Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 25 (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- Seite 391 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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I e s ch u r u n. Seite 391. mr. 25. Die mosaische Eingottidee Don Moses Kaplan.*) Bevor Berge geboren waren, Und Erde nnd Weltall kreißten: Don ewig her bis in Ewigkeit ist Gott! Ps. 90,2. J. In itvserm Zeitalter, zu dessen allseitiger Kennzeichnung das historisch treffende Wort noch nicht kursiert, werden ans den Gebieten des Glaubens nnd des Wissens tiefbohrender denn je zuvor althergebrachte Grundgedanken nnd Lebensansichten unter dem Brennspiegel neuer Gesicbtspunkte geprüft nnd abgewogen. Der Geist einer ungekannt freisinnigen und sich selbst korrigierenden Kritik will von den Lehrsätzen und Meinungen aus der weiten geschichtlichen Vergangenheit nur das in die Zukunftsära der gereiftem Menschheit hinübergerettet wissen, was des Reitens würdig ist, das heißt was dem Ideale, welches man sich von der Zukuuftsgesellschaft bildet, durchaus entspricht. Das zweischneidige Richtschwert „Logik und Erfahrung" hat in jedem Fall das endgiltige Urteil zu fällen. Wie recht und billig wird anch über die Gestaltng der künftigen R e l i g i o n reichlich herumphilosophiert; da regt unb drängt sich's von rechts und links. Jedoch wird über das Rene, das man zu dem Zwecke als „noch nicht dagewesen" herbeizaubern zu können nnd zu müssen vermeint, nicht selten ans blindem Eifer Altbekanntes übersehen. Die mosaische Eingottidee, welche auf niemals wankenden eigenen Füßen steht nnd keines Retters bedarf, ist alt und bekannt; so alt als unsre Stammesgeschichte, als die Geschichte der Juden. Die biblische Idee von Einem Gott erscheint ja mit der Geschichte Israels von Anbeginn innigst verwachsen; sie bedingt Israels Mission in der menschheitlichen Kultnrentwickelung von seiner Wiege an bis auf diesen Tag ganz nnd gar. . . Was und wo wären wir ohne diese Idee? . . . Die welthistorische Bedeutsamkeit derselben steht also außer Frage. Und dennoch begegnet man nicht nur in außerjüdischen Kreisen, sondern, was uns hier zunächst interessiert, bisweilen auch in unserer eigenen Mitte Anschauungen, die denen des echten Mosaismus schnurstracks zuwiderlaufen; und das Judentum ist doch nichts mehr und nichts minder, als der durch den integrierenden Talmudismus in seinen äußersten Konsequenzen jüdisch-national ausgestaltete Mosaismus. Jene Idee ist anch bekannt, sage ich; nicht aber von jedermann gründlich erkannt und in der ihr innewohnenden Wahrheit genugsam anerkannt. Wieviel Berge von Schriften in mannigfachen Variationen und Wiederholungen sind nicht schon in den Orkus der Vergessenheit versunken und ruhen mit Staub bedeckt, bis der Litterarhistoriker sich ihrer erbarmt — allein unser Gegenstand, so oft dnrchgefuchtelt und ventiliert, zeigt sich unerschöpflich für neue Betrachtungen, unerschöpflich wie die Quelle selbst, aus der die Idee entsprang. Versuchen wir nun, auf keine Autorität als auf die unsrer Quellenschrift gestützt den Begriff zu besprechen nnd zu analisieren, den der reine Mosaismus von dem erhabensten, heiligsten Wesen, an das der Staubgeborne zu denken wagt und das er verehrt, aufweist und in seiner Urkunde, in der hebräischen Bibel, widerspiegelt. Zuvörderst ist zu *) Dortrag gehalten im hebräischen Lesevereine in Königsberg. bemerken, daß man schon von verschiedener Seite als besonders