Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 25 (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- Seite 390 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Lreite 300. Nr. 25. I e s rtz u r u n. besorgen. Auch im Mittelalter hat die Arbeit den Stand des Edelmannes und des Ritters entehrt. Im Gegensätze hierzu galt in Palästina die Arbeit als Bestimmung und Pflicht des Menschen. „Gott setzt den ersten Menschen in den Garten Eden, ihn zu bearbeiten und zu behüten. Sechs Tage sollst Du arbeiten und all dein Werk verrichten." Der Segen Gottes wird an die Händearbeit gcknüpft In vielen Sprüchen der Bibel und des Talmuds findet sich die Wertschätzung der Arbeit bei den Israeliten niedergelegt Dieser Theorie des alten Judentums entsprach die Praxis. Die alten Juden waren ein wesentlich Ackerbau treibendes und Vieh züchtendes Volk, das ganze Volksleben war mit Ackerbau und Viehzucht verwachsen. Der König Saul war aus dem Bauernstände hervorgegangen, David der Sohn eines Ackerbürgers von Bethlehem, der Prophet Elias holte seinen großen Schäler- Ellscha vom Pfluge und den Rindern seines Vaters hinweg. Die jüdische Gesetzgebung war darauf berechnet, den Ackerbau in jedw Weise zu fördern, während sie der Ausübung des Handels i; vielen Hinsichten hinderlich war und an die Ackerbaugesetzgebnug schließen sich die Verordnungen, welche die sozialen Verhältnisse des Volkes regelten: wie die Bestimmungen über die Erlasse linb Jubeljahre, über die Feldabgaben und das Zinsverbot. Der Ackerbau bildete die Hauptbeschäftigung der Inden bis zum Untergange des Staates und weit darüber hinaus. Eine große Reihe von Talmndtraktaten handelt nur von den Bestimmungen über den Landban, und Männer ans den verschiedensten Jahrhunderten tragen die nachdrücklichsten Lehren über die Bedeutsamkeit desselben vor. Die hervorragendsten Lehrer ans den nachbiblischen Jahrhunderten lagen dem Ackerbau als ihrer Erwerbsquelle ob. Bildete die Bodenkultur die Haupsbeschäftigung der Israeliten des Altertums, so hatte doch auch ein nicht unwesentlicher Teil der Bevölkerung sich dem Handwerke zngewandt. In der Wertschätzung desselben war die Anschauung der Juden der anderer Völker des Altertums diametral entgegengesetzt. Bei Griechen und Römern galt die Meinung, das Handwerk hemme den Aufschwung des Geistes und verkümmere den Leib, bei den Israeliten wird sein Ursprung aus „der: göttlichen Geist, den Geist der Weisheit, der Einsicht und des Verstandes" zurückgcführt. Fast alle Handwerke waren in Israel vertreten. Die Bibel erwähnte Schmiede in Eisen, Schlosser, Schmiede in Erz und Kupfer Gold- und Silberarbeitei, Verfertiger von Waffen und Rüstzeug, Steinschneider, Maurer, Zimmerleute, Tischler, Wagner, Korbmacher, Töpfer, Lederarbeiter, Walker u. a. m. Die Handwerker waren in den Städten zahlreich; wie noch heute im Orient, befanden sich die Arbeitsplätze gleicher Art in bestimmten Stadtteilen; wir erfahren von einer Bäckerstraße, einem Töpserthor, einem Zimmer-, Käsemacherthal, Wohnplatze der Schmiede rc. In welchem Umfange die Inden in den ersten Jahrhunderten na b dem Untergange des Staates in Palästina und Babylon dem Handwerke oblagen, beweisen die mehr als hundert im Talmud genannten Rabbiner, die zugleich Handwerker waren und zum Teil Handwerkernamen führten. Dieser Pflege des Ackerbaues und des Handwerks gegenüber