kampf der Schule gegen den religiösen Jndifferentismus kann sich nicht weiter erstrecken, als das Gebiet der Schule überhailpt. Nicht für die Schule, sondern füUs Leben — gewiß! Aber was die Schule nicht in der S ch u l e leistet, das leistet sie nicht als S ch 1t l e. Der Kampf unserer Religionsschnle als Schule gegen den religiösen Jndifferentismus kann also nur mit den Waffen der Methode geführt werden. Ünsere Frage kann also auch so fvrinuliert werden: Durch w e l ch e M i t t e l der Methode k a n n der hebräische Übersetzungs-Unterricht u n - s e r e r R e l i g i o n s s ch u l e n interessant gem acht w e r d e n? (Fortsetzung folgt.)