charakteristisch hervorgehoben hat, wie der mosaische SchopfltngSbericht, mit dem die Bibel anhebt, ohne Heranziehung von Sonderbetveisen für das Dasein eines Schöpfers unmittelbar mit der Darstellung der Weltentstehnng selbst beginnt. Die biblische Schöpfungsgeschichte nimmt es also mit den Beweisen, welche schließlich in dem Werke des Meisters zu suchen und zu finden sind, a posteriori; ihre Voraussetzung beruht eben auf gesunder Logik nnd auf Erfahrung, auf dem Resultat aller Erkenntnisse, auf der höchsten Erkenntnis nnd ErfahrlNtgsweisheit, welche ans der zwiefachen Wurzel derselbeit unausbleiblich erlvüchst: aus der Betrachtung uub Durchforschung der Natur unb der Ge schichte. „Wenn wir in die Natur nnd Geschichte schauen, so werden wir ewigen Geist die Zuknust vertrauen und für das Allgemeinwohl vorwärts bauen." Dieser Satz läßt sich ztt einer ganzen abgerundeten Daseinsauffassung entwickeln; doch halten wir uns an unser Thema. Die Betrachtung der bnnten Naturwelt läßt den nicht abgestumpften menschlichen Geist des Regelmäßigen und des Jneinandergreifens gewahr werden, mit der die vielartigste Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, Forinen und Stoffe in ihr hervortritt. Versteht es nun der Mensch nicht, vor der allerwärts nnd tagtäglich sich äußernden Offenbarnug des Naturlebens das Airge zu verschließen, um vom Selbsttrng befangen, für das 'wachsen, Blühen nnd Welken, für den Wechsel der Jahreszeiten, für die symmetrische formennnd farbenreiche Gestaltung des einzelnen wie des Gesamt-Organismns, für das Hervortreten einerOrduung in der vermeintlichen Verwirrung, für den stetenFortgang im scheinbaren Stillstand, kurz für die unzähligen sog-'n. Wunder der Natur etwa eine blittde „Zufälligkeit" oder eine „unbedingte innere Notwendigkeit" sophistisch zu erdichten; versteht er sich auf solche Klügelei nnd Wortspielerei nicht, so kann es anch nicht ausbleiben, daß er dahinter das Walten höherer Fügungsursachen allmählich erkennt nnd huldigt ihrem Erzeuger. So kann schon die Beobachtung und Erkenntnis des durchweg kreisläufigen Lebens und Webens und Sichverwandelns im Makrokosmus, in der großen Natnrallheit ebenso als im Mikrokosmus, in der kleinen Menschensonderheit, zu der Überzeugung von demDasein eines Wesens auleiten, der alles gemacht, gesetz- und zweckmäßig in harmonischer Einheit ordnet und in Belvegung lebendig erhält, — „der sprach und es ward, gebot und es stand da" (Ps. 33,9.) „Wer maß mit seiner Handhöhle die Wasser ab, vermaß die Himmel mit seiner Spanne, faßte im Drittel den Erdstaub und wog Berge und Hügel ab? (Jes. 40,12) Frag' doch die Tiere, sie werden's Dich lehren, den Vogel des Himmels, er wird's dir verkünden; oder rede zur Erde, sie wird dich unterrichten, und dir sagen's die Fische des Meeres: Wer erkennt nicht an allen diesen, daß Jhvh's Hand dies geschaffen?!" (Job 12, 7—9.) Sv giebt die Bibel selbst einen tiefsinnigen Fingerzeig. — Doch nicht jeder kann die, ob noch jo sehr eindringliche Sprache der vieltausendstimmigen Naturpoesie richtig verstehen, ihre Schrift ohne Abirrung nicht jeder lesen. Wie in nnserm nervösen und materialistischen Jahrhundert voller Dampf- und Elektrizitätskraft, so gab es zu allen Zeiten, zumal in begriffsverwirrten Übcrgangsstadien, Hoffärtige und Schwachsinnige, welche sprachen: „Es ist kein Gott!" (Ps. 10,4; 14,1.) Das waren und sind die atheistischen Epikurüer, die ständig ihrer Selbstsucht opfern, weil die Verleugnung der höchsten Erkenntnis