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Jeschurun · 1893-06-23 · 25 (23.6.1893) · p. Seite 392

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1893
Issue
25 (23.6.1893)
Date
1893-06-23
Page
Seite 392 (sequence 6)
Language
German
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Seite 392 I e s ch u r n n. rechnen alles Ideale folgrecht ziel- und zwecklos erscheinen lassen muß. Siehaben aber dafür ihre Autoritäten, denen sie blindlings nachbeten. Denn von jeher bis auf die Jetztzeit treten immer aufs neue verneinende, doch — gam su l’towa! — umsomehr Knlturbewegung verursachende Geister auf, welche als Naturforscher von Beruf klarlegen, daß der, Mensch die Möglichkeit, Kraft und Stoff sei einmal aus Übersinnlichem hervvrgcgangcn, nicht erweisen könne. Ist aber, umgekehrt mit dieser menschlich subjektiven Erfahrungs - Thatsache eine universalistisch! objektive Unmöglichkeit wirklich festgestellt? Einem voll-! kommenen Geist, dessen Existenz „von rückwärts wohl zu schauen" (weraissa ess achorai, Exod. 33,23), sollte etwas unmöglich sein? Er sollte seine Ideen nicht verwirklichen, materialisieren, die Welt aus sich heraus nicht erschaffen können? . . . Wenn dagegen ein großer Astronom, den der bekannte „Kraft und Stofs" - Philosoph mit sichtlichem Wohlgefallen zitiert, sagt: Er habe „den Himmel überall durchsucht und sei keiner Spur einer Gottheit begegnet", so kann man sich leicht vorstellen, mit welchen Augen und wonach er eigentlich gesucht hat. Mit dem weisen Mirza-Schaffy-Sängcr zu sprechen: Mag Gott auch, wie er will, uns immer nah sein, Kein grübelnder Verstand begreift sein Dasein, Wenn nicht das Herz, von höherer Glut entzündet, Erleuchtend dem Verstände sich verbindet. —, Und was lehrt die Geschichte? Im Altertum, in der Menschheit Kinderjahren, als ihr Geist im allgemeinen noch unfähig war, den Bannkreis der Natur zu durchbrechen, zu überschreiten, tvaltete diese in der Gesellschaft vor. Fast alle Nationen mit mehr oder weniger ausgebildeten religiösen Ansichten, hingen dem seinern oder gröbern Natnrdienst, der Vielgötterei an. Natur und Geist war ihnen ein und dasselbe; in diesem Gedanken gipfelten auch alle ihre Philosopheme. Nachdem die naturverwandten Ideen erst der altvrientallschen, dann die der antiken Kultur aufgebraucht und verzehrt waren, hatte sie ausgelebt und starb ab — auf immer ein Denkzeichen für die Machtbereiche des naturalistischen oder materialistischen Pantheismus. Dieser vermochte die Menschheitliche Entwickelung nicht weiter zu fördern. Hier war es nun die mosaische Eingottidee, welche den Geist über die Natur erhob und also Gührkräfte in der Menschheit Geschichte brachte, welche nach und nach alte zivilisaiorisch beanlagten Stationen in die Gesichtsbewegung hereinzogen; und die sortschreitel'de Bildung dieser neuhistorischen Völkerschaften strebt, von heute teils noch nicht verarbeiteten, teils noch nicht benutzten Faktoren jener Idee bewußt und unbewußt nriltel- und unmittelbar getrieben, und getragen fort nnb fort höheren Zielen zu. Wie wenn über der Länder langgestreiste Strecken und über der weiten Wasserwüste wild wogende Wellen ein ebenso seltener als heftiger Orkan unter Wetterlerrchteu Urwalds Riesen fällend und Berges Gipfel hinabstürzend, aus Donnerrädern daherrollt, daß des Himmels Lichter erbleichen und des dunklen Planeten Innerstes erbebt; daß die Menschen, die dieses Erdkügelchen, einen