war die Beschäftigung mit dem Handel in Palästina eine sehr geringfügige. Selbstverständlich gab es den einem jeden Volke zur Deckung seiner eigenen Lebensbedürfnisse unentbehrlichen Binnenhandel. Eine Vorliebe jedoch für das Handelsgewerbe, welches nicht im Umsatz eigener, sondern fremder Arbeit lebt, zeigt sich, wie Delitzsch bemerkt, nirgends, wenn wir von dem ersten christlichen Jahrhundert, so weit als möglich, rückwärts und etwa ein halbes Jahrtausend vorwärts blicken. Im Talmud findet man kaum ein Wort zu Ehren des Handels, wohl aber manches, das auf die Gefahren des Gelderwerbs und des vagierenden Lebens hinweist. Mit Recht konnte Josephus am Ende des israelitischen Staatslebens schreiben: „Was uns betrifft, so bewohnen wir weder ein Küstenland, noch haben wir Freude an Handelsgeschäften und stehen darum auch nicht viel im Verkehr mit anderen. Unsere Städte liegen vom Meere weit ab und unsere Beschäftigung ist, das gute Land, das lvir bewohnen, zu bebauen." Von den außerhalb Palästinas lebenden Inden wird uns schon aus früherer Zeit berichtet, daß sie den Handel gefördert. In Egypten und besonders in Alexandrien trieben sie Handel und Schifffahrt Doch gab es auch unter den alexandrnüschen Inden viele Handwerker, die sogar in Genossenschaften organisiert waren. In der Synagoge in Alexandrien hatten die Goldarbeiter, die Silberarbeiter, die Nagel- und Nadelschmiede, die Kupferschmiede, die Weber ihre besonderen Stünde und Bänke, unb wenn ein Hand- Werksgenosse hiueinkam, setzte er sich zu seiner Innung, die ihn so lange unterstützte bis er Arbeit bekam. Die Juden des fränkischen und burgnndischen Reiches betrieben Ackerbau, Gewerbe und Handel; ebenso die Inden Spaniens, woselbst i. I. 966 die Familie Jbn Gau bedeutende Seidenwebereien hatte und die Krieg Fahnen mit kunstvoll eingewebten arabischen Sprüchen für den König lieferte. Die Juden Griechenlands beschäftigten sich viel mit Seidenraupenzucht, mit Pflanzung von Maulbeerbäumen und Seidenspinnereien. Im französischen Reiche wurde Acker- und Weinbau von den Juden in großem Umfange getrieben. In Sizilien waren fast alle Handwerker Juden. Als gegen Ende des 15. Jahrhunderts auf Befehl Ferdinand des Katholischen die Vertreibung der Inden ans Sizilien dnrchgeführt werden sollte, erbaten die Mitglieder des königlichen Rats unter dem Vorsitze des Großjustititiars Tommaso Moneada, Grafen von Adanv, für dieselben einen Aufschub unter der Begründung, daß „fast alle Handwerker Inden sind. Wenn diese alle auf einmal abziehen, so wird für die Christen ein Mangel an Arbeitern sich Herausstellen, die geeignet sind, den Bedarf von mechanischen Gegenständen und besonders von Eisenarbeiten, sowohl zum Beschlagen der Pferde, wie für Erdarbeiter:, wie auch zur Ausrüstung von Schiffen und anderen Fahrzeugen zu liefern". In demselben Jahrhundert waren die Juden in Kastilien „Zengweber, Goldarbeiter, Zimmerlente, Barbiere, Müller, Smnhmacher, Schneider, Kupferschmiede, Sattler, Seiler, Töpfer, Wagenbauer und Knopfmacher." In Polen gab es i. I. 1530, wie in einer dem König Siegmund 1. überreichten Schrift erwähnt wird, fast gar keine christlichen, doch ca. 10,000 jüdische Handwerker neben 3200 jüdischen Kauflenten. Der ganze Handwerkerstand war, wie in jener Schrift im einzelnen ausgeführt wird, fast ausschließlich durch Juden vertreten. (Schluß folgt.) r