verschwindend winzigen Punkt im Getriebe des Weltalls, umkrabbelnden Würmlein, zusammenschauernd ihrer Nichtigkeit und Abhängigkeit, der Vergänglichkeit ihrer materiellen j Werke und der nichtswürdigen Thorheit ihrer unaufhörlichen ' persönlichen und nationalen Gehässigkeiten bewußt werden; daß Raubtier anfhorchend die Beute fahren läßt und alles Nr. 25. Gefiederte in Verstecke flattert und die Bewohner der tiefsten Tiefen des Ozeans aufgeschreckt emporwirbeln; daß Staub samt keimendem Samenkorn auf ferne, von Eruptionen zu Tage gehobene nackte Eilande getragen wird; daß in bergender Bai sich schaukelndes Schifflein ans dem Ankergrund gerissen und gleich einer Nußschale zum Spiele der wütenden Stürme hinausgeschlendert wird, um, das menschliche Verbesserungsgenie also anspornend, an der Felsen tosenden Brandung in Splitter zu zerschellen, den drinsitzenden Piraten aber vom sichern Untergang errettet werden zu zu lassen, sein verstocktes Herz endlich zum Guten wendend —: so orkanartig, alles überwältigend mächtig, so keinerlei Widerstand duldend mußte die brausende Sturmflut des zu Beginn des Aufkommens der Eingottidee hereinbrechenden Völkerwanderdrangs den damals unzivilisierten Menschheitsteil Nordenropas und Halbasiens aus dem Halbschlummer geschichtsthatloser Unbeweglichkeit aufrütteln und erwecken, um ihn für die Ausbreitung der neuen Sittenlehre empfänglich zu machen, um das Aufleuchten neuer Kulturslerne vorzubereiten, ob auch zunächst manche Nationalität wie Blätter nn Walde hierher und dorthin verweht, zerstreut, versprengt, ob auch manche alte Bildungsstätte auf lange hinaus verheert ward. — — — — — In der That, die vollendetste, menschenwürdigste Vorstellung vom ewigen Geist, einerlei ob Monotheismus, Deismus oder sonstwie schicklich benannt, faßte mit dem Abscheiden des Altertums in der neuen Völkerwelt Wurzel und erschloß damit einen von Grund aus neuen Akt im Drama der Menschengeschichte. (Ein Schlußartikel folgt.) Katheder and Kanzel. Die leitenden Gesichtspunkte zu einer „Unterstufe des Gebete-Übersetzens". von Dr. I. Goldschmidt.!!. Herr Dreyfuß wird nur dieselbe Erfahrung gemacht haben, wie alle bessern und denkenden unter unfern Lehrern. Erst haben wir, kürzere oder längere Zeit, nach dem alten niechanischen Schlendrian unterrichtet, und das Interesse der Kinder schmolz immer mehr und mehr dahin. In der guten alten Zeit ersetzte die Qualität des Unterrichts, in Bnndesgenossenschaft mit dem Stock, was der Quantität fehlte. Das Interesse kann an der Quantität ebensogut sich beleben, wie an der Qualität. Das lebhafte Gefühl des Fortschreitens erregt schon den Wunsch, mehr zu lernen. Das war ein wesentlicher Hebel des wahrhaft staunenerregenden Interesses, welches unsere alten Religionsschulen trotz des methodischen Schlendrians erzielten. Das Gefühl des Fortschreitens kann aber, bei der dem Hebräischen so karg bemessenen Zeit, unfern Kindern niemals zum lebhaften Bewußtsein kommen, im Gegenteil: nnsie guten Schüler unterschätzen°oft ihr Wissen im Hebräischen. Bis Sonntag vergessen sie, was sie Mittwoch, und bis Mittwoch, was sie Sonntag gelernt haben. Dieses häufig sich wiederholende Bewußtsein des Nichtwissens ist! selbst ein Nagel zum Sarge des Interesses, besonders wenn ' der Lehrer, wie das häufig geschieht, dadurch helfen zu können glaubt, daß er dies Nichtwissen mit Nachdruck hervorhebt